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Verfilmung des Comics: Kein Witz! "Joker" blickt so eindringlich in die Seele eines Mörders, dass die Polizei warnt

Ab sofort im Kino: "Joker". Es ist ein Film, der für Diskussionen und Emotionen sorgen wird. Auf ganz viele unterschiedliche Weisen.

Joaquin Phoenix als "Joker" im aktuellen Kinofilm

Die Deutschen sind diesmal ein wenig später dran mit der Aufregung. Es geht ausnahmsweise mal nicht um E-Scooter oder den Brexit, sondern um einen gut zweistündigen Spielfilm. Wenn an ­diesem Donnerstag auch bei uns der ­"Joker" in die Kinos kommt, läuft er fast überall auf der Welt schon seit einer ­Woche. Und zumindest in den USA läuft dabei auch immer etwas die Angst mit.

Eine Kinokette hat dort gerade in ihren 50 Spielstätten das Tragen von Clowns­kostümen verboten; an den Eingängen  sollen die Kontrollen nach Waffen noch strenger werden. Die Polizei von Los ­Angeles will besondere Präsenz zeigen und rät Besuchern zur Wachsamkeit, sogar die US-Army warnte einige ihrer Stützpunkte in einem Newsletter vor möglichen ­Gewaltausbrüchen rund um den Kinostart.

Was ist da bloß los?

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Zur Erinnerung: Der Anlass ist eine Comic­verfilmung. Der Joker, ein offenbar mental gestörter Mann mit grünen Haaren und einem fratzenhaften Grinsen, ist der Erzfeind von Batman. Wurde jedoch dem Superhelden mit der Fledermausmaske bereits in vielen TV-Serien und ­Filmen wie "The Dark Knight" ein Denkmal gesetzt, steht nun erstmals die Entwicklungsgeschichte des Schurken im Zentrum. Batman? Ist im "Joker"-Film noch ein kleines Kind.

Es wird hoffentlich nicht viel passieren, wenn das ungewöhnlich düstere Werk nun startet. Doch bestimmt werden viele Menschen aus den Vorstellungen strömen und ein seltsames Gefühl spüren in der Magengegend. Und möglicherweise auch an der Stelle im Körper, wo das Gewissen sitzt.

Der Star und sein "Drache": Joaquin Phoenix (l.) mit seiner Verlobten, Schauspielerin Rooney Mara

Der Star und sein "Drache": Joaquin Phoenix (l.) mit seiner Verlobten, Schauspielerin Rooney Mara

Die Unruhe mag daher rühren, dass der Regisseur Todd Phillips, eigentlich ein ­Spezialist für irrwitzige Jungskomödien wie "Hangover" und "Old School", in sein Drama ein paar kurze, aber sehr heftige ­Gewaltausbrüche einstreut. Und dass Phillips seinen Antihelden Arthur Fleck, so heißt der "Joker" im richtigen Leben, unglaublich ernst nimmt. So ernst, dass man den von Joaquin Phoenix fulminant gespielten Verlierer in einigen Szenen am liebsten fürsorglich in den Arm nehmen möchte, ganz so, wie es seine Filmmutter tut. Sie nennt ihren Sohn, der ohne Vater aufwächst, dann "Happy", lässt sich von ihm in der Badewanne die Haare waschen und erklärt ihm seine Bestimmung: Lachen und Freude in die Welt zu bringen.

Richtig viel zu lachen hat dieser Arthur aber nicht. Er schlägt sich als Kinderclown im Krankenhaus durch, hüpft mit einem Werbeschild über den Bürgersteig und versucht sich als Stand-up-Komiker. Erst als er sich mit einer Nachbarin anfreundet und in die TV-Show eines legendären Talkmasters (gespielt von Robert De Niro) eingeladen wird – seine Gags sind so schlecht, dass sie schon wieder lustig sind –, keimt  Zuversicht. Doch bald wird er gemobbt, das Sozialamt streicht seine Medikamente, und der Absturz beginnt.

Phoenix hat für die maßgeschneiderte Rolle mehr als 23 Kilogramm abgenommen und spielt die Gratwanderung zwischen Wahn und Wirklichkeit mit einer Hingabe, die fast hypnotisierend wirkt. Dabei waren schon seine früheren Auftritte nicht ohne: Drogensüchtiger und Serienkiller, Johnny Cash und römischer Kaiser.

Der Film "Joker" zeigt einen der großen Antihelden der Popkultur

Die Rolle, die ihm endlich den Oscar bringen dürfte: Joaquin Phoenix, 44, als "Joker"

Joker als Ikone der Popkultur

Bei einer Gala zu seinen Ehren dankte Phoenix neulich seiner Mutter, seinem verstorbenen Bruder River und seiner Verlobten, der Schauspielerin Rooney Mara, einem "schmutzigen Drachen", dessen abgerissene Flügel er an einer Bettdecke festmachen möchte, um damit "für immer zu schlafen". Ein bizarres Kompliment zwischen Aberwitz und Leidenschaft, das die Gedankenwelt des 44-Jährigen wohl besser abbildet als jedes Porträt. 

"Joker" spielt im Jahr 1981, in einer an das echte New York angelehnten Stadt. Was bei vielen Zuschauern Erinnerungen wecken könnte an Filme von Martin Scorsese wie "Taxi Driver" und "The King of Comedy". Wegen eines Streiks der Müllabfuhr sieht die Metropole noch schäbiger aus, die Einwohner reagieren zunehmend aggressiv auf ihre Umwelt, und die Unterschiede zwischen Arm und Reich sorgen für wachsende Unruhe in der Gesellschaft. "Geht es nur mir so, oder wird die Welt da draußen wirklich immer verrückter?", fragt Arthur einmal. Eine Frage, die sich auch im Jahr 2019 schon einige gestellt haben dürften. Nicht nur wegen der E-Scooter.

Ja, es ist möglich: eine Comicverfilmung für Erwachsene. Verkleidet als Charakterstudie, kommt "Joker" den Abgründen seiner Titelfigur so nah, dass es wehtut. Das liegt an den grandiosen Schauspielleistungen von Joaquin Phoenix und Robert De Niro, aber auch an einem Drehbuch, das eindrucksvoll den Zeitgeist spiegelt. Ein Kinoereignis, erschütternd und relevant.

Ja, es ist möglich: eine Comicverfilmung für Erwachsene. Verkleidet als Charakterstudie, kommt "Joker" den Abgründen seiner Titelfigur so nah, dass es wehtut. Das liegt an den grandiosen Schauspielleistungen von Joaquin Phoenix und Robert De Niro, aber auch an einem Drehbuch, das eindrucksvoll den Zeitgeist spiegelt. Ein Kinoereignis, erschütternd und relevant.

Darin liegt die große Stärke – und wohl auch die Gefährlichkeit – des Films. Er folgt zwar den Spuren einer seit fast 80 Jahren etablierten Hassfigur, einer Ikone der Popkultur. Er kreist um einen Unhold, der neben Darth Vader, Hannibal Lecter und Lord Voldemort als einer der besten fiktiven Bösewichte aller Zeiten gilt, im Kino bereits dargestellt von Größen wie Jack Nicholson, Jared Leto und ­Heath Ledger. Doch  Phoenix’ Joker gelingt es nun wie nie zuvor, Sympathien zu wecken, Verständnis für einen Massenmörder – das ist verstörend.

Zudem greift der Film Fragen auf, die an die Substanz und ans Selbstverständnis unserer gegenwärtigen Gesellschaft rühren. Funktioniert der Wohlfahrtsstaat noch? Kümmern wir uns genug um die Kranken, Schwachen und Zurückgelassenen? Warum werden die Reichen immer reicher, und der große Rest nimmt Perspektivlosigkeit und Ausbeutung einfach hin? Und wie lange wollen wir uns das alles noch gefallen lassen? Das eigentliche Monster, so die unterschwellige Botschaft, ist nicht der irre Clown. Sondern die wachsende Unfähigkeit zur Empathie. 

Mitgefühl und Erinnerungen an einen Amoklauf

"Während des Drehs habe ich ihm gegenüber Mitgefühl verspürt, seine Motive verstanden", sagt Phoenix, "doch dann haben mich seine Entscheidungen wieder zurückgestoßen." Am Ende kennt Arthur nämlich nur eine Antwort: Widerstand, notfalls mit Gewalt. Man erkennt schnell die Parallelen zu heute: von den Protesten gegen G20 und im Hambacher Forst über Bewegungen wie "Occupy Wall Street" bis hin zu "Extinc­tion Rebellion" und den Gelbwesten.

Bei der übertrieben wirkenden Vorsicht in den USA schwingt zudem die Erinnerung an den Amoklauf von Aurora 2012 mit. Damals erschoss ein Mann in einer Spätvorstellung zwölf Zuschauer und verletzte 70 weitere, zum Teil schwer. Im  Kinosaal lief "The Dark Knight Rises", ein "Batman"-Film. Selbst wenn der neue "Joker" nun Kasse macht und Preise gewinnt – zu Scherzen ist gerade nicht mal das Filmstudio Warner Bros. aufgelegt.

Dieser Artikel ist der aktuellen Ausgabe des stern entnommen: