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Immer mehr Berichte über Gräueltaten der Taliban in Afghanistan

Demonstration in Kabul
Demonstration in Kabul
© © 2021 AFP
Entgegen aller Versprechen einer integrativen und sich von den 90er Jahren unterscheidenden Herrschaft werden immer mehr Berichte über Gräueltaten der Taliban seit ihrer Machtübernahme bekannt.

Entgegen aller Versprechen einer integrativen und sich von den 90er Jahren unterscheidenden Herrschaft werden immer mehr Berichte über Gräueltaten der Taliban seit ihrer Machtübernahme bekannt. Die Vereinten Nationen verurteilten am Freitag die zunehmenden gewalttätigen Reaktionen der neuen Machthaber auf friedliche Proteste. Zwei afghanische Journalisten berichteten von Misshandlungen mit Schlagstöcken und Peitschen nach einer Demonstration in Kabul.

"Wir fordern die Taliban auf, Gewalt gegen die unverzüglich einzustellen, die ihr Recht auf friedliche Versammlung wahrnehmen", sagte Ravina Shamdasani, Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros. Auch Journalisten würden ins Visier genommen, die versuchten, "einfach nur ihrer Arbeit nachzugehen". Bei den Protesten seien von bewaffneten Kämpfern scharfe Munition und Peitschen eingesetzt worden, um die Menschenmenge auseinander zu treiben.

Nach UN-Angaben wurden seit Mitte August vier Menschen bei Protesten getötet. Die Islamisten hatten am Mittwoch ein Demonstrationsverbot verhängt, nachdem es in den Tagen zuvor in mehreren Städten einzelne Demonstrationen gegen die neuen Herrscher gegeben hatte.

Zwei afghanische Journalisten sagten der Nachrichtenagentur AFP, wie sie nach Protesten, über die sie berichtet hatten, abgeführt und stundenlang festgehalten und geschlagen wurden. "Einer der Taliban stellte seinen Fuß auf meinen Kopf und drückte mein Gesicht gegen den Beton. Sie traten mir gegen den Kopf. Ich dachte, sie würden mich umbringen", sagte der Fotograf Nematullah Nakdi der Nachrichtenagentur AFP. Auf die Frage, warum er geschlagen werde, sei ihm gesagt worden: "Du hast Glück, dass du nicht geköpft wurdest."

Nakdi wurde schließlich in eine überfüllte Zelle gebracht, wo er seinen Kollegen Taki Darjabi fand, der ebenfalls festgenommen und geschlagen worden war. "Wir hatten so große Schmerzen, dass wir uns nicht bewegen konnten", sagte Darjabi.

Der afghanische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Ghulam Isacsai, forderte bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats, die Taliban-Regierung in Kabul nicht anzuerkennen und die bestehenden Sanktionen zu verschärfen. Die jüngsten Demonstrationen in Kabul seien eine "starke Botschaft", dass die Bevölkerung das "totalitäre System" nicht akzeptiere, das ihr von den Taliban "aufgezwungen" werde.

Er warf den Taliban außerdem "Gräueltaten in großem Umfang" im Pandschir-Tal vor. Isacsai, der zum Kabinett des früheren Präsidenten Aschraf Ghani zählte, ist weiterhin der afghanische Vertreter bei der UNO.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach sich dennoch für einen "Dialog" mit den radikalislamischen Taliban aus. Es gehe dabei um die "Solidarität mit dem afghanischen Volk". Auf alle Fälle müsse ein wirtschaftlicher Kollaps Afghanistans verhindert werden. Die Bevölkerung leide jetzt bereits enorm, "Millionen und Abermillionen sind vom Hungertod bedroht", warnte der Portugiese.

Unterdessen konnten Journalisten der Deutschen Welle (DW) aufatmen. Neun Korrespondenten und die einzige Korrespondentin der DW in Afghanistan konnten am Donnerstag mit ihren Familien nach Pakistan ausreisen, wie der Sender am Freitag mitteilte. Für die Menschen sind damit dramatische Tage vorüber, nachdem sie es nicht auf einen der von den westlichen Nationen organisierten Evakuierungsflüge geschafft hatten. Insgesamt seien 72 Menschen ausgereist, erklärte die DW. Weitere Menschen sollen noch aus dem Land gebracht werden.

Angesichts der Lage für Journalisten vor Ort forderte der Deutsche Journalistenverband (DJV) Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) auf, sich aktiv für Reporter und ehemalige Mitarbeiter westlicher Medien einzusetzen. Die Verzweiflung bei den afghanischen Medienschaffenden sei "so groß wie die Todesangst", erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Maas müsse sein Schutzversprechen an gefährdete Afghanen einlösen.

AFP

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