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"Schwere Jungs": Das Wunder von Oslo

Das Wunder von Bern war gestern, jetzt kommt das Wunder von Oslo. "Wer früher stirbt, ist länger tot"-Regisseur Marcus H. Rosenmüller erinnert in "Schwere Jungs" mit bajuwarischem Charme an den Überraschungssieg des deutschen Viererbobs bei den Olympischen Spielen 1952.

Von Kathrin Buchner

Es ist ein auf historischen Tatsachen beruhendes Wintermärchen, das uns Jungregisseur Marcus H. Rosenmüller kredenzt: Hat er schon in "Wer früher stirbt, ist länger tot" ausgiebig bayerische Originale im Ringen mit Schuld, Sühne und dem jüngsten Gericht gezeigt, geht es diesmal um den irdischen Wettstreit unter Männern, wer die größte Potenz beziehungsweise den schnellsten Schlitten hat.

Im Garmisch der 50er Jahre leben der Gamser (Sebastian Bezzel) und der Dorfler (Nicholas Ofczarek). Während dem Großkotz Dorfler das Glück nur so zufliegt - er ist erfolgreicher Unternehmer und Bobfahrer - ist Gamser der geborene Verlierer. Seine Schreinerei wirft gerade das Nötigste zum Leben ab. Aber vor allem leidet er noch an der Schmach seiner Kindheit, als er gegen den Dorfler bei den Jugendmeisterschaften im Bobfahren verloren hat. Dann bietet sich die einmalige Chance auf Revanche: Neben dem Dorfler-Team kann noch ein zweites Bobteam zu den Olympischen Spielen nach Oslo fahren.

Der Ehrgeiz ist entfacht, das Team aus Kinderzeiten formiert sich neu. Die Motive der Sportsfreunde sind höchst unterschiedlich: Während es dem Gamser um seinen persönlichen Rachefeldzug geht, hofft der Gustl (Antoine Monot Jr) auf lukrative Geschäfte mit norwegischen Pornos und der Leusl Peter (Simon Schwarz) ist einfach nur froh, der Fuchtel seiner resoluten Gattin für eine Weile zu entkommen.

Und so entspinnt sich eine herzerfrischende Komödie um den ersten Platz auf dem Podest. Ein echter Glücksgriff für Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Denn als er "Schwere Jungs" angeboten bekam, war er gerade noch mit den Dreharbeiten zu seinem Kinoerstling "Wer früher stirbt, ist länger tot" beschäftigt, der sich als Überraschungserfolg entpuppen sollten. "Wann kriegt man schon ein Drehbuch, das in den 50er Jahren in Bayern spielt, mit Bobbahnen, die man bauen kann, und das auch noch auf einer wahren Begebenheit beruht. Mir hätte das Herz geblutet, wenn ich das nicht machen hätte können, bloß weil es zeitlich nicht hinhaut", sagt Rosenmüller.

Hat es aber doch, weil beide Produktionsfirmen kooperiert haben. Aber das waren nicht die einzigen Probleme, mit denen der Regisseur kämpfen musste. Das Fahren mit den schweren historischen Bobs erwies sich als sehr gefährlich, bei den Außendrehs war es kalt, es wurde spät hell und früh dunkel, und dann hatte es auch noch so geschneit, dass das Team die Bobbahn nicht mehr gefunden hat. Außerdem mussten Schauspieler gefunden werden, die nicht nur als schwere Jungs durchgingen, sondern auch bayerisch beherrschten. "Der Daniel Zillmann zum Beispiel ist Berliner. Das war ein Abenteuer. Aber der hat so einen Fleiß gehabt, das war scho a Gaudi", sagt Rosenmüller. Als Glücksgriff erwies sich Hauptdarsteller Sebastian Bezzel, der sogar aus Garmisch stammt.

Und so sieht man bayerische Haudegen auf glühenden Kufen, deftig, würzig, charmant. Mit Fressorgien fürs Kampfgewicht, Schlägereien um Eisprinzessinnen, echten Kerlen in langen Unterhosen und verstörten Delegationsleitern. Eine Prise Peter Alexander, ein Schuss Schulmädchenreport, ein Tupfer "Das Wunder von Bern". Nostalgisch und authentisch bis ins Detail nachgestellt. Mit einem hinreißenden Bastian Pastewka in bester Jerry-Lewis-Manier, der mit seinem Ausnahme-Talent den Pointen noch das i-Tüpfelchen draufsetzt ohne den anderen Darstellern die Show zu stehlen.

Mit harmlosem, aber perfekt sitzendem Slapstick knüpft "Schwere Jungs" an die Zeiten an, als das Kino noch unschuldig war. Während wir 2006 einen dritten Platz schon als Sommermärchen feiern, ereignete sich 1952 ein echtes Schneewunder: die erste Winter-Goldmedaille für Deutschland nach dem Krieg. So amüsant hat man Zeitgeschichte selten gesehen.