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"Saw VI": Folterspiele mit mehr Handlung

Alle Jahre kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der Horror-Klassiker "Saw". Mittlerweile geht die Filmreihe in die sechste Runde. Die Spielchen sind gewohnt grausam, die Handlung einigermaßen passabel.

Von Isabelle Buckow

In der ersten Szene möchte man am liebsten schreiend aus dem Kino laufen. Wenn sich die Kreditvermittlerin Simone - zur Strafe ihrer skrupellosen Machenschaften natürlich - erst mit einem Fleischermesser und später mit einem Hackebeil den Unterarm abtrennt und ihr Kollege sich Stücke überschüssiges Fett aus seiner Bauchdecke säbelt, dann legt man als Zuschauer schon mal die Stirn in Falten und fragt sich ernsthaft, ob so viel Brutalität im Kino noch zu ertragen ist. Nein!, fanden die Spanier und zeichneten den mittlerweile sechsten Teil der Filmreihe "Saw" deshalb mit einem X-Rating aus.

Während der Film in Spanien nur in acht Pornokinos läuft, in dem Filme mit dieser Auszeichnung gezeigt werden dürfen, hat Deutschland die Fortsetzung der Folterserie ab 18 Jahren in den regulären Kinos freigegeben. Da spritzt das Blut nach allen Seiten, quellen Gedärme aus zerfetzten Körpern, werden Gliedmaßen zerhackt oder Menschen ganz old school mit Schrotflinten erschossen. Das ist Saw. Und das ist es, was die Fans von dem Franchise erwarten. Da ist es überraschend, dass die Autoren des sechsten Teils, Marcus Dunstan und Patrick Melton, wieder auf mehr Handlung setzen. Die Spielchen in "Saw VI" sind zwar nicht weniger grausam, dafür aber weniger blutig als in den Teilen davor. Mit Ausnahme der ersten Szene natürlich, die so manchen Kinogast vermutlich an die Grenze der Belastbarkeit bringen wird. So richtig abscheulich sind dieses Mal aber nicht die Apparaturen als solche, sondern die Entscheidungen über Leben und Tod, zu denen der Krankenkassenmanager William Easten im Verlauf der Handlung immer wieder gezwungen wird.

Während William sich durch seine Prüfungen quält, setzt der folgsame Jigsaw-Schüler Detective Hoffman (Costas Mandylor) das Vermächtnis des im dritten Teil verstorbenen John Kramer (Tobin Bell) ungerührt fort. Unterstützung erhält er dabei von Kramers Witwe Jill (Betsy Russell), die nach dem Ableben ihres krebskranken Mannes sechs Briefumschläge mit Fotos der nächsten Opfer erhalten hat. Ihr psychopathischer Ehemann hatte William Easten kurz vor seinem Tod noch selbst als Opfer seiner perfiden Spiele ausgewählt, weil der Manager seinen Antrag auf Kostenübernahme einer neuartigen Krebstherapie abgelehnt hatte. Zur Strafe, dass er wahllos über Leben und Tod seiner Klienten entscheidet, muss er sich nun Jigsaws ganz persönlichem "Resozialisierungsprogramm" stellen. Alles scheint glatt zu gehen, bis die Journalistin Pamela (Samantha Lemole) vor Jills Tür auftaucht und mit brisanten Informationen den ganzen Plan über den Haufen zu werfen droht.

Jigsaw bleibt das Gesicht des Films

Wirklich neu ist dieses Konzept natürlich nicht. Noch immer geht es in erster Linie um Jigsaw, der sich selbst die "Rettung" von verlorenen Seelen auf die Fahne geschrieben hat und der sich in Form von unzähligen Rückblenden immer wieder mit seinen zweifelhaften Weltverbesserungs-Ansichten zu Wort meldet. Und noch immer stehen die Folterspielchen im Vordergrund, mit denen der sadistische Psychopath die Menschen dazu bringen will, das Leben schätzen zu lernen. Doch geht es darum fünf Jahre nach dem grandiosen "Saw"-Auftakt wirklich noch? Die Antwort lautet: Jein. Sollten im ersten Teil die Menschen tatsächlich noch zur Umkehr bewegt werden - sei es, weil sie drogenabhängig waren, sich umbringen wollten oder ihr Leben auf sonst eine Art und Weise verschwendeten - so wurde mit jeder weiteren Fortsetzung der Filmreihe aus der "Rettung" eher eine "Bestrafung". So auch im sechsten Teil. In Anlehnung an das marode Gesundheitssystem der USA wird hier gleich eine ganze Abteilung einer Krankenversicherung bestraft. Und so muss nicht nur William Easten sein profitorientiertes Vorgehen bei der Bewilligung von Versicherungen noch einmal überdenken. Nein, auch seine Arbeitskollegen müssen dran glauben. Gerettet werden können sie nur durch William, der sich aber schon entscheiden muss, welchen seiner Kollegen er am Leben lassen will. Irgendjemand muss ja schließlich die Rechnung mit dem Tod begleichen. Also: Rettung für die einen, Bestrafung für die anderen.

Immerhin führen Marcus Dunstan und Patrick Melton die "Saw"-Reihe wieder zu ihrem Ursprung und einer einigermaßen passablen Handlung zurück. Der Fokus des Films liegt zwar wie gewohnt auf der Faszinationskraft zerstückelter Körperteile und schmerzverzerrter Gesichter. Anders als sein Vorgänger bringt "Saw VI" den Zuschauer aber wieder dazu, sein Gehirn einzuschalten und sich nicht nur von blutüberströmten, schreienden Schauspielern beschallen zu lassen. Leider verstrickt sich die Geschichte oft mit früheren Ereignissen, so dass man zeitweise wie der Ochs' vor'm Berg steht, wenn man die Reihe nicht von Anfang an verfolgt hat. Da nützen auch die ewigen Rückblenden, in denen Jigsaw als alter kranker Mann von Amanda in seinem Rollstuhl durch die Gegend gekarrt wird, nichts.

Obwohl ein Aufwärtstrend in der Reihe zu verzeichnen ist, kann "Saw VI" trotzdem nicht annähernd an die Qualität des ersten Teils anknüpfen. Doch vom sechsten Teil eines Horror-Franchises kann man wohl kaum etwas anderes erwarten. So ist "Saw VI" nur ein durchschnittlicher Horrorfilm, der zumindest Fans der Reihe begeistern wird.

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