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Filmstart von "Halt auf freier Strecke": Warum soll man einen Film über das Sterben sehen?

Nach "Wolke 9" hat Andreas Dresen mit "Halt auf freier Strecke" einen Spielfilm über den Krebstod eines Familienvaters gedreht. Mit stern.de sprach der Regisseur über Verdrängung, Erlösung und Harald Schmidt.

Von Sophie Albers

Warum soll man sich einen Film übers Sterben ansehen, Herr Dresen?
Weil das zu unserem Leben gehört wie die Geburt. Das ist der Lebenszirkel, den wir durchschreiten müssen. Früher oder später trifft es jeden. Das vereint alle Menschen, egal ob arm oder reich. Aber wir sind nicht gewohnt, uns mit dem Schicksal auseinanderzusetzen. Und was im Film passiert, ist eine schicksalhafte Fügung. Niemand ist schuld daran. Man kann auch an Krebs erkranken, wenn man nur Bionahrung isst. Im Kino wird so viel, so häufig und so blutig gestorben, ich fand es wichtig, auf eine andere Art davon zu erzählen, die das Thema ernst nimmt.

Das heißt?
Das Sterben steht im Mittelpunkt der Geschichte. Wir versuchen zu zeigen, was das für einen Menschen bedeutet, was es für seine Familie bedeutet, und wie man damit vielleicht umgehen kann. Wie man aus so einer schwierigen, desatrösen Situation vielleicht eine machen kann, die auch von Würde erzählt. Die dann in einem Moment endet, der auch sehr friedlich ist und, wie ich finde, auch sehr zart.

Im Film treffen die Schauspieler auch auf echte Ärzte und Sterbebegleiter. Warum haben Sie nicht gleich eine Dokumentation gedreht?
Weil man bestimmte Dinge nicht in einer Dokumentation erzählen kann. Es gibt sehr harte Szenen, auch drastische Auseinandersetzungen zwischen dem Paar. Der Kranke ist ja nicht durchgehend das liebenswerte Opfer einer schicksalhaften Fügung. Der ist auch mal unangenehm. Und die Frau ist mit ihrer Aufgabe natürlich überfordert - was sie alles leisten muss mit den Kindern, der Arbeit und der Pflege des Kranken. Da werden auch Wahrheiten ausgesprochen, die nicht so angenehm sind. Bis zu dem Moment, da man sagt, es wäre eigentlich ganz schön, wenn der geliebte Mensch jetzt tot wäre. Das sind Sätze, die denkt man eher, als das man sie ausspricht. Und ich bin mir sicher, vor einer Dokumentarfilmkamera würden solche Sätze nie im Leben fallen. Die fallen aber im Leben.

Woher wissen Sie das?
Wir haben sehr ausführlich rercherchiert. Menschen haben uns ihre Geschichten sehr vertrauensvoll erzählt. Das war sehr erschütternd, aber auch ehrlich. Denn es ist so.

Wo haben Sie diese Leute gefunden?
Wir haben mit den Recherchen in der Hospizbewegung angefangen. In Hospizen trifft man natürlich Leute, die mit dem Thema vertraut und dort zu Hause sind. Und über die sind wir an Betroffene herangekommen, an Leute, die Verwandte oder Freunde verloren haben, und die haben mit uns gesprochen. Viele Situationen im Film sind aus diesen realen Geschichten entstanden. Das fanden wir interessant, weil wir sie so noch nie gedacht und gesehen haben.

Haben Sie sich auch zurückgehalten? Gab es Szenen, die Sie nicht zeigen wollten?
Natürlich. Die Kamera guckt mit Absicht nicht in allen Momenten hin. Ich muss nicht alle Details des Verfalls in aller Schrecklichkeit zeichnen. Das ist ein schmaler Grat, wie man damit umgeht. Wie weit schaut man hin, und wo verhält man sich diskret. Wir haben versucht, dazu eine Haltung zu finden, Wir wollten nicht feige sein, und die Krankheit in aller Härte zeigen. Aber wir wollten auch nicht voyeuristisch sein. Am Ende tritt der Film zurück und lässt dem Moment des Sterbens seine Würde. Wir haben versucht, in allen Szenen das Maß zu finden. Der letzte Atemzug ist ein friedvoller, lichter Moment. Aber man weiß ja gar nicht, ob es jetzt der Tod ist oder nicht? Das haben viele Leute berichtet. Aber man spüre es dann. Für viele, die einen langen Weg mit dem Kranken gegangen sind, ist das auch ein sehr befreiender, erlösender Augenblick. Ein Moment, der Größe hat, etwas Helles. Das ist nicht etwas, das einen erschlägt.

Sie haben dieses Sterben in Ihrer Familie selbst erlebt?
Mein Vater ist vor zehn Jahren an einem Hirntumor gestorben. Aber auf völlig andere Art. Das hat mit dem Film nichts zu tun. Es liegt eher im Freundeskreis. Im Team sind teilweise Eltern und Freunde gestorben. Das Thema trat quasi an mich heran. Das hat auch mit dem Älterwerden zu run. Die Einschläge kommen irgendwann näher. Das ganze letzte Jahr war für mich insgesamt ein sehr schmerzhaftes, weil viele Dinge kaputtgingen. Das Thema Abschied lag in der luft. Und dann fängt man an, sich damit zu beschäftjgen. Wir haben ganz viele Filme dazu gesehen und festgestellt, dass das Sterben ganz häufig nur Zweitthema ist, als dramaturgisches Vehikel, um eigentlich etwas anderes zu erzählen: die Reise ans Meer, pathetische Wendungen oder was da immer so gern gemacht wird. Das haben wir nicht. Hier gibt es keine zweite Ebene, hier flüchtet keiner.

War es schwierig, Harald Schmidt zum Mitmachen zu bewegen?
Ich habe mit vielen Tricks und Kniffen seine Handynummer herausgekriegt und habe ihn einfach angerufen. Er fand das eine total gute Idee. Und dann waren wir bei ihm im Studio mit seiner ganzen Crew. Die haben uns das geschenkt für 'nen Appel und 'n Ei. Das war großartig.

Nach dieser langen intensiven Beschäftigung mit dem Thema, haben Sie für sich etwas gelernt? Ist der Tod nun ein anderer?
Ich habe es sehr nah an mich herangelassen, fast zu nah. Und es hat mich zwischenzeitlich ganz schön runtergezogen. Aber dann beim Drehen wurde es - merkwürdigerweise oder vielleicht auch richtigerweise - immer einfacher. Indem ich mich mit bestimmten Dingen auseinandergesetzt habe, habe ich begriffen, dass das Sterben, so schrecklich es ist, etwas Natürliches ist. Und dass es wenig Sinn hat, das zu verdrängen.

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