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"King Kong": Eine riesige Liebesgeschichte

Peter Jackson ist eine mitreißende Neuverfilmung des Filmklassikers "King Kong" gelungen, die mit viel Gefühl die Liebesgeschichte zwischen dem Affen und der Blondine herausarbeitet. Leider verirrt sich der Regisseur zwischenzeitlich in seinen "Herr der Ringe"-Kosmos.

Von Carsten Heidböhmer

Das Jahr 1933 ist auch anderswo kein gutes Jahr. Die Vereinigten Staaten ächzen unter der Großen Depression. Die hübsche Varieté-Schauspielerin Ann Darrow hat gerade ihre Arbeit verloren und streift hungrig durch die Straßen New Yorks, wo ihr der Regisseur Carl Denham über den Weg läuft. Dem ist gerade die Hauptdarstellerin für seinen neuen Film abgesprungen. Denham will schnellstmöglich mit seiner Crew zu Dreharbeiten auf einer fernen Insel aufbrechen, da kommt ihm die hübsche Blondine mit den Kulleraugen gerade Recht. Es gelingt ihm tatsächlich, Ann für sein windiges Projekt anzuheuern. Noch in derselben Nacht läuft das Schiff aus – mit unbekanntem Ziel. Die Reise wird viele der Insassen das Leben kosten. Und Ann das erste Mal in ihrem Leben die große Liebe erfahren lassen.

Als kleiner Junge hatte Peter Jackson "King Kong und die weiße Frau" im neuseeländischen Fernsehen gesehen und - so will es die Legende - noch am selben Abend beschlossen, Regisseur zu werden. Gut 30 Jahre später gilt dessen Neuverfilmung des Stoffes als Kinoevent des Jahres. Gleich mehrere Erwartungen muss der Regisseur damit bedienen: Die Filmbranche sieht darin die letzte Chance, das desaströse Geschäftsjahr doch noch zu einem positiven Abschluss zu bringen. Cineasten wünschen sich eine intelligente Neuinterpretation des Hollywood-Klassikers. Und die Zuschauer erwarten nichts weniger als ein grandioses Spektakel. Keine leichte Aufgabe für den Oscar-dekorierten Regisseur. Um alle diese zum Teil widerstrebenden Interessen bedienen zu können, hat sich Jackson ein gigantisches Budget von mehr als 200 Millionen Dollar gesichert und das Ganze auf fürstliche 188 Minuten ausgebreitet.

Ironische Anspielungen auf das Original

Dies ermöglicht ihm, die Handlung in aller Ruhe auszubreiten. Jackson siedelt die Geschichte in den 1930er Jahre an - genau die Zeit also, in der das Original entstanden ist. Mit zahlreichen ironischen Anspielungen erweist der Regisseur der von ihm bewunderten Vorlage seine Reverenz. Peter Jackson hat mit viel Liebe das New York der Depressionszeit auferstehen lassen. Dabei gibt er Handlung und Personen viel Raum zur Entfaltung. So lernen wir sie in aller Ausführlichkeit kennen: die scheue, idealistische Ann Darrow (Naomi Watts), die noch immer an die große Liebe glaubt. Den skrupellosen Film-Impressario Carl Denham (gespielt von dem großartigen Komiker Jack Black), der in seiner Gier nach Ruhm und Erfolg buchstäblich über Leichen geht. Und den Bühnenautor Jack Driscoll ("Pianist" Adrien Brody), der nur aus Geldnot den Job des Drehbuchautors angenommen hat und sich plötzlich mit der Besatzung um Captain Englehorn (Thomas Kretschmann gibt hier den coolsten Kapitän seit Jürgen Prochnow in "Das Boot") auf hoher See wiederfindet. Tatsächlich erreicht das Boot nach einem schweren Sturm die Küste von Skull Island.

Dort trifft die Besatzung auf Furcht einflößende Ureinwohner, die Ann kurzerhand kidnappen und dem Riesenaffen King Kong zum Opfer darbieten. Der verliebt sich sogleich in die schöne Blondine. An dieser Stelle geht Jackson einen entscheidenden Schritt weiter als die Urfassung: Ann erwidert bei ihm diese Liebe. In wundervollen Szenen zeigt der Film, wie sich die beiden einander zunächst fremden Wesen einander annähern. Wie Ann den Affen mit ihren Varieté-Künsten belustigt. Wie der vor Schadenfreude grunzt, wenn die Blonde dabei das Gleichgewicht verliert und auf ihren Allerwertesten fällt. Und wie das Paar schließlich gemeinsam die untergehende Sonne betrachtet. Welch eine Romantik! Und man kann mit Ann fühlen, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben geliebt fühlt - rein und selbstlos.

Action statt Emotion

Während das neue Paar also dem Sonnenuntergang entgegenschmachtet, macht sich der Rest der Schiffscrew auf die Suche nach Ann. Auf dem Weg zu ihr lauern jede Menge Dinosaurier, Würmer, Insekten. Hier entsinnt sich Jackson seiner Action-geprägten "Herr-der-Ringe"-Trilogie. Nicht allein, dass die Insellandschaft mit ihren wuchernden Wäldern, steilen Klippen und eindrucksvollen Wasserfällen stark der Landschaft auf Mittelerde gleicht. Das wäre noch zu verkraften gewesen. Doch leider verlässt der Regisseur zu oft und zu lange die packende Geschichte, um sich lustvoll ins Schlachtengetümmel zu stürzen. Immer wieder warten neue Untiere auf die Schiffscrew, die auf ihrem Weg zu Ann ein Gemetzel nach dem anderen überstehen muss.

Die Befreiung gelingt schließlich, und als Mitbringsel wird King Kong betäubt und nach New York verschleppt, wo Denham groß Kasse machen will. Das Ende ist bekannt: Von Liebe getrieben flüchtet der Riesenaffe mit Ann auf das Dach des Empire State Building, wo das Paar einen letzten gemeinsamen Sonnenuntergang genießt, ehe die US-Luftwaffe dem Ganzen ein jähes Ende bereitet. Der wahre Sachverhalt wird in dem berühmten Schlusssatz des Films zum Ausdruck gebracht: "Nicht die Flugzeuge. Es war die Schönheit, die das Biest tötet".

Auf diesen Film bezogen lässt sich sagen: Auch der Overkill an Spezialeffekten und Action hat es nicht vermocht, dieser berührenden Geschichte das Leben zu nehmen. Peter Jackson ist alles in allem ein mitreißender Film gelungen, der dem alten Topos von der Schönen und dem Biest eine neue Seite abgerungen hat. Und so wird die Legende von dem Riesenaffen Kong und seiner Liebe zu einer Frau auch im neuen Jahrtausend noch Bestand haben - und vielleicht eines Tages einen kleinen Jungen dazu ermutigen, Regisseur zu werden.