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Anamaria Marinca: "Im wahren Leben hast du keine Ahnung"

Zur Magie des Ruhms gehört der Augenblick, in dem ein Gesicht bekannt wird. Für die rumänische Schauspielerin Anamaria Marinca steht er kurz bevor. Gerade hat sie mit Coppola gedreht, ihr Auftritt in Cannes war ein Triumph. Auch Berlin feiert sie. Zeit für ein stern.de-Interview.

Zuerst fallen ihre Augen auf. Schokoladenbraun und riesig sitzen sie im fein gezeichneten Gesicht, dessen Mund die meiste Zeit von einem leicht belustigten Lächeln umspielt wird. Dabei wirkt sie so offen und herzlich, dass man Schwierigkeiten hat, die abgehärtete Verwundbarkeit wiederzufinden, mit der sie in dem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" überzeugte. Cristian Mungius düsterer Film über zwei Frauen, die im Bukarest der 80er Jahre eine illegale Abtreibung durchstehen müssen, gewann beim vergangenen Filmfest von Cannes die Goldene Palme.

Und auch auf der Berlinale wird Marinca gefeiert: Hier gehört sie zu den Shooting Stars 2008, obwohl sie der Kategorie Nachwuchs längst entwachsen scheint: Gerade drehte sie mit Francis Ford Coppola "Youth without Youth", derzeit steht sie neben Julie Delpy für "The Countess" vor der Kamera. In Großbritannien brachte ihr der TV-Zweiteiler "Sex Traffic" gleich mehrere Auszeichnungen ein.

Was ist das Geheimnis der Anamaria Marinca, deren Filmografie gerade mal sechs Produktionen umfasst? Im stern.de-Interview sprach die 29-Jährige sehr offen über ihr Leben und die Tücken ihres Berufs.

Ihr Auftritt in "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" ist unvergesslich. Wie viel von der Rolle haben Sie mitgenommen?

Einiges. Meine Charaktere bleiben immer ein bisschen bei mir. Manchmal kann man der Rolle nicht entkommen. Das Leben am Set nimmt so viel von mir ein, wie soll ich es da aus meinem anderen Leben heraushalten? Es ist ein Klischee zu sagen: Das ist mein Leben, und das ist mein Job. Wenn du 18 Stunden täglich am Set bist, kennst du irgendwann nichts anderes mehr. Das ist dann deine Realität für zwei Monate.

Und was passiert nach Drehende?

Du versuchst, deine Familie und Freunde zurückzugewinnen. Dieser Job kostet dich Beziehungen. Das ist einfach so, er saugt deine ganze Energie auf. Das ist weder schlimm noch traurig, ich will es ja. Aber es ist, wie es ist.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die Atmosphäre von "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" wieder loszuwerden?

Es gehört zum Job, dass du die Grenzen ziehst, dass du genau weißt, wer du bist.

Gehören das Grenzenziehen und die Distanz zu den schwierigen Seiten des Berufs?

Nein. Du lernst, damit zu leben. Es ist weniger die Distanz als die Emotion. Du lernst, deine Verletzlichkeit zu entdecken und zu nutzen, dich den sehr mächtigen Gefühlen zu öffnen in diesen zeitlich limitierten Situationen, denen du ausgesetzt bist. Dann musst du dich auf dich selbst verlassen und lernen, wie du mit Fiktion und Realität umgehen musst, damit sie sich nicht beeinflussen.

Aber sie beeinflussen sich schon?

Ja, klar. Vor allem weil die Fiktion natürlich viel intensiver ist als das reale Leben. Und du gewöhnst dich daran, in der Fiktion zu leben, was du ja eh den ganzen Tag lang machst. Die Realität ist einfach viel kleiner, anstrengender [lacht] Da ist es so viel schwieriger, Freunde zu finden, zu lieben, etwas aufzubauen...

Ist das nicht gefährlich?

Ja, weil die Fiktion sicher ist.

Weil man weiß, dass irgendwann jemand Cut ruft?

Nein, weil du weißt, wie es endet. Selbst wenn das Ende kein gutes ist. Aber deine Grenzen sind definiert, du weißt genau, womit du es zu tun hast. Im wahren Leben hast du keine Ahnung! Keine Sicherheit, da gibt es kein Netz. In der Fiktion ist immer eines da. Der Grat ist sehr schmal zwischen diesen beiden Welten, in denen wir Schauspieler leben. Aber wir haben es uns die Existenz am Abgrund ja ausgesucht. [acht]

Ich hoffe, es führt nicht zu Schizophrenie.

Nein, wir wissen sehr genau, wer wir sind. Das ist immer noch ein Job. Natürlich bist du davon besessen, du liebst es, und ich bin froh, diesen Beruf gewählt zu haben. Eigentlich wollte ich ja Musikerin werden...

Welches Instrument?

Violine. Doch als ich 18 wurde, habe ich beschlossen, Schauspielerin zu werden, einfach so.

Warum? Was ist passiert?

Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Ich war viel im Kino...

Entschuldigung, aber es liegt schon ein großer Schritt zwischen dem Wunsch einer 18-Jährigen, Schauspielerin zu werden und der Realität, mit Coppola zu arbeiten...

Wissen Sie was, es ist einfach passiert. Natürlich freue ich mich über die Anerkennung, jeder genießt das, aber ich habe nicht wirklich darauf hin gearbeitet. Ich weiß nur, das einzige im Leben, das du jemals bereuen wirst, sind die Dinge, die du nicht getan hast.

Sie klingen verdammt weise für ihr Alter.

Ich bin nicht so jung, wie Sie denken, ich bin schon 29.

Interview: Sophie Albers