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50 Jahre 007 im Kino: Welchen James Bond hätten Sie denn gern?

Der ultimative Leinwandheld wird 50. Ein halbes Jahrhundert haben wir mit ihm gekämpft, geflirtet und in jüngster Zeit auch gelitten. Weil er einer von uns ist.

Von Sophie Albers

Natürlich haben wir von klein auf gelernt, dass Kino nichts mit der Realität zu tun hat. Dass es den Zauberer von Oz ebenso wenig gibt wie radioaktive Zombies. Dass Filmorte Traumorte sind. Dass Schönheit eine Frage der Einstellung ist. Und dass eine Schlägerei vor unserer Haustür nichts mit Jackie Chan zu tun hat. Trotz dieses ewig gepredigten Wirklichkeitsabgleichs überkommt uns aber doch immer wieder ein allmächtiges, allumfassendes Gefühl der Unverwundbarkeit, wenn wir aus dem Kino kommen. Diese Sekunden, in denen wir verschmelzen mit dem Helden unseres Filmabenteuers. Und der größte davon ist und bleibt James Bond.

Kaum ein anderes Leinwandwesen - außer vielleicht Bambi - hat solch feste Verankerung in unserer Identität erfahren wie dieser Geheimagent mit der kleinen Beretta, der großen Klappe und der promisken Ader. Als die Ruhe selbst läuft 007 nun bald zum 23. Mal mit aller Eleganz mitten ins Auge des Sturms, um kurz darauf nach selbstredend erfüllter Mission, von wenigen Kratzern gezeichnet wieder in unser Blickfeld zu schreiten und sich etwas Staub vom tadellosen Anzug zu klopfen. Keine Krise, die er nicht mit strahlender Würde meistert, keine Panik, keine falschen Entscheidungen, keine Unsicherheit. Wir sind James Bond, weil wir so gern wären wie er.

Bond lässt niemanden kalt

Seit 50 Jahren springt, feiert, rast, schießt, flirtet er über die Leinwand, angefangen mit "James Bond jagt Dr. No" 1962: Der Agent mit der Lizenz zum Töten, das war sechs Mal der haarige Ur-Bond Sean Connery, ein Mal das schauspielernde Model George Lazenby, sieben Mal der Witzbold Roger Moore, zwei Mal der umstrittene Timothy Dalton, vier Mal der harmlos-elegante Pierce Brosnan und nun zum dritten Mal der harte, dreckige Daniel Craig. Jeder Bond-Darsteller hat sein eigenes Fan-Team, und die Auseinandersetzung darüber, welcher Bond denn nun der beste sei, nimmt zuweilen religiöse Züge an. Bond lässt niemanden kalt. Erinnerungen, Erwartungen, Meinungen haben wir alle. Denn das Phänomen gehört zu unserem Erwachsenwerden wie Michael Jackson oder die Rolling Stones. Der ewige "Top Gun" Tom Cruise feiert in diesem Jahr sein halbes Jahrhundert, ebenso Demi "Nachrichten von Sam" Moore und der Darsteller des "Michel aus Lönneberga", Jan Ohlsson. James Bond ist, wo wir herkommen.

Und weil jeder ein eigene James-Bond-Geschichte hat, taugt Ian Flemings Spion so wunderbar zum Vorbild: Es gibt James-Bond-Bücher- und -kurse zur Motivation, zum schnelleren Lesen, zur Wiedererlangung der Männlichkeit, für einen besseren Lebensstil, besseres Design und besseres Essen. Überall und nirgends steht James Bond drauf, weil drin sein kann, was jeder finden will.

Und welcher Bond-Fan sind Sie?

Da ist die unerreichte Leidenschaft der Erbsenzähler, die genau wissen, wann, wie und ob welche Waffe zum wievielten Mal in welcher Szene zum Einsatz gekommen ist. Die können mit den Nostalgikern nichts anfangen, für die Connerys überwucherte Brust für Nachmittage in der Kindheit steht, als dicke Vorhänge die Sonne draußen hielten, damit der Kontrast stimmt. Als Papa noch geraucht hat, als man den Plattenspieler noch umstellen musste zwischen 33 und 45 und niemand einen Computer besaß. Die wiederum schütteln müde den Kopf über die Filmjunkies, die das reine glitzernde Heldentum genießen, die immer noch unfassbarere Action der Anfangssequenz, über deren Plausibilität Universitätsprofessoren schon Forschungen angestellt haben. Die einfach die gnadenlose Coolness sehen wollen, deren Kinoträume mit einer Explosion enden.

Und dann gibt es noch den großen Rest derer, die ganz dringend einen neuen Bond gebraucht haben, weil sie mit dem Anzughelden nichts anfangen konnten, weil sie zu viel "24" geguckt haben, weil sie verzweifelt auf einen Helden gewartet haben, der nicht kam, als das World Trade Center zusammengestürzt ist. Dieser neue 007 wurde 2006 mit dem mutigen Griff nach Daniel Craig gefunden. Seitdem ist Bond ein gebrochener Mann und ein bisschen näher dran an der gefühlten Realität, die so gar nichts mehr mit dem satten Pop und dem kalten Zynismus vor der Jahrtausendwende zu tun hat. Meinen wir jedenfalls. Und deshalb meint es auch Bond.