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Interview

Film "Born In Evin": In iranischem Gefängnis geboren: Schauspielerin Maryam Zaree auf den Spuren ihrer Geschichte

Maryam Zaree kam im Gefängnis zur Welt – ihre Eltern waren im Iran als politische Gefangene inhaftiert. Im stern-Interview erklärt die Schauspielerin und Regisseurin, warum sie aus ihrer Geschichte einen Film gemacht hat und warum die Aufarbeitung der Vergangenheit in der eigenen Familie so schwierig ist.

Maryam Zaree

Maryam Zaree spielte unter anderem im Berliner "Tatort" und in der Serie "4 Blocks" mit

Picture Alliance

Maryam Zaree wurde am 22. Juli 1983 in Teheran geboren – in einem Gefängnis. Sie kam im Gefängnis Evin zur Welt, wo ihre Eltern nach der Islamischen Revolution aus politischen Gründen inhaftiert waren. Nach der Freilassung flüchtete ihre Mutter mit ihr aus dem Iran nach Deutschland, Zaree war zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt. Heute ist Zaree Schauspielerin, unter anderem spielt sie im Berliner "Tatort" und in der Serie "4 Blocks" mit.

Ihren ersten eigenen Film widmet Zaree aber einem sehr persönlichen Thema: ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie. Sie will die Umstände ihrer Geburt näher erforschen und mit ihren Eltern über deren Erfahrungen in der Haft sprechen. Außerdem trifft sie Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Der Dokumentarfilm "Born in Evin" wurde unter anderem bei der Berlinale mit dem "Kompass-Perspektive-Preis" ausgezeichnet und wird von der internationalen Kinderrechtsorganisation "Save the Children" in dieser Woche auf dem Human Rights Filmfestival in Berlin gezeigt. Kinostart ist am 17. Oktober.

Maryam Zaree: "Die meisten wissen genau, worüber in ihrer Familie nicht gesprochen wird"

Maryam Zaree, was für ein Ort ist Evin?
Maryam Zaree:
Evin ist ein politisches Gefängnis, das bis heute existiert und wo bis heute politische Gefangene festgehalten werden. Das war es auch schon unter dem Schah, unter Khomeini gab es dann Anfang der Achtziger Jahre Massenverhaftungen und Massenhinrichtungen. Das Ziel war es, die Menschen in ihrer politischen Haltung mit brutalen Mitteln zu brechen, damit sie sich der fundamentalen Ideologie des Mullah Regimes unterwerfen.

Warum wurden Ihre Eltern inhaftiert?
Meine Eltern waren Linke und wollten den Sturz des Schah und der Monarchie. Meine Mutter war noch Schülerin, mein Vater war Student. Nach der Machtergreifung Khomeinis haben sie sich vehement gegen die Unterdrückung durch das Regime engagiert. Mein Vater saß sieben Jahre lang im Gefängnis, meine Mutter etwa anderthalb Jahre.

Während dieser Zeit kamen Sie zur Welt. Wie viel Zeit ihres Lebens haben Sie in Evin verbracht?
Ich wurde vor meinem ersten Lebensjahr rausgegeben. 

Dann haben Sie also keine Erinnerungen daran?
Es gibt das psychologische Phänomen der "szenischen Erinnerung" – das bedeutet, dass sich Dinge zusammensetzen aufgrund von verschiedenen Ereignissen. Als 22-Jährige saß ich in Marokko in einem Bus, in dem Suren aus dem Koran gespielt wurden. Ich habe in diesem Bus eine große Angst entwickelt, konnte damit überhaupt nicht umgehen und habe darum gebeten, dass diese Musik abgeschaltet wird. Monate später habe ich von meinem Vater erfahren, dass das Spielen der Korangesänge eine der akustischen Foltermethoden in Evin war. Offensichtlich muss ich das als Baby mitbekommen und irgendeine Form von Erinnerung abgespeichert haben. Mein Film versucht, dem auf die Spur zu gehen, wie sich traumatische Ereignisse vermitteln – in einem selbst, aber auch innerhalb der Familie und der Gesellschaft.

Haben Sie von ihrem Vater, der noch länger in Haft war, Lebenszeichen aus dem Gefängnis bekommen?
Ich wusste als Kind nicht genau, wo mein Vater war. Ich wusste, dass er nicht bei uns sein konnte, aber ich war viel zu jung, um zu verstehen, warum. Meine Mutter und ich haben ihn auch nach ihrer Entlassung und vor unserer Flucht im Gefängnis besucht. Aber das war alles vor meiner Erinnerung. So habe ich meinen Vater bewusst erst mit neun Jahren kennengelernt.

In dem Film versuchen Sie, mit Ihrer Mutter über die Ereignisse im Gefängnis zu reden. Warum ist das so schwierig, dass Sie es bis dahin nicht gemacht haben?
Wenn man Opfer von Gewalt und Verfolgung geworden ist, braucht es manchmal Jahrzehnte, wenn überhaupt, dass man über das, was einem angetan wurde, sprechen kann. Man weiß ja auch in Deutschland, von Familien von Shoah-Überlebenden, wie schwierig es für die zweite Generation war, mit ihren Eltern über die Entmenschlichung, die sie erfahren haben, zu sprechen. Der Abgrund, in den sie schauen mussten, hat vielen im wahrsten Sinne die Sprache verschlagen. Aber auch von Täterfamilien, weiß man, wie wenige den Mut hatten, wirklich ihre Eltern oder Großeltern zu fragen, was sie getan haben oder was sie erlebt haben. Die Gründe sind komplex, teilweise hat das mit Schuld und Scham zu tun.

Wie war das in Ihrer Familie?
Als Mutter spürt man ja die Verantwortung, seinem Kind ein lebensbejahendes Bild der Welt zu vermitteln. Seinem Kind dann zu sagen, dass seine Eltern Opfer von Gewalt und Folter geworden sind, dass das Kind auch dabei war und dass das Leben zutiefst erschütternd sein kann, ist sehr schwierig. Der Film zeigt, dass das in vielen Familien ähnlich war und wie sehr versucht wurde, einfach nur am Leben zu bleiben und in der Gegenwart zu Hause zu sein. Meine Mutter ist Politikerin und Psychologin, sie engagiert sich seit Jahrzehnten gegen solche Ungerechtigkeiten. Aber innerhalb des Mikrokosmos Familie ist es ein sehr schmerzhafter Prozess, über die eigenen Verletzungen zu sprechen und in einen Austausch darüber zu kommen. Ich glaube, die meisten Menschen wissen sehr genau, worüber in ihrer Familie, in ihrer Kultur oder Gesellschaft nicht gesprochen wird. Der Film ist ein Plädoyer dafür, sich mit dem auseinanderzusetzen, was verdrängt wird. Wir haben eine Verantwortung, da hinzuschauen – egal, wie schmerzhaft das ist.

In ihrem Film reden Sie jetzt in aller Öffentlichkeit mit Ihren Eltern über diese Dinge, über die in Ihrer Familie bisher nicht geredet wurde. Wie schwer war es, Ihre Eltern davon zu überzeugen, das vor der Kamera zu tun?
Meine Eltern waren immer beide sehr politische Menschen. Sie wussten, dass es nicht mein Ziel war, unsere Familiengeschichte in die Öffentlichkeit zu zerren, sondern dass unsere Geschichte dazu beitragen kann, etwas Größeres aufzuzeigen. Wir haben dabei auch eine Stellvertreterposition für viele, die vielleicht auch noch nicht den Mut haben, sich damit auseinanderzusetzen. Der Film zeigt, dass Gewalt durch die Zeit hindurch Spuren hinterlässt, auch innerhalb der intimsten Familienstrukturen. Gewalt und Entmenschlichung hören mit dem Akt nicht auf, sondern haben langwierige Konsequenzen. Es wurden zehntausende Menschen umgebracht und die Täter sind bis heute an der Macht. Meinen Eltern war das ein Anliegen, dass das an die Öffentlichkeit kommt.

Sie haben für den Film auch einige andere Kinder, die im Gefängnis geboren sind, ausfindig gemacht. Haben Sie dabei Muster festgestellt?
Eine französisch-iranische Anthropologin, deren Mutter und Tante in dem Gefängnis hingerichtet worden sind, sagt in dem Film, dass viele der Kinder von politisch Inhaftierten verantwortungsvolle Erwachsene geworden sind. Das verbindet viele der Kinder, die ich getroffen habe. Es gibt den bekannten Satz "They tried to bury us, little did they know we were seeds" (frei übersetzt: "Sie haben versucht, uns zu begraben, aber sie wussten nicht, dass wir Samen sind", Anm. d. Red.). Ich glaube, der Satz spricht für die Erwartungshaltung der Kindergeneration an sich selbst, dass sie besonders integer, besonders engagiert sein müssen.

Sie selbst sind seit Ihrer frühen Kindheit nie wieder im Iran gewesen, auch nicht für den Film. Warum nicht?
Ich zeige eben die Verbrechen des iranischen Regimes auf, das bis heute noch an der Macht ist. Einer der Richter, die die Massenhinrichtungen 1988 angeordnet haben, ist gerade zum Justizminister berufen worden. Ich bringe ans Licht, womit sich dieses Regime nicht auseinandersetzen will, und bin deshalb natürlich keine willkommene Person. Im schlimmsten Falle könnte ich in dem Gefängnis landen, in dem ich geboren bin.

Hat Ihnen die Auseinandersetzung mit dem Thema durch den Film geholfen und wie sehr beschäftigt Sie das Thema noch?
Der Film hatte nie einen therapeutischen Zweck, er geht auch nur bedingt um meine Geschichte. Einer der ersten Sätze von mir im Film lautet: "Es geht hier nicht darum, mich selbst zu finden, ich habe die Psychoanalyse schon lange hinter mir, etwas an meiner Geburt war einfach nicht persönlich und ich muss herausfinden, was es ist."  Meine Geburt, unsere Geschichte, ist ein Instrument, um die Folgen von Gewalt und Verfolgung sichtbar zu machen, nicht um etwas zu klären, was ins Private gehört.

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