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Kinostart von "Pieta": Gnadenloses Bild einer mörderischen Gesellschaft

Was passiert, wenn alle Menschlichkeit dem Mammon geopfert wird? Dieser Frage spürt der koreanische Regisseur Kim Ki-duk in seinem Thriller "Pieta" nach. In Venedig gab es dafür den Goldenen Löwen.

Der durch Filme mit brutalen Sex- und Gewaltszenen, wie zum Beispiel im Jahr 2000 "Die Insel", weltbekannt gewordene südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk hat mit "Pieta" einen Thriller höchst ungewöhnlicher Art inszeniert. Denn es gelingt dem 51-Jährigen neben dem Aufbau packender Krimispannung auch ein überaus kritisches Bild der Gesellschaft. Kompromisslos entlarvt er die Auswüchse der Profitgier als unausweichliche Folge gängigen Geschäftsgehabes in der angeblich zivilisierten bürgerlichen Welt.

Im Zentrum der Geschichte steht Gang-Do (Lee Jung-Jin). Der junge Mann arbeitet als Schuldeneintreiber. Dabei geht er nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Eines Tages besucht ihn eine Unbekannte (Jo Min-Su). Sie behauptet, seine Mutter zu sein, die er noch nie getroffen hat. Gang-Do glaubt der Fremden. Dem Familienglück zuliebe kündigt er. Da wird sie entführt. Auf der Suche nach ihr bekommt nun er die Grausamkeit einer Gesellschaft zu spüren, die gnadenlos wirklich alles dem finanziellen Geschäftserfolg unterordnet.

Drama ohne moralisch integre Figuren

Der mit Bildern voller beunruhigender Stille visuell packende Film schockiert mit einem schonungslosen Bild des Alltags in den Industrienationen. Kim Ki-duk hat nicht zufällig in einem ärmlichen Stadtviertel von Seoul gedreht, das derzeit von Baumaschinen platt gewalzt wird, um Stahl-Glas-Beton-Palästen des Kapitals zu weichen. Plattgemacht wird dabei die Welt der kleinen Handwerker und Händler. Sie passen nicht mehr ins unermüdlich mahlende Räderwerk der wie geschmiert laufenden Geldvermehrungsmaschinerie.

Besonders erschrickt, dass es in dem Drama keine einzige moralisch integre Figur gibt. Alle sind verkommen und kaputt. Dies unterstreicht kraftvoll, dass Kim Ki-duk seine bitterböse Ballade vom moralischen Verfall Einzelner tatsächlich als Metapher auf den Siegeszug der Unmenschlichkeit in der westlichen Welt verstanden wissen will. Es ist nicht übertrieben, den exzellenten Film auch als Kommentar auf die aktuelle Finanzkrise zu verstehen.

Haben Verbrecher Mitleid verdient?

Schlüssel zum Verständnis des Films ist dessen Titel: "Pieta". Zum einen geht es in der Geschichte von Gang-Do und der fremden Frau um die Frage, inwieweit Verbrechern Mitleid (italienisch: Pietà) zusteht. Zum anderen greift Kim Ki-duk ein unter dem Namen "Pieta" seit dem 14. Jahrhundert geläufiges Motiv der christlich geprägten Kunst und Kultur auf: die Darstellung Marias als Mater Dolorosa mit dem Leichnam von Jesus. Dabei überlässt es der Regisseur dem einzelnen Zuschauer, ob das als Aufforderung zur Rückkehr zu christlichen Werten oder aber als Abkehr von eben diesen zu verstehen sein soll.

Beim diesjährigen Filmfestival in Venedig wurde der wirklich schweißtreibende Thriller wegen seiner gestalterischen Qualitäten und wegen der gedanklichen Tiefe völlig zu Recht mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen, ausgezeichnet. Die Ehrung ist auch deshalb verdient, weil es Kim Ki-duk gelingt, sowohl ein anspruchsvolles Publikum zu bedienen, als auch eines, das vor allem an fesselnder Unterhaltung interessiert ist. Wohl niemand verlässt das Kino nach diesem Film ohne Gänsehaut.

Peter Claus, DPA / DPA
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