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Filmstart von "Der Gott des Gemetzels": Geschlossene Gesellschaft

Jodie Foster keift, Kate Winslet kotzt, und Christoph Waltz ist einfach nur brillant. "Der Gott des Gemetzels" ist Roman Polanskis spätes Meisterwerk.

Von Sophie Albers

Es beginnt wie einer dieser Hollywoodkatastrophenfilme: Leichte Musik untermalt die Idylle. Ein Spielplatz. Kinderlachen. In der Ferne die Skyline von New York. Doch anstatt dass Godzilla, Aliens oder ein Meteorit die so friedlich gezeichnete Zivilisation dem Erdboden gleichmachen, nimmt ein Junge einen Stock und haut einem anderen damit ins Gesicht. Der Einschlag ist kaum zu sehen. Um so mehr die verheerenden Folgen.

Die Eltern des Schlägers - Alan und Nancy (Christoph Waltz und Kate Winslet) - besuchen die Eltern des Geschlagenen – Michael und Penelope (John C. Reilly und Jodie Foster). Der Ausrutscher in die Barbarei soll zivilisiert unter Erwachsenen geregelt werden. Doch schon beim Schreiben des Schuldbekenntnisses für die Versicherung - der Sohn hat zwei Zähne verloren - geraten die Eltern aneinander. Und auch wenn Alan sich anfangs nur an der Verwendung des Wortes "bewaffnet" stört, ist es der Beginn des Untergangs des Abendlandes. Godzilla ist auf dem Weg in das hübsche post-Hippie-entspannte Apartment von Michael und Penelope in Brooklyn. Ohne Umweg.

Godzilla in Brooklyn

Bald stehen sich nicht mehr nur Elternpaare gegenüber, sondern Lebensentwürfe. Dann werden die Konstellationen geändert: Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Schießlich Männer gegen Frauen und andersherum. Bis sich schließlich die Paare untereinander zanken. Schade, dass die Kinder das nicht sehen können.

"Die Hölle, das sind die anderen", lautet das Motto von Jean-Paul Sartres vielzitiertem Drama "Geschlossene Gesellschaft", das offensichtlich Pate stand, als Autorin Yasmin Reza ihr gefeiertes Stück "Der Gott des Gemetzels" (2006) schrieb, das <lin kadr="http://www.stern.de/kultur/film/roman-polanski-90381223t.html">Roman Polanski nun so grandios und schnörkelfrei auf die Leinwand gebracht hat.

Wie alle Menschen wollen Alan, Nancy, Penelope und Michael Liebe, Sex und Anerkennung. Doch zu unterschiedlichen Preisen. Im daraus resultierenden hitzigen Streit wird das Beziehungsmodell Ehe abgenagt bis auf die Knochen, ebenso die Frage der Elternschaft. Mal hysterisch, mal sadistisch werden Gefühlstraditionen zerlegt. Selbstbetrug, Frauenhass, Rassismus, die ganze Palette der menschlichen Abgründe wird ausgelotet, bis die Kontrahenten erschöpft in unterschiedlichen Ecken liegen - bis Winslets Nancy quer über den Tisch kotzt und Penelope auf ihren Mann eindrischt. Godzilla tobt sich ordentlich aus. Und am Ende, nach der Katastrophe, ist es wieder so, als sei das Ungeheuer nie da gewesen.

Dass dieses Kammerspiel im Kino so gut funktioniert, liegt vor allem auch an den Schauspielern. Das Spiel aller vier ist zum Niederknien, wenn auch Nancy und Alan in ihrem unterhaltsamen Zynismus mehr Sympathiepunkte sammeln. Aber auch das zeigt ja nur, wie schlecht es um uns steht - wenn man uns lässt.

Chapeau, Monsieur Polanski!