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John Lasseter über "Alles steht Kopf": "Kinder kriegen heute mehr mit als manche Erwachsene"

John Lasseter hat Pixar gegründet und Disney neu erfunden. Ein Gespräch mit dem 58-jährigen Kalifornier über Frauen, vergessene Rechnungen und seinen neuen Geniestreich "Alles steht Kopf".

John Lasseter

Pixar-Gründer John Lasseter

Herr Lasseter, in den 80er Jahren wurden Sie von Disney gefeuert, weil sie mit computeranimierten Filmen experimentierten…
Das war richtig hart für mich. Disney war damals schon ein großer Teil meiner Identität und ich fiel plötzlich aus allen Wolken. Lange Zeit habe ich nicht mal meiner Familie und meinen Freunden von der Kündigung erzählt.

…heute gilt Pixar als erfolgreichstes Studio Hollywoods und Sie sind zugleich Kreativchef von Disney Animation. Ein Traum?
Ich wollte ja nie der Oberboss werden, sondern nur ein guter Animator. Am Ende meines zweiten Studienjahres in Kalifornien kam "Star Wars" in die Kinos. Der hat mich umgehauen. Und so gut unterhalten wie kein Film zuvor. Da stand für mich fest: Ich will das Gleiche erreichen, aber eben mit Trickfilmen.

Eine Mission: Impossible?
Nun, zu dieser Zeit war das Genre praktisch tot. Und die paar Leute, die noch in der Branche arbeiteten, dachten, Trickfilme sind nur für Kinder geeignet. Aber ich wusste schon damals, dass das nicht stimmen konnte. Also haben wir für Pixar eine Liste verfasst über alles, was unsere Filme eben nicht sein sollten: Musical, Märchen.


Und bloß keine Prinzessinnen.
Die große Leistung bei "Toy Story" war nicht nur die Idee, dass dein Spielzeug plötzlich ein Eigenleben entwickelt, wenn du nicht mehr im Raum bist. Sondern, dass wir die Geschichte als Buddy-Film konzipierten, als Freundschaft zwischen zwei Kerlen. Das hat noch keiner gemacht vorher. Wir wollten anders sein, zeitgemäßer.

Wie viele Leute arbeiten nun für sie?
1200 bei Pixar und ungefähr 900 bei Disney.

Und wie viele davon sind weiblich?
Eine ganze Menge.

Genug?
Nie genug. Wir suchen immer nach talentierten Frauen. Animation war immer eine Männersache, aber das ändert sich gerade. An meiner eigenen Uni waren im letzten Jahr zum allerersten Mal in den Trickfilmkursen mehr Frauen als Männer. Sehr aufregend. In Hollywood ist Diversität ja gerade ein großes Thema. Unser Vorteil: Computer Animation wird heutzutage überall auf der Welt produziert, wir können also aus einem riesigen Reservoir an Künstlern schöpfen, die neue Zugänge und Ideen einbringen. Nehmen Sie nur "Küss den Frosch", "Rapunzel - neu verfönt" oder "Merida": Alles Geschichten, in denen es nicht darum geht, sich in einen Mann zu verlieben. Sondern um den Drang, sich selbst zu verwirklichen. Unsere Filme sollen die Welt da draußen reflektieren.


Ihr neuer Geniestreich "Alles steht Kopf" spielt größtenteils im Kopf eines Mädchens - ein sehr ausgefeiltes Konzept. Wann dreht Pixar mal einen Film für Erwachsene?
Machen wir doch jedes Mal. Alle 15 Pixar-Werke sind Filme für Erwachsene.

Das meinte ich nicht.
Im Ernst: Warum sollte ich auf die Hälfte meines Publikums verzichten? Wir wollen Filme für alle produzieren: Studenten, Singles ohne Kinder, Familien. Und bei den Kindern legen wir die Latte extrem hoch. Intellektuelle, schlaue Filme. Manche Kritiker mäkeln dann: Ich glaube nicht, dass die Kinder das kapieren. Aber glauben Sie mir, Kinder kriegen heute mehr mit als manche Erwachsene.

Okay, anders formuliert: Hätten Sie Interesse an einem Film nur für Erwachsene? Also mit Sex, Drogen und Rock 'n' Roll?
Nein. Das ist nicht, was ich bin als Künstler und Filmemacher. Ich würde nie einen Film drehen wollen, der nicht für Kinder geeignet ist. Unsere Filme sollen alle sehen können.
Momentan sind bei Pixar und Disney sieben große Kinofilme gleichzeitig in der Produktion.

Verliert man da nicht den Überblick?
Ich habe ein gutes Gedächtnis und mein Verstand arbeitet sehr eingleisig. Sobald ein Treffen beendet ist, kann ich komplett abschalten und mich auf das nächste Projekt konzentrieren. Ich kann nicht multitasken. Das war mal ein Fluch, heute sehe ich das eher als Segen. Aber am Anfang meiner Ehe hat mir meine Frau Nancy immer vorgeworfen, dass ich nichts im Kopf habe außer meiner Kunst und alles andere um mich herum vergesse. Die Rechnungen, die Einkäufe, die Reparaturen. Hast Du die Bank angerufen? Oh, scheiße, nein! Später habe ich Heather, meiner Assistentin, mein halbes Gehirn ausgeliehen, damit sie Pläne für mich macht. Wo ich wann sein muss. Dann holt mich jemand ab und führt mich zur nächsten Konferenz.

Also haben sie eigentlich nie Zeit all die Freizeitangebote auf dem berühmten Pixar Campus in der Nähe von San Francisco zu nutzen?
Steve Jobs, einem unserer Gründer, war das ein großes Anliegen: Alle unsere Angestellten sollten möglichst gesund leben. Wir hatten eine Haufen Leute mit Mausarm oder anderen Erschöpfungskrankheiten. Also haben wir Yoga-Klassen organisiert, Fitnessräume eingerichtet, einen Swimming Pool, ein Fußballfeld. Aber natürlich habe ich dafür viel zu viel zu tun. Deswegen scherzen meine Kollegen und ich gerne: Hey, wir haben echt tolle Angebote hier - für unsere Praktikanten.