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Interview mit Felicitas Woll: "Ich habe viel geheult"

Den Sprung von der Berliner Göre "Lolle" zur ernsthaften Schauspielerin hat Felicitas Woll längst geschafft. Im stern.de-Interview spricht sie über ihren neuen Film "Liebe Mauer" - und verrät, weshalb sie die Wendezeit immer noch berührt.

Frau Woll, werden Sie noch oft auf der Straße als "Lolle" angesprochen, ihrer Rolle aus "Berlin, Berlin"?
Ja, das passiert noch. Ich finde das auch schön und freue mich darüber. Die Zuschauer von damals sind aber auch schon älter geworden, die meisten sind über 30. Die jüngere Generation kennt mich dagegen gar nicht mehr.

Haben Sie die Identifikation mit dieser Rolle nie als Last empfunden, so wie Romy Schneider lange unter ihrem "Sissi"-Image gelitten hat?
"Sissi" war ja süß und niedlich. Lolle war dagegen sehr tough. Da habe ich kein Problem mit. Lolle hat Dinge gemacht, die ich mein Lebtag nicht machen werde.

Ihr neuer Film "Liebe Mauer" endet mit Bildern vom 9. November 1989, wo sich wildfremde Menschen in Berlin um den Hals fallen. 20 Jahre später hat sich das Verhältnis zwischen Ost und West merklich abgekühlt. Die große Euphorie der Einheit ist mittlerweile verflogen. Was ist da schief gelaufen?
Ich empfinde das gar nicht so. Ich persönlich habe mir in diesem Jahr so viele Sendungen zu dem Thema angesehen. Ich habe auch viel geheult, weil es mich so berührt hat. Das ist einmalig gewesen, was damals passiert ist. So toll!

Im Westen klagen viele Menschen, sie müssten zu viel für den Osten zahlen, im Osten sind viele Menschen vom Kapitalismus enttäuscht und wünschen sich die soziale Sicherheit der DDR zurück.
Es ist aber auch eine schwierige Zeit gerade - überall in der Welt. Dass es da Menschen gibt, die klagen, ist doch klar. Aber ich zahle gerne meinen Beitrag. Und wenn ich mir die Welt angucke - ob es Afrika, Afghanistan oder der Irak ist -, dann sage ich: Es geht uns verdammt gut. Wir müssen keine Angst haben, auf der Straße erschossen zu werden oder Hunger zu leiden.

Als große Gewinner der Wende gelten ostdeutsche Frauen, wohl auch, weil dort die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark gefördert wurde. Im Westen mussten sich Frauen mit Kindern dagegen immer rechtfertigen, wenn sie gearbeitet haben. Sie selbst sind alleinerziehende Mutter und leben im Westen - ist das noch immer so?
Ich werde auch ab und zu gefragt, wie ich Beruf und Familie unter einen Hut kriege. Natürlich ist das schwierig. Ich lebe aber in einer privilegierten Position, weil ich eine Familie habe, die mich unterstützt. Weil ich einen Beruf habe, wo ich auch mal längere Zeit zuhause sein kann. Ich verdiene gutes Geld, sodass ich auch alleinerziehend gut durchkomme.

Das schlimme ist ja oft der moralische Druck. Die Rede davon, dass ein Kind rund um die Uhr seine Mutter brauche.
Das ist altes Denken. Die meisten Frauen lieben ihr Kind und lieben es auch, Mutter zu sein. Aber wir sind nicht nur Mütter und fürs Kind da, sondern haben auch unser eigenes Leben. Ich hatte das Glück, dass ich die ersten zwei Jahre mit meinem Kind zuhause bleiben konnte. Trotzdem habe ich Lust, mein Leben zu leben. Es ist nicht die Bestimmung einer Frau, am Herd zu sitzen und das Kind zu füttern. Frauen wollen genauso arbeiten wie der Mann das tut. Das muss auch gefördert werden. Kinder werden nur dann glücklich, wenn auch die Mutter glücklich ist.

Der Filmproduzent Nico Hofmann hat einmal über Sie gesagt, "Für mich hat sie die große Kraft einer Volksschauspielerin - sie ist ein Mensch, der andere Menschen öffnet. Das ist ganz selten." Was hat er damit gemeint?
Es ist schwer, über sich selbst zu sprechen. Aber das war bei mir schon immer so. Als kleines Kind hatte ich pechschwarze Locken. Meine Mutter musste teilweise mit mir durch die Straßen rennen, denn jedes Mal wenn sie stehenblieb, haben die Leute mich angefasst und gesagt: 'Die ist ja süß'. Aber ich hoffe natürlich, dass es bei mir nicht nur die Ausstrahlung ist, sondern das Spiel auch noch gut ist.

Die Magie entsteht bei Ihnen also nicht erst vor der Kamera, wie das beispielsweise bei Marilyn Monroe der Fall gewesen sein soll?
Ich kann da gar nichts für. Es gab Situationen, wo ich bei einem Konzert in der zehnten Reihe saß und auf die Bühne geholt wurde. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass das an meinen Augen liegt. Wenn ich zum Beispiel durch die Straßen laufe und den Leuten in die Augen schaue, ist sofort eine Verbindung da. Das ist eine Aufmerksamkeit, die ich privat nicht haben will. Aber für den Beruf ist das natürlich wunderbar.

Sie wollten eigentlich gar nicht Schauspielerin werden. Sie sind entdeckt worden. Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie Krankenschwester geworden wären?
Klar. Auf jeden Fall wesentlich schwieriger, auch was das Kind angeht. Als Krankenschwester verdient man sehr wenig für die schwere Arbeit.

Sie empfinden Ihren Beruf als Glück?
Absolut. Wenn ich zurückdenke, habe ich als Kind immer irgendwas gespielt. Ich habe mich verkleidet, meinen Eltern etwas vorgespielt, "Zauberflöte" gesungen oder in der Schule Theater gespielt. Aber ich hätte mich nie getraut, von mir aus den Beruf zu ergreifen.

Sie sind also das Gegenteil von den vielen Jugendlichen, die Filmschauspieler, Popsänger oder einfach nur Superstar werden wollen?
Das war es nie. Auf diese große Aufmerksamkeit könnte ich auch verzichten. Auftritte wie bei "Wetten, dass..?" sind für mich Stress. Ich gehe gerne durch die Straßen, ohne dass man mich erkennt. So wie es jetzt ist, kann es gerne bleiben.

Wer berät Sie bei der Rollenauswahl?
Ich lese die Drehbücher alle selbst. Es kommt natürlich auch viel Quatsch rein, wo ich nach zehn Seiten merke, dass mich die Rolle nicht interessiert. Ich entscheide nach Lust. Wenn ich mir nicht sicher bin, gebe ich das Drehbuch meiner Mutter. Die hat ein unheimlich gutes Gefühl dafür.

Carsten Heidböhmer