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Kinostart "Another Year": Der Glaube an das Gute

Mike Leighs Filme zeichnen sich durch großartige Schauspielensembles aus. So auch dieses Mal: In "Another Year" verkörpern seine Lieblingsschauspieler wieder überzeugend glückliche bis unglückliche, aber durchweg liebevolle Personen des normalen Lebens.

In seinem vorherigen Film "Happy-Go-Lucky" war es noch eine quirlige, zeitweise völlig überdrehte junge Londonerin, die im Mittelpunkt des Films stand: Knallbunt gekleidet, immer gut gelaunt und unverzagt repräsentierte Poppy (Sally Hawkins) eine Ausnahmefigur inmitten postmoderner depressiver und pessimistischer Großstädter. In seinem neuen Film "Another Year" scheint Leigh einen anderen Blick auf die Gesellschaft zu werfen: Auf ein älteres Ehepaar, ruhig in der Vorstadt lebend, um sich herum tragische Gestalten versammelnd. Aber so anders als Poppy sind auch diese Protagonisten nicht.

Denn auch Tom und Gerrie ­- dass das Ehepaar so heißt, ist eins von vielen kleinen humorvollen Details des Films -­ berühren durch ihr liebevolles Verhalten und ihren unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Saison für Saison graben und pflanzen sie in ihrem Garten, und so wie sie ihre Blumen hegen, gewähren sie ihren Freunden eine Schulter zum Weinen und ein kuscheliges Bett. Zueinander sind die beiden so wie Menschen in einer Freundschaft oder Partnerschaft sein sollten: Respektvoll, fürsorglich, harmonisch und autonom. Die ganze Zeit fragt man sich: Wo ist der Haken? Es muss doch einen geben! Nein, es gibt keinen.

Der Film fließt dahin wie die Jahreszeiten und das Leben selbst. Aber das Unspektakuläre ist gerade seine Stärke: So wird das universelle Potenzial des Films deutlich. Die Figuren des heute 67- jährigen Filmemachers Leigh ("Vera Drake", "Lügen und Geheimnisse") stehen nicht für Einzelpersonen, sondern mit ihren Wünschen, Sorgen und Lieben für das allgemein Menschliche. Großartig gespielt wird das von den Stammschauspielern Jim Broadbent als Tom, Ruth Sheen als Gerrie sowie Peter Wight in der Rolle des Freundes der Familie, Ken, sowie Lesley Manville in der Rolle der Mary, der Kollegin und Freundin von Gerrie.

Erzählt wird der Alltag von Tom und Gerrie, die Anfang Sechzig und seit vielen Jahren glücklich verheiratet sind. Die Frau ist Psychologin, der Mann Geologe. Dabei repräsentieren sie natürlich auch eine eigene Generation, einen spezifischen Lebensabschnitt, wie er im Kino in jüngster Zeit verstärkt beachtet wird: Das Alter. "Es geht um all die Gedanken, die man sich um das Alter macht", sagte Leigh in einem Interview, "wie wir damit umgehen und wie es dann im Leben weitergeht."

Dabei geht es einigen auch nicht gut. Sorgen bereiten den beiden Hauptfiguren nämlich Ken und Mary, die denselben sozialen Typus verkörpern: Sie sind allein, einsam und unsicher. Sie rauchen und trinken viel, gesellig zwar, aber mit sehr hastigen Zügen und großen Schlücken, die etwas zu gierig wirken als dass sie noch einem psychisch und physisch tolerablen Konsum entsprächen. Mary ist so verzweifelt, dass sie sich sogar an den rund zehn Jahre jüngeren Joe, den Sohn ihrer Freundin, heranmacht.

Joe lernt unterdessen Katie kennen, die einen ein bisschen an Poppy erinnert, und findet sein Liebesglück. Umso schlimmer wird es für Mary, die fast schon etwas Hysterisches an sich hat. Bis sie auf den introvertierten Bruder von Tom, Ronnie (David Bradley), trifft. Dieser hat gerade seine Frau beerdigt und steht unbeholfen in der Küche von Tom und Gerrie herum. Er und Mary rauchen erstmal zusammen.

Susanne Schmetkamp, DPA / DPA
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