VG-Wort Pixel

"Poll" mit Paula Beer Am Vorabend der Urkatastrophe

"Poll" erzählt die Geschichte der Dichterin Oda Schaefer (Paula Beer), die 1914 als junges Mädchen ins Baltikum reist
"Poll" erzählt die Geschichte der Dichterin Oda Schaefer (Paula Beer), die 1914 als junges Mädchen ins Baltikum reist
© Piffl Medien
Die 14-jährige Oda reist zu ihrem Familiengut im Baltikum - und findet eine bis auf die Knochen morsche Gesellschaft vor. "Poll" erzählt, wie brüchig Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs war.
Von Carsten Heidböhmer

Jahrzehntelang haben sich deutsche Filmemacher an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs abgearbeitet. Noch bis vor kurzem dominierten Sujets über das Dritte Reich: Bernd Eichingers "Der Untergang", Margarethe von Trottas "Rosenstraße", Dennis Gansels "Napola" oder "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky - um nur vier Filme aus diesem Jahrtausend zu nennen. Seit einiger Zeit ist aber ein Interesse für andere Epochen erkennbar. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die deutsche Geschichte weitaus mehr Facetten zu bieten hat als die zwölf Hitler-Jahre.

Aktuell scheint der Erste Weltkrieg stärker in den Focus zu rücken. Den Anfang machte die deutsch-französische Produktion "Merry Christmas" über die Verbrüderungen der verfeindeten Soldaten Weihnachten 1914. Vor zwei Jahren hat Michael Haneke mit "Das weiße Band" einen bedrückenden Film vorgelegt, der eine Reihe mysteriöser Vorfälle in einem kleinen norddeutschen Dorf im Sommer 1914 schildert. Dieser Trend scheint auch in der Literatur angekommen zu sein: In seinem aktuellen Bestseller "Sturz der Titanen" schildert Schriftsteller Ken Follett die Ereignisse, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten.

In seinem neuen Film beschäftigt sich auch Chris Kraus ("Vier Minuten") mit dieser Epoche. Wie Haneke nähert er sich dem Kriegsausbruch nicht von den europäischen Zentren, den Schaltzentralen der Macht, sondern geht an die Peripherie Europas, wo die Widersprüche stärker und ungeschminkter aufeinanderprallen.

"Mein Vater hat den Tod immer mehr geliebt als mich"

Im Mittelpunkt von "Poll" steht die 14-jährige Oda von Siering (gespielt von der Kino-Entdeckung Paula Beer), die nach dem Tod ihrer Mutter im Juni 1914 von Berlin zurück auf das Familiengut an die baltische Ostseeküste zieht. Neben den sterblichen Überresten ihrer Mutter führt Oda ein Glas mit sich, das zwei Föten enthält. Ein Wunsch ihres Vaters Ebbo (Edgar Selge), eines kauzigen Hirnforschers, der in der Abgeschiedenheit des Baltikums umstrittene Experimente durchführt, in der Hoffnung, das Böse im Gehirn lokalisieren zu können. Unter Missachtung sämtlicher ethischer Grundsätze schnibbelt er an Leichen herum. Sein Ziel: Doch noch eines Tages als Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

Rückblickend sagt Oda über Ebbo: "Mein Vater hat den Tod immer mehr geliebt als mich". Doch er ist nicht das einzige Problem für das junge Mädchen: Ihre Stiefmutter behandelt sie kühl, wie das gesamte gesellschaftliche Klima im Baltikum kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs fröstelig ist: In den letzten Tagen des Zarenreichs wird das Zusammenleben von Deutschen, Russen und Balten immer angespannter, die Volksgruppen beäugen sich zunehmend misstrauischer. Anarchisten heizen die Atmosphäre zusätzlich an und werden von den Soldaten des Zaren grausam verfolgt.

Der wild-romantische Anarchist

Einen dieser Anarchisten findet Oda schwer verwundeten im Badehaus ihres Anwesens. Dank der von ihrem Vater abgeschauten Medizinkenntnisse pflegt sie ihn gesund. Über den estnischen Anarchisten, den sie "Schnaps" tauft, kommt sie mit einer wild-romantischen Lebenseinstellung in Kontakt, die in starkem Kontrast zu der morsch-morbiden Atmosphäre auf dem Gut "Poll" steht. Denn die letzten Tage der deutschen Oberschicht im Baltikum sind längst angebrochen. Zwar pflegen Ebbo von Siering und seine zweite Frau Milla (Jeanette Hain) einen dekadenten Lebensstil mit opulenten Mahlzeiten, Bediensteten und Hauskonzerten. Doch die Beziehung zwischen Ebbo und seiner Frau ist nur noch Fassade und so brüchig wie die Gesellschaft im Zarenreich. Denn Milla betrügt ihren Mann mit dem nassforschen Gutsverwalter Mechmershausen (Richy Müller). Die junge Oda bekommt die Verlogenheit des Familienlebens mit - und identifiziert sich umso stärker mit dem verfolgten Anarchisten.

In wundervollen, opulenten Bildern fängt "Poll" die Stimmung im Baltikum kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein. Großen Anteil daran haben Kamerafrau Daniela Knapp und Szenenbildnerin Silke Buhr, die für ihre Arbeit an diesem Film bereits mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Auch die damals 14-jährige Paula Beer (Beste Nachwuchsdarstellerin) und Edgar Selge (Bester Darsteller) wurden Anfang Januar mit dem bedeutenden Filmpreis geehrt.

Mit seinem neuen Film verbindet Regisseur Chris Kraus, der auch das Drehbuch schrieb, ein persönliche Geschichte: "Poll" beruht auf den Memoiren von Kraus' Großtante, der Dichterin Oda Schaefer. Er nimmt sich dabei die Freiheit, viele Details abzuändern. Das kommt der Dramaturgie des Filmes zugute. Im Gegensatz zu Michael Hanekes Film "Das weiße Band", der zur gleichen Zeit spielt, fehlt Kraus' Film jedoch über weite Strecken das Abgründige, das einem das Gespür für die herannahende Katastrophe vermittelt. Stattdessen sind die Geschehnisse eingebunden in eine Rahmenhandlung: Am Ende ihres Lebens blickt Oda auf ihre Zeit im Baltikum zurück. Noch mal davongekommen: Mit diesem wohligen Gefühl entlässt der Film seine Zuschauer. Die vielen Millionen Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs - für sie ist die Geschichte nicht so gut ausgegangen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker