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Christiane Paul: Eine gestandene Frau

Christiane Paul ist eine der gefragtesten deutschen Schauspielerinnen und gerade in "Neues vom Wixxer" zu sehen. Sie findet: Wer nie über seinen Tellerrand schaut, bleibt ein geistiger Bankdrücker. Und versteht gleichzeitig alle, die das nicht tun - die Zeiten sind halt hart(z).

Frau Paul, Sie sitzen auf den Fotos oft auf verschiedenen Stühlen. Im Grunde haben Sie das Gleiche gemacht, als Sie neben der Filmkarriere auch noch Medizin studiert haben. Mögen Sie darüber überhaupt noch reden?

Ehrlich gesagt, ermüdet mich diese Frage schon manchmal. (lacht) Ich selbst habe es am Ende eher als Fluch und Belastung empfunden, beides zu machen. Du bist nirgends zu Hause, und du kannst nicht in beidem so gut sein, wie du möchtest, weil du deine Kräfte fokussieren musst. Als Ärztin hast du eine Position, in der du Verantwortung übernehmen musst, und wenn du in einem Film eine Hauptrolle spielst, übernimmst du auch Verantwortung. Es war klar, dass ich mich irgendwann entscheiden musste.

Dann haben Sie einen Wandel vollzogen und sich ganz für die Schauspielerei entschieden. Wie wichtig ist es Ihnen privat, wandelbar zu sein?

Es geht gar nicht so sehr um Wandelbarkeit. Es geht um eine Offenheit, um Möglichkeiten für die eigene Entwicklung, darum, dass der Horizont weit bleibt. Damit wandelt man sich auch; es ist ja nicht so, dass ich Hü oder Hott sage und abrupt in meinen Meinungen springe. Es geht darum, sich zu verändern, Dinge anders zu betrachten, als man es vorher gemacht hat. Natürlich beinhaltet das auch eine charakterliche Weiterbildung. Das ist wichtig, dann bleibt man flexibler.

Wie viele verschiedene Gesichter, Facetten braucht ein Mensch, um wandelbar zu sein?

Die Frage ist: Wie ist die Wandelbarkeit motiviert? Wenn eine Facette gekünstelt ist und nicht dein wirkliches Ich zeigt, ist sie sinnlos und eigentlich eher grauenvoll. Ich finde eine Facette dann unangenehm, wenn Leute ein Gesicht aufsetzen, um ihr Inneres zu verheimlichen, damit sie nicht zeigen müssen, was sie wirklich denken. Wenn ein verändertes Gesicht einer veränderten Haltung entspringt, finde ich es gut.

Wenn man wandelbar ist, um authentische Facetten entwickeln zu können - verliert man dann nicht auch Teile von sich? Das, was sich verändert hat? Wer bin ich denn, wenn ich mich andauernd wandle?

Aber weißt du denn überhaupt, wer du bist? Ich bin gar nicht sicher, ob ich mich das jemals gefragt habe. In Phasen, in denen man in sich hineinhorcht, gibt es schon Eckpunkte, an denen man seine Person festmachen kann. Verloren geht die Naivität, die Leichtigkeit, man wird skeptischer. Das ist ein normaler Prozess, wenn man älter wird. Aber wie ich bin oder sein werde - das frage ich mich nur dahin gehend, dass ich hoffe, am Ende des Lebens zufrieden damit zu sein, wie ich gelebt habe. Das Allerschlimmste wäre sagen zu müssen: Ich habe es nicht versucht.

Der Komponist Richard Wagner hat mal gesagt: "Wandel und Wechsel liebt, wer lebt." Was passiert denn jetzt mit einem, der nicht wandelbar ist, sich nicht verändert? Lebt der nicht?

Das kann man nicht ausschließlich sagen. Nur weil man in sich ruht und nicht permanent den Partner wechselt und nicht dauernd neues Glück sucht, sich also nicht offensichtlich wandelt, bedeutet das nicht, dass man nicht lebt. Nicht jeder kann sich ständig bewegen. Es gibt Menschen, die sind antriebsstärker und welche, die sind eben antriebsschwächer. Das muss jeder für sich herausfinden - das Wichtige ist nur, dass man das tut, was man will. Wenn für dich kleine Dinge genügen - fein. Wenn jemand eine Weltreise anstrebt - auch gut.

Dieses liberale Jeder-wie-er-möchte birgt aber auch die Gefahr der Gleichgültigkeit.

Was zum Beispiel den Klimawandel betrifft, muss man natürlich versuchen, die Menschen wachzurütteln und zu beeinflussen. Das geht gar nicht anders, wir brauchen die Leute und müssen sie aus ihrer Bequemlichkeit holen, damit sich was verändert. Das muss man auch, weil man innerhalb einer Gesellschaft lebt und eine daraus entstandene Verantwortung hat.

Mag sein. Aber die meisten Menschen sind nicht in der Lage, über ihren Erlebnishorizont hinauszublicken.

Ja, aber du kannst nicht von allen Menschen verlangen, dass sie sich entwickeln. Man kann zumindest nicht an alle Leute die gleichen Erwartungen haben, denn nicht alle nehmen diese Dinge auch so wahr. Ich glaube, man überfordert viele Menschen damit. Die meisten denken nicht so strukturiert.

Wandel wird bei unserer aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Lage oft mit Risiko gleichgesetzt und unterlassen. Man traut sich nichts mehr, weil man Angst um seine Lebensgrundlage hat. Ist das gefährlich?

Es ist absolut verständlich, dass die Leute Angst haben. Ich selbst versuche, meiner Angst als Herausforderung zu begegnen. Viele können das nicht, und das hat seine Ursache sicher auch in der sozialen Basis der Menschen. Wie weit bist du existenziell abgesichert? Welche Perspektive hast du? Wirst du aufgefangen, falls es nicht klappt? Ich kann verstehen, wenn die Menschen kein Wagnis eingehen. Denn inwieweit gibt dir der Staat dahin gehend Vertrauen, dass du Wagnisse eingehen kannst? Wenn man sieht, wie große Firmen unterstützt werden und der Mittelstand mit Füßen getreten wird - wieweit glaubst du dann noch als einzelne Person, etwas riskieren zu können?

Gleichzeitig soll man alles machen: eine Familie gründen, im Job flexibel sein bei Kündigung oder Umzug, für später was zurücklegen, konsumieren. Das erfordert aber gerade einen hohen Grad an Wandelbarkeit!

Ja, das ist Wahnsinn. Und es ist Quatsch. Denn eine hohe Flexibilität ist kontraproduktiv für eine Familie. Wenn man so biegsam sein soll, ist keine kontinuierliche Entwicklung möglich. Das hat nichts mehr mit Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung zu tun. Null. Weder im persönlichen noch im gesellschaftlichen noch im ökologischen und letztendlich auch nicht im ökonomischen Bereich. Absolut nicht.

Worum geht es dann?

Es geht darum, die Arbeitskraft in kurzer Zeit maximal auszubeuten. Menschen mit Familie können dem nicht entsprechen. Die Familien gehen kaputt.

Aber auch das Engagement. Wenn man sich immer an seinen Job klammern muss, woher sollen dann - Stichwort Klimawandel - die Bereitschaft und die Kraft kommen, ökologisch vertretbar zu leben, gegen den G8-Gipfel zu protestieren oder sich einfach zu informieren?

Sie haben zu hohe Erwartungen an die Menschen. Um eine ökologische oder politische Bewegung zu haben, müssen sich die Leute mehr betroffen fühlen - sie fühlen sich aber immer noch nicht betroffen genug. Es geht uns offensichtlich immer noch unheimlich gut. Dabei ist unsere Zivilisation eindeutig bedroht. Ich merke auf persönlicher Ebene, dass viele sagen: Das wird doch alles überinterpretiert. Eine Akzeptanz der Realität würde bedeuten, dass wir unser Wohlstandsleben verändern müssten. Aber niemand will diesen so genannten Rückschritt machen. Niemand will, dass es ab morgen kein warmes Wasser mehr gibt. Oder dass es nur bis um zehn Uhr abends Licht gibt. Und die Lobbyisten der Industrie halten natürlich auch dagegen. Guck dir mal einen Leitartikel in Auto Motor und Sport an, wie die argumentieren. Dass Autofahren nur zwölf Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes ausmacht. Man solle doch erst mal die Wärmedämmung in den Griff kriegen! Jeder argumentiert nur aus seiner Sicht, und keiner begreift, dass wir ein gemeinsames Ziel haben. Wenn nur einer eine Kleinigkeit dafür tun würde, wären wir schon ganz weit vorne. Aber das passiert eben nicht.

Interview: Volker Sievert
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