Berlinale-Tagebuch Journalisten sind auch nur Menschen


Eben noch zerstritten wegen der Qualität eines Films, bedarf es nur eines Menschen, die Journalisten wieder zu einen: George Clooney ist in Berlin - und jeder möchte sein bisschen Wiedererkennung.

Filmjournalisten sind im Grunde genommen ganz einfach gestrickte Menschen. Sie sehen sich viele Filme an. Finden manche gut, manche schlecht und nur selten sind sie sich einig. Das gilt auch dieses Jahr wieder für die Kritikerspiegel in den Tageszeitungen und Fachmagazinen. Während den einen das dänische Sozialdrama "En Soap" als früher Höhepunkt des Festivals beeindruckt, findet die andere das Mietwohnung-Kammerspiel zwischen einer frisch getrennten Kosmetikerin (fantastisch: Trine Dyrholm) und einem transsexuellen Mann ziemlich mies.

Und über den bizarren österreichischen Beitrag "Slumming" wollte mancher Kollege gar nicht aufhören zu lachen, während anderer kopfschüttelnd von dannen eilte. In den Bewertungsbögen der Sozialkomödie über einen extrovertierten Obdachlosen, der im Vollrausch-Parkbank-Tiefschlaf von zwei Jung-Spacken (u. a. August Diehl) spaßeshalber von Wien nach Tschechien verschleppt wird, wurden alle Urteils-Möglichkeiten voll ausgeschöpft: Von ausgezeichnet bis sehr schlecht. Eine echte Hilfe, sowas.

Geeint im Drang nach Wiedererkennung

Was dann aber doch alle Filmjournalisten eint, ist der Drang nach Anerkennung, nach Respekt, nach, nennen wir es mal, Wiedererkennungswert. Besonders peinlich wird es dann, wenn ein Hollywood-Star die Pressekonferenz besucht und sich vor jeder Frage anhören darf, dass man sich ja schon kenne, von früher, von Interviews und so und schön, dass er wieder mal da sei und überhaupt. Die Antwort, von der nicht nur die Dame vom ZDF noch lange träumen wird: "Ach ja, hallo Carola. Wie geht’s dir denn so? Lass uns doch später noch was machen. Ich geb' dir mal meine Handy-Nummer." Dahinschmelz!

Der Star war natürlich George Clooney. Und da er sowieso pausenlos von allen und jedem angekumpelt wird, lächelt er bei derlei Offerten und Freundschaftsbekundungen nur noch sein berühmtes mild-verschmitztes Lächeln, sagt Sachen wie: "Ich bin sicher, dass wir uns schon mal getroffen haben" oder "Zeigst du mir später auch deine Stadt" und alle schwärmen glücklich bis an Ende ihrer Berufstage.

Berlin in Clooney-Manie

Am zweiten Berlinale-Tag war der Auftritt des amerikanischen Charmebolzens natürlich das Festivalthema. Eine heillos überfüllte Pressekonferenz, Menschenaufläufe bei jeder George-Sichtung, selbst im Starbucks-Laden vergaßen die Angestellten vor lauter Star-Handy-Fotos-Bestaunung schon mal ihre Kaffee-Kunden.

Clooney stellte in Berlin den Politthriller "Syriana" außer Konkurrenz vor. Der extrem komplexe und komplizierte Agentenfilm behandelt Themen wie den Kampf um die letzten großen Ölfelder, arabische Terroristen, Korruption in US-Firmen, CIA-Schweinereien und mehr. Wer hier der gute und wer der böse ist, wer tragischer Held und wer Verbrecher, bleibt angenehm ambivalent. Ein wichtiger Film zu einem wichtigen aktuellen Thema; zwei Handlungsstränge weniger hätten aber auch nicht geschadet.

Trotzdem ein guter Amerikaner

Clooney hat für seine gerade Oscar nominierte Nebenrolle, 15 Kilo zugenommen und sich einen Vollbart wachsen lassen. In Berlin trat er sich wieder schlank - "Weniger essen, mehr Sport. Aber es war schon deprimierend, wie viel man in nur 30 Tagen zunehmen kann" - und frisch rasiert vor seine Fans. Flirtete, was die Mikros hergaben und betonte noch einmal, wie stolz er auf sein Land sei: "Wir verlieren alle 30 Jahre mal den Verstand. Aber immerhin ist es weiterhin möglich, dass das größte Medienunternehmen der Welt einen solch kontroversen Film bedenkenlos finanziert und unterstützt."

Und am Schluss verriet er sogar noch sein Lebensziel: "Dass die Leute am Ende mehr gute Dingen über dich sagen als schlechte. Und Freigetränke." Auch Superstars sind manchmal recht einfach gestrickt.

Matthias Schmidt

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