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Filmstart "Mandela - Der lange Weg zur Freiheit" Gescheitert auf hohem Niveau


Die Verfilmung von Nelson Mandelas Autobiografie gibt sich alle Mühe, voller Ehrfurcht das komplette Leben des kürzlich Verstorbenen abzubilden. Genau das entpuppt sich aber als ihr größtes Problem.
Von Patrick Heidmann

Das Timing von "Mandela - Der lange Weg zur Freiheit" ist - das muss man wohl so sagen - ziemlich bitter. Fast 20 Jahre lang bemühte sich der Produzent Anant Singh, einer der ganz Großen des südafrikanischen Kinos, die Lebensgeschichte von Nelson Mandela auf die Leinwand zu bringen. Jenes Mannes, den er gar nicht lange nach seiner Haftentlassung persönlich kennenlernte und ihm so freundschaftlich verbunden blieb, dass Mandela selbst ihm die Filmrechte an seiner Autobiografie übertrug. Und nun kommt der Film, nach einer mühevollen und langwierigen Produktionsgeschichte, in dem Winter in die Kinos, in dem der legendäre Friedensnobelpreisträger nach schwerer Krankheit verstarb. Ausgerechnet am Abend des 5. Dezembers, als der Film in London Premiere feierte.

Ein ganzes Leben in 152 Minuten

Schon etliche Filme haben sich an Mandela versucht. "Goodbye Bafana" oder "Invictus - Unbezwungen", in denen "24"-Star Dennis Haysbert beziehungsweise Morgan Freeman in die Haut des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas schlüpften, beschränkten sich inhaltlich auf einzelne Episoden aus seinem Leben - und scheiterten gehörig. "Mandela - Der lange Weg zur Freiheit", für den William Nicholson als Drehbuchautor und der Brite Justin Chadwick ("Die Schwester der Königin") gewonnen wurden, nimmt es dagegen mit der kompletten Biografie seines Protagonisten auf. Und scheitert dennoch kein bisschen weniger eindrücklich.

Wer nicht viel weiß über Nelson Mandela, erfährt in diesem Biopic auf jeden Fall einiges Wissenswertes, das lässt sich gar nicht bestreiten: von seiner Kindheit als Sprössling einer königlichen Stammesfamilie auf dem Land über erste berufliche Erfolge als Anwalt, die erste, dann die zweite Ehe, den Gang in den Untergrund im Kampf für die Rechte der unterdrückten schwarzen Bevölkerung und die letztlich 27 Jahre andauernde Inhaftierung bis hin zum mit seiner Entlassung 1990 einhergehenden Ende des Apartheidsregimes und Mandelas Aufstieg zum weltweit gefeierten Staatsmann. Der Film lässt gewissenhaft keine einzige Station seines Lebens aus.

Vom bewaffneten Kampf zum gewaltfreien Widerstand

Aber ist es das, was man sich von einem filmischen Denkmal für einen der bedeutendsten Männer der vergangenen hundert Jahre erwartet? Das brave Abarbeiten an einer Chronologie, die bereits in zahllosen Biografien und Geschichtsbüchern nachzulesen ist? Es ist als sei Produzent Singh und mit ihm der ganze Film in Ehrfurcht erstarrt vor dem Vermächtnis des Freundes, der - das darf man auch mal so pathetisch sagen - irgendwie auch ein Freund aller Menschen war und dem es unbedingt gerecht zu werden galt. Sicher, "Mandela - Der lange Weg zur Freiheit" verschweigt auch dunklere Aspekte von Mandelas Leben nicht. In der Anfangszeit als Aktivist im Untergrund befürwortete er durchaus den bewaffneten Kampf, die Entwicklung zum gewaltfreien Widerstand auf Gandhis Spuren war ein langwieriger Prozess. Auch zeigt der Film seinen Titelhelden als treulosen Ehemann und Vater, der die (zunächst selbst gewählte, dann unfreiwillige) Abwesenheit zeitlebens nicht wieder gutmachen konnte. Doch im unbedingten Drängen auf Vollständigkeit bleibt trotz einer Laufzeit von 152 Minuten für kaum einen Aspekte wirklich Zeit; selbst Mandelas Entfremdung von seiner sich in späteren Jahren zunehmend radikalisierenderen Frau Winnie (bemerkenswert gespielt von "Skyfall"-Bondgirl Naomie Harris), der großen Liebe seines Lebens, verhandelt der Film letztlich im Vorbeigehen.

Nicht einmal Idris Elba entschädigt für alles

Dass man überhaupt das Gefühl hat, in dieser uninspirierten Schema-F-Erzählung ein Gespür für die Persönlichkeit Madibas (so sein traditioneller Clanname) und seine inneren Konflikte zu bekommen, liegt an Hauptdarsteller Idris Elba. Eigentlich ist der Brite, der bereits so grandios in den hierzulande viel zu wenig beachteten Serien "The Wire" und "Luther", aber auch in "Thor" oder "Pacific Rim" mit von der Partie war, eine Fehlbesetzung. Verglichen mit dem Mandela, den man in Erinnerung hat, wirkt er zu massig, zu sexy, zu körperlich, auch wenn der Film diesen Aspekt mit Mandelas Vergangenheit als Box-Trainer sowie einiger Actionfilm-artigen Verfolgungsjagd noch zusätzlich betont. Erstaunlicherweise allerdings fällt das kaum ins Gewicht. Dazu ist Elba, der zur Vorbereitung auf die Rolle auch eine Nacht in Mandelas ehemaliger Gefängniszelle auf Robben Island verbrachte, ein zu guter und vor allem feinsinniger Schauspieler. Nicht einmal immer neue Schichten von Alters-Make-up können verhindern, dass Elba eine Aura und Würde verströmt, die der Mandelas durchaus nahe kommt.

Für "Mandela - Der lange Weg zur Freiheit" sind die guten Schauspieler also ebenso ein Pfund, mit dem gewuchert werden kann, wie die gediegenen Bilder von Kameramann Lol Crawley und die sorgfältige Ausstattung. Dass man am Ende der zweieinhalb Stunden von Emotionen übermannt wird, liegt allerdings nicht am Film (und auch nicht am Golden Globe-prämierten Filmsong von U2), sondern einzig und allein an der Lebensleistung Nelson Mandelas, die in ihrer Einzigartigkeit auch noch bis auf die Kinoleinwand abstrahlt. Prinzipiell aber muss man leider konstatieren: selten wurde so enttäuschend gewöhnlich von einem außergewöhnlichen Mann erzählt.

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