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Interview Andreas Schmidt: "Das war Folter für mich"

In der Verfilmung des Bestsellers "Fleisch ist mein Gemüse" spielt Andreas Schmidt den durchgeknallten Musiker "Gurki". Auch er stand während des Studiums als Frontmann einer Rockband auf der Bühne. Mit stern.de sprach er über Miniplis, Worte statt Fäuste und die Vorzüge abstehender Ohren.

Herr Schmidt, Sie sind im Märkischen Viertel in Berlin aufgewachsen, einer Hochhaussiedlung, die als sozialer Brennpunkt gilt. Konnten Sie nachvollziehen, was Heinz Strunk in seinen jungen Jahren im tristen Harburg erlebt hat?

Wissen Sie, ich habe in meinem Leben viele Gegenden kennen gelernt und glaube, es gibt überall die gleiche Trostlosigkeit und die gleiche Schönheit, wenn auch in verschiedenem Maße. Schönheit findet sich im Märkischen Viertel genauso wie in Hamburg-Blankenese. Man muss sie nur entdecken wollen, sonst bleibt sie einem verschlossen. Davon abgesehen glaube ich, dass das Leben im Norden doch noch ein anderes ist. In Berlin gab es diese Kultur von Karneval und Dorffesten überhaupt nicht. In meiner Jugend war die Mauer noch zu, es gab kein Landleben drum herum.

Inzwischen wohnen Sie mit Ihrer Familie in Berlin-Kreuzberg. Ist es wichtig für Sie, in einem urbanen, turbulenten Umfeld zu leben?

Ja, ich liebe das wirklich sehr. Aber ich habe jetzt einen vier Monate alten Sohn und überlege mir, wie lange ich noch in Kreuzberg wohnen kann. Für ein Kind ist es doch schöner, wenn es sich auf dem Schulweg nicht mit Prügel oder Messern durchsetzen muss. Ich habe das in meiner Jugend durchstehen müssen. Es hat mir für mein Leben nichts gebracht. Schöner wäre es gewesen, wenn ich von vornherein gelernt hätte, dass Kommunikation die bessere Form der Auseinandersetzung ist. Leider habe ich erst spät andere Realitäten kennen gelernt, die friedlicher waren als meine.

Spätestens als Sie mit ihrem Studium begonnen haben. Warum haben Sie sich damals für eine künstlerische Laufbahn entschieden?

Als ich angefangen habe, Bücher zu lesen und mich mit Texten zu beschäftigen, hat sich mir eine neue Welt eröffnet. Das war meine Rettung. Vorher wusste ich lange nicht, in welche Richtung ich gehen sollte, liebäugelte mit Biologie oder Medizin. Ich habe schließlich Philosophie und Germanistik studiert und nebenher eine Schauspielausbildung gemacht. Das mit der Schauspielerei ging dann gleich gut los. Ich habe gemerkt, dass dieser Beruf viele Seiten von mir anspricht.

In Ihrer Studienzeit waren Sie Sänger und Gitarrist der Band "Lillies große Liebe". Wie professionell haben Sie die Musik betrieben?

Die Band gab es nur ein paar Jahre. Unsere Stilrichtung haben wir "Deutschen Country" getauft, aber eigentlich spielten wir bei unseren Auftritten Rockmusik. Ich habe schnell gemerkt, dass mir das Bandleben zu anstrengend ist: Ständig Verstärker schleppen, Instrumente auf- und abbauen - das ist ein ganz schön hartes Leben. Als ich "Fleisch ist mein Gemüse" gelesen habe, konnte ich gut nachvollziehen, wie das Leben als Tanzmusiker gewesen sein muss - stundenlang die immer gleichen Songs spielen, furchtbar.

Dann war es wohl kein großer Spaß, den Schützenfest-Barden "Gurki" zu verkörpern?

Es war eine große Überwindung, weil mir die Figur einigermaßen fremd ist. Der Gurki ist ein schamloser, sich anbiedernder Mensch - er würde jederzeit seine Oma, seine Mutter und den Rest seiner Familie für einen Witz verkaufen. Die Rolle dann noch in der Albernheit zu spielen, wie sie im Buch beschrieben ist und auch dem Regisseur Christian Görlitz vorschwebte, ist mir sehr schwer gefallen. Es gibt im Film eine sehr schöne Szene, in der Gurki von einer Frau brutal abgewiesen wird - das finde ich gut, weil man hier sieht, dass solche Männer immer auch eine verletzliche Seite haben.

Für die Rolle mussten Sie sich einen fiesen 80er-Jahre-Look zulegen.

Ja, das war wirklich Folter für mich, mit Schnurrbart und Minipli-Locken herum zu laufen. Bei meiner Frau kam der Look natürlich auch super an. Übrigens habe ich keine Perücke getragen, das war mein eigenes Haar.

Wie gefällt Ihnen denn der Film im Endergebnis?

Beim ersten Angucken war ich total begeistert. Ich mochte an dem Buch gerne, dass es eigentlich ein todtrauriger Stoff ist: Ein Mensch, der immer am Rande des Selbstmordes stand, wird von einer schrägen Band aus seinem Kellerloch auf die Bühne gezwungen und ins Leben zurückgeholt. Das ist eine schöne Absurdität des Lebens, die ohne die traurigen Elemente - etwa die schwer kranke Mutter - nicht funktionieren würde und auch nicht witzig wäre.

Genau das wird dem Film von einigen Kritikern vorgeworfen: dass er sich nicht zwischen Komödie und Tragödie entscheiden könne.

Ich glaube hinter solchen Bewertungen steckt ein deutsches Problem: Humor mit Gefühl und Traurigkeit zu verbinden, ist in Deutschland verboten. Und gelacht werden darf immer nur über die anderen. Dabei ist es so hässlich über andere zu lachen und so toll, wenn jemand über sich selbst lachen kann. In der jüdischen, polnischen, irischen Kultur ist das sehr verbreitet. Vielleicht müssen wir das hier noch lernen.

Sie sind optisch ein außergewöhnlicher Typ. War das für Ihre Schauspielkarriere eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ich hab mich früher sehr geschämt für meine abstehenden Ohren. Lustigerweise habe ich meine ersten Filmrollen dann ausgerechnet wegen der Ohren bekommen. Es war eher hilfreich, ein bisschen außergewöhnlich auszusehen - die Leute in den 80er Jahren fanden das toll. Heute wäre es schwieriger mit so einem schrägen Gesicht, da werden eher die gut aussehenden Typen gesucht.

Sind Sie inzwischen abonniert darauf, durchgeknallte Typen zu spielen?

Das ist wohl so - leider, denn ich interessiere mich für "normale" Menschen genauso wie für solche, die offensichtlich einen Schaden haben. Aber man rutscht schnell in eine Ecke rein und kriegt dann immer wieder solche Rollen angeboten.

Neben der Schauspielerei führen sie auch Regie. Welcher Bereich hat für Sie die höchste Priorität?

Mit der Schauspielerei verdiene ich mein Geld. Aber wenn man immer nur spielt, wird der Geist ein bisschen lahm gelegt. Bei der Theaterarbeit habe ich die künstlerische Gesamtverantwortung, das fordert ganz andere Seiten von mir.

Bislang haben Sie fast ausschließlich am Theater Regie geführt. Planen Sie demnächst einen eigenen Film?

Es gibt immer mal wieder Anfragen von Filmproduktionen, aber Filmregie ist ja ein ganz eigener Beruf, den man erlernen muss. Ich kann gut mit Schauspielern arbeiten, aber alles was mit Schnitt und Bildsprache zu tun hat, ist mir nicht so vertraut. Da muss ich mich lang und intensiv vorbereiten. Das sollte dann schon ein Stoff sein, der mir wirklich Spaß macht. Außerdem mag ich das Theater, dort geht es so schön familiär zu, und ich ziehe mich gerne mal zurück, um weniger präsent für die Öffentlichkeit zu sein. Ich bin nicht der Mensch, der sich so gerne abfotografieren lässt.

Gestatten Sie mir trotzdem eine private Frage: Wie gefällt Ihnen Ihr neues Leben als Vater?

Es ist wirklich überraschend, was für eine Achterbahnfahrt an Gefühlen so ein kleiner Wurm in einem auslöst. Wenn der Kleine einen morgens anstrahlt ist das ein ganz wundervolles Gefühl. Kinder machen das Leben groß und reich.

Interview: Ulrike Schäfer