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"Alles steht Kopf" Neuer Pixar-Film über das Innere einer 11-Jährigen


Wie sieht es wohl im Kopf eines elfjährigen Mädchens aus? Mit vielen originellen Ideen wagen die Animationskünstler von Pixar in "Alles steht Kopf" etwas völlig Neues. Der reinste Spaß - für die ganze Familie.

Die Animationsschmiede Pixar unternimmt mit ihren Filmen gern spannende Reisen. Für "Ratatouille" ging es in die Nobelküchen von Paris, "Merida - Legende der Highlands" entführte ins schottische Hochland. In "Oben" nahm ein alter Mann samt Haus und Luftballons Kurs auf Südamerika, "Toy Story" wagte sich in die Welt lebendiger Spielzeuge. Mit "Alles steht Kopf" dringen die kalifornischen Trickkünstler nun in die bisher exotischste Region vor: Es geht in den Kopf und ins Unterbewusstsein, in die Schaltzentrale der Gefühle, Erinnerungen und Träume.

Schauplatz des 15. Pixar-Spielfilms ist die Gefühlswelt eines elfjährigen Mädchens. Bei Riley geht es drunter und drüber, ihre Emotionen stehen Kopf. Kein Wunder, mit den Eltern ist sie gerade aus dem ländlichen Minnesota nach San Francisco umgezogen. Es ist der Abschied von ihren Freunden, vom geliebten Schlittschuhlaufen, von ihrer Kindheit.

"Was geht wohl im Kopf meines Kindes vor?"

Das klingt eher kopflastig als nach kinderleichter Unterhaltung, doch Pixar ist damit erneut eine wunderbare Gratwanderung gelungen, bei der sich Herz und Verstand, nachdenklicher Tiefgang und kunterbunter Spaß perfekt die Waage halten.

Disney

Für Regisseur Pete Docter (46), der mit "Oben" den Oscar für den besten Zeichentrickfilm gewonnen hatte, ist es eine sehr persönliche Geschichte. Den Anstoß gab seine Tochter Elie, die mit elf Jahren plötzlich vom fröhlichen Mädchen zum stillen, verschlossenen Kind wurde, wie Docter der Deutschen Presse-Agentur erzählte. "Es hat weh getan zu sehen, wie sie sich veränderte. Als Eltern fragt man sich "Was geht wohl im Kopf meines Kindes vor?"". Elie ist heute 16 Jahre alt. Fünf Jahre arbeitete der zweifache Vater mit einem Team von über 300 Trickkünstlern, Zeichnern und Programmierern an "Alles steht Kopf".

Personifizierte Gefühle als Hauptdarsteller

Doch die kleine Riley mit den aschblonden, schulterlangen Haaren ist nicht etwa die Hauptperson. Das sind ihre mit Haut und Haaren personifizierten Gefühle: Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel. Freude ist eine quirlige Fee mit strahlenden Augen und quietschblauen Haaren, die Riley einfach nur glücklich machen will. Wut ist ein vierschrötiger Gnom mit Krawatte und rotem Kopf, der leicht explodiert. Kummer ist behäbig, mit traurigen Augen hinter einer runden Brille, alles fällt ihr unglaublich schwer.

Alle wurden aus einfachen Zeichenstrichen geboren, sagen die Filmemacher. Freude war anfangs ein explodierender Stern, Kummer eine Träne, Ekel hatte die Form von Brokkoli, Wut war ein Ziegelstein und Angst ein dünner Strang.

Fantasiewelten brechen zusammen

Die fünf Gefühle geben in einer Schaltzentrale im Gehirn den Ton an. Sie steuern die Emotionen in der realen Welt. Das ist Schwerstarbeit. Da sitzt Riley mit ihren vom Umzug gestressten Eltern in der halbleeren Stadtwohnung am Mittagstisch. Ihr erster Schultag war ein Desaster, Riley schmollt, Dad wird wütend, Mom sorgt sich. Am Mischpult drehen Angst und Wut voll auf. "Inside Out", so der Originaltitel, springt zwischen dem Innenleben und Rileys Welt hin und her.

Freude und Kummer sind versehentlich aus dem Hauptquartier rausgeschleudert worden. Sie bahnen sich nun einen Weg zurück durch das Gedächtnis, wo Erinnerungen als bunte Kugeln in endlos langen Regalen lagern. Sie treffen auf Bing Bong, Rileys imaginären Freund mit rosa Rüssel aus Kindertagen. Es geht durch das düstere Unterbewusstsein, in die abstrakten Gedanken und in das Dream-Studio, wo Träume gemacht werden. Mit Schrecken sehen sie an, wie Rileys Welten einstürzen. Als fröhliches Mädchen in Minnesota baute sie in ihrem Kopf Fantasiewelten auf, etwa die kunterbunte Quatsch-Mach-Insel oder die Freundschafts-Insel. Nun bricht alles zusammen.

Originelle Ideen und herrlich schräge Figuren

Das ist nicht nur reine Erfindung von Hollywoods Traumfabrik. Das Pixar-Team holte renommierte Neurologen, Biologen und Psychologen zur Hilfe. Der weltberühmte Psychologie-Professor Paul Ekman, der über Jahrzehnte Mimik und nonverbale Kommunikation studierte, arbeitete eng mit Pete Docter zusammen.

Diese Abenteuerreise durch Rileys Seelenwelt sprüht nur so von originellen Ideen und herrlich schrägen Fantasiefiguren. Dabei gehen die Verzweiflung des Mädchens und ihrer Emotionen auch unter die Haut. Die Anfangs völlig gegensätzlichen Charaktere Freude und Kummer kommen sich näher - ohne den anderen kommt keiner aus.

"Bitte werdet niemals erwachsen"

"Damit der Film auch Bedeutung und etwas Nachhaltiges hat, muss es dunklere Szenen und Verlust geben", erklärt der Regisseur. Die Hauptfigur Freude würde eine wichtige Lektion im Leben lernen. Und das sollten auch die Zuschauer, vor allem die Großen, wünscht sich Docter. "Unsere wichtigste Sprache ist nicht Englisch oder Deutsch, sondern Gefühle. Als mein Sohn noch recht klein war, hörte er mit an, wie meine Frau und ich über die Steuer in Streit gerieten. Er hat kein Wort kapiert, aber schaute uns an und verstand all unsere Emotionen."

95 brillante Minuten gehen mit witzigen Anspielungen auf eine mögliche Fortsetzung (Riley ist jetzt zwölf, was kann denn da noch passieren) und treffenden Worten zu Ende: Dieser Film ist unseren Kindern gewidmet. "Bitte werdet niemals erwachsen", heißt es im Abspann.

Barbara Munker DPA

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