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Kinofilm "Brothers": Tobey Maguire als gebrochener US-Marine

Der "Spider-Man" fasziniert auch jenseits von Popcorn-Unterhaltung: Fast unheimlich verkörpert Tobey Maguire in "Brothers" einen seelisch zerrütteten Marine, der nach einem Afghanistan-Einsatz im Alltag nicht wieder Fuß fassen kann.

Er war schon immer mehr als nur "Spider-Man": In der Rolle der akrobatischen Comic-Figur, für die er seinen Körper stahlhart trainiert hatte, sorgte Tobey Maguire weltweit für drei Kinohits. Doch schon in "Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Die Wonderboys" oder "Seabiscuit" profilierte sich der heute 35-Jährige als Ausnahme-Talent voller Tiefgang. Seine beeindruckendste Leistung legt der Schauspieler in Jim Sheridans starbesetztem Kriegs- und Familiendrama "Brothers" vor.

Das außergewöhnliche Werk packt Zuschauer jeden Erwachsenenalters mit urmenschlichen Themen wie Schuld, Entfremdung und der Kraft von Wahrheit und Familie. Der aus Irland stammende Starregisseur Sheridan ("Im Namen des Vaters") erzählt in versierter Hollywoodmanier ­und bringt doch innere Wahrheiten schmerzlich auf den Punkt. Mit fast unheimlicher Präsenz gibt Maguire einen erfolgsgewohnten jungen Ehemann, Vater und Marine namens Sam, der beim Afghanistan-Einsatz schuldlos schwere Schuld auf sich geladen hat. In seiner Seele zertrümmert, verliert er jeden Bezug zu sich selbst.

Mit drastischen Folgen für seine Familie: Der Soldat aus einer typischen Vorstadt kann seiner Frau (Natalie Portman, "Black Swan", "Star Wars") nicht mehr vertrauen, seine beiden Töchter nicht mehr lieben. Er wird feindselig in alle Richtungen. Sein bislang stolzer Vater (Sam Shephard), ein Vietnam-Veteran, verliert den Respekt vor ihm. Einzig sein jüngerer Bruder Thommy (Jake Gyllenhaal, "Brokeback Mountain"), Ex-Knacki ohne Perspektiven, wandelt sich dabei positiv: Weil der zunächst vermisste Sam für tot erklärt wurde, kümmert sich Tommy erstmals um die Seinen. Nun ist er Teil eines Ganzen ­ und blüht auf.

Ganz normale Menschen mit normalen Gedanken und Gefühlen, die normale Dinge tun und in normalen, unaufgeräumten Wohnungen leben: Unsentimental, doch mit kraftvollem Zugriff zeigt Sheridan anfangs den Alltag von Durchschnittsbürgern. Die Kamera stellt eine diskrete Intimität zu ihnen her. Und den berühmten jungen Darstellern, die sonst gern Teenieherzen höherschlagen lassen oder in Klatschspalten Furore machen, merkt man an, mit welcher Leidenschaft sie sich nach und nach Existenziellem nähern.

Die dazwischen geschnittenen Kriegs-Szenen ließ Sheridan in der Wüste New Mexicos drehen. Dabei verzichtet er auf jede Überhöhung oder billige Anklage. "Brothers" geht zurück auf die dänische Produktion "Brodre" von Susanne Bier (die gerade einen Golden Globe für ihr neues Werk "In einer besseren Welt" erhalten hat). Im amerikanisierten Remake genügt ein Blick in Maguires starres Gesicht und tote Augen, um etwas vom unsagbaren Grauen der Schlachten zu spüren. Einem Grauen, das nach dem Einsatz nicht vorbei ist ­ und noch nachfolgende Generationen zerstören kann. Und doch klingt am Ende der Geschichte Hoffnung an ­- dank heilsamer Kräfte der Seele.

Ulrike Cordes, DPA / DPA
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