65. Geburtstag Produktiv, provokant, Praunheim


Er drehte über 60 Filme, war Mitbegründer der Schwulen- und Lesbenbewegung und outete Hape Kerkeling und Alfred Biolek - gegen deren Willen. Am Sonntag feiert Erfolgsregisseur Rosa von Praunheim seinen 65. Geburtstag.

"Ich bin wohl weltweit der produktivste schwule Filmemacher", sagt Rosa von Praunheim und lächelt verschmitzt. Über 60 Filme mit zumeist homosexuellen Inhalten hat er in den letzten vier Jahrzehnten gedreht. In den 70er Jahren war er einer der Mitbegründer der Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland. Später sorgte er mit dem Outing bekannter Persönlichkeiten für Aufsehen. Am Sonntag feiert von Praunheim seinen 65. Geburtstag.

Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. "Ich denke, dass ich noch fünf Jahre geistig klar arbeiten kann", sagt von Praunheim, der eigentlich Holger Mischwitzky heißt und sich später nach "einem hässlichen Stadtteil von Frankfurt" benannte, wo er als Jugendlicher aufwuchs. Männer mit 70 fingen häufig an, Monologe zu halten. Bis es bei ihm so weit sei, wolle er noch Filme machen, momentan plane er einen über die Hölle. Er habe in der Katholischen Akademie erfahren, dass es zwar die Hölle gebe, aber niemand drin sitze, noch nicht einmal Verbrecher wie Adolf Hitler. "Das ist der Ansatz für meinen Film", sagt von Praunheim, der bis 2006 Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg war.

"Die Zahl schwulenfeindlicher junger Menschen wächst"

Seinen Kampf für die Rechte von Homosexuellen beurteilt er positiv. Die Situation für Schwule habe sich in Deutschland in den letzten Jahren verbessert. Hier lebe man geradezu auf einer Insel, verglichen mit der Situation in Afrika, Asien oder auch Polen oder Lettland. Allerdings sei das coming out für junge Leute auch heute noch sehr schwierig. Es gebe zudem eine wachsende Zahl schwulenfeindlicher junger Menschen.

Von Praunheim wuchs zunächst in Ost-Berlin auf. 1953 flüchtete die Familie in den Westen. Das Gymnasium in Frankfurt verließ er mit der Mittleren Reife, später studierte er freie Kunst in West-Berlin ohne einen Abschluss zu machen. In den 60er Jahren debütierte er mit Kurzfilmen. 1969 heiratete er die Schauspielerin Carla Egerer. Das Paar ließ sich zwei Jahre später scheiden. Seit 30 Jahren lebt er mit seinem Freund Mike Shephard zusammen.

"Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aids-Krise"

1971 löste er auf der Berlinale mit seinem umstrittenen Dokumentarfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" einen Skandal aus. Er etablierte sich in der Film-Szene, wurde 1978 mit dem Bundesfilmpreis für "Tally Brown" ausgezeichnet. In den 80er Jahren drehte er viele Filme mit Lotti Huber.

1991 sorgte von Praunheim wieder für Aufsehen: Er bezeichnete öffentlich unter anderem Alfred Biolek, Hape Kerkeling und fälschlicherweise Götz George als schwul. Später rechtfertigte sich von Praunheim: Dies sei ein "Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aids-Krise" gewesen. Er mag es eben provokant.

Schrille Kostüme zum Geburtstag

Sein Geburtstag wird groß gefeiert. Im Kino Babylon in Mitte läuft bis zum 22. Dezember die Retrospektive "65 Filme zum 65. Geburtstag", zudem ist eine Ausstellung im Schwulen Museum in Kreuzberg geplant. Zu seiner Geburtstagsparty am 25. November plant er, selbst zu singen - und zwar auf Französisch, "auch wenn ich es nicht kann", sagt von Praunheim verschmitzt. Außerdem wolle er einige seiner besonders schrillen Kostüme präsentieren.

An dem Abend wird außerdem sein jüngster Film "Meine Mütter - Spurensuche in Riga" gezeigt. Der entstand, nachdem ihm seine 94-jährige Mutter im Jahr 2000 kurz vor ihrem Tod erzählt hatte, dass er während der deutschen Besatzung in Lettland adoptiert worden sei. Praunheim kam, wie er recherchierte, 1942 im dortigen Zentralgefängnis zur Welt. Seine leibliche Mutter wurde 1946 in der Psychatrie ermordet. Sein wirklicher Geburtsname ist Holger Radtke.

AP


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