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Michael Gwisdek: "Der Westen bestimmt, wie es bei uns war"

Michael Gwisdek gehört zu Deutschlands renommiertesten Schauspielern. Er hat mehr als 100 Filme in Ost und West gedreht. Im stern.de-Interview erzählt er, worin sich die Filmarbeit in beiden Staaten unterscheidet - und warum die DDR immer so einseitig dargestellt wird.

Herr Gwisdek, Sie haben in der DDR und im Westen Filme gedreht. Worin unterschied sich das Filmemachen?
Der wesentliche Unterschied ist, dass man in der DDR unendlich viel Zeit hatte und Geld keine Rolle spielte. Man stand nicht unter materiellem Druck. Wenn die Wolken falsch standen, haben wir eben drei Tage gewartet, bis sie richtig standen. Niemand sagte: Wir müssen heute drehen, jeder Drehtag kostet. Kostete überhaupt nichts. Alle haben ihr Gehalt auch so gekriegt, ob sie drehen oder nicht. Es war scheißegal, wie viele Tage das gedauert hat.

Ihr aktueller Film "Boxhagener Platz" erzählt eine Geschichte über das ganz normale Leben in der DDR. Das ist selten - die meisten Filme über diese Epoche sind entweder klamaukige Nostalgie oder düsteres Stasi-Drama. Warum gibt es so wenige Filme, die vom Alltagsleben erzählen?
Weil man das nicht so sehen will. Entweder will man den Unrechtsstaat sehen oder man will sich über die Mangelgesellschaft lustig machen. Dass es so etwas wie "normales Leben" in der DDR gegeben hat, können sich die meisten nicht vorstellen. Ein Leben, ohne dass man ständig einen von der Stasi im Rücken hatte oder immer feststellte, es gibt kein Toilettenpapier und keine Bananen. Es haben auch wunderbare Gespräche stattgefunden und es wurden wunderbare Träume geträumt und es hat Liebesgeschichten gegeben. Ich glaube, dass es langsam Zeit wird, auch differenzierte Filme über die DDR zu drehen.

Woher kommt denn die Ignoranz gegenüber dem Leben in der DDR?
Wenn man einen Film macht, braucht man Geld. Das kriegt man nur, wenn man klarmacht, dass für diesen Stoff ein Publikum gibt. Aber wer bestimmt denn, was das Publikum sehen will? Es gibt Leute, die glauben es zu wissen - deswegen entstehen die immergleichen Klischee-Filme.

Es gab zuletzt zahlreiche Filme, die eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West zum Thema hatten. Am Ende gibt es stets ein doppeltes Happyend: Wie die Liebenden fanden auch die beiden getrennten deutschen Staaten wieder zusammen. Würden Sie mit Ihrer heutigen Erfahrung sagen, dass die Wiedervereinigung ein Happyend war?
Das ist immer die erste Geschichte, die sich anbietet: Die Königskinder, die nicht zueinander finden. Das hat mit der DDR an sich wenig zu tun. Ich kann's schon nicht mehr sehen, wenn sich die Mauer öffnet und die Trabis rüberfahren. Und dann immer die Stasi. Natürlich sind Leute an der Stasi kaputt gegangen. Aber die DDR nur immer darauf zu reduzieren, halte ich für falsch. Es gab wesentlich interessantere Aspekte. Das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, in der alle im selben Boot sitzen, alle im selben Gefängnis sitzen. Da gibt es eine Million Geschichten: Wenn alle gleich sind, alle das gleiche Geld verdienen, alle den gleichen Wein trinken - da entsteht etwas Besonderes. Diese Stoffe müssen noch kommen. Es ist leider so, dass der Westen uns übernommen hat und auch die Filme über uns macht und so bestimmt, wie es bei uns war.

Sie durften schon zu DDR-Zeiten im Westen arbeiten und wussten daher, was bei der Wiedervereinigung auf Sie zukommt. Waren Sie trotzdem von der Wucht des Einigungsprozesses überrascht?
Ja, natürlich war ich davon überrascht. Unser Widerstand fand im Theater statt, wo wir ein bisschen mehr das Maul aufgemacht haben, weil wir ja Künstler waren und man uns nicht so einfach deckeln konnte. Als dann die Mauer fiel, waren wir alle der Ansicht, jetzt machen wir eine DDR die funktioniert. Wir wussten alle, diese Regierung geht überhaupt nicht, die muss komplett weg. Dass das so schnell kippte, war uns nicht klar. Als das Westgeld kam, war der Prozess nicht mehr zu stoppen. Alle wollten ein Westauto haben, das war dann viel wichtiger. Die Mangelgesellschaft war am Ende - das war der Grund für das Ende der DDR.

War die Reibung mit dem politischen System in der DDR wichtig, um große Kunst entstehen zu lassen?
Das gab es auch im Westen. Es gibt immer engagierte Künstler, die den Finger in die Wunde leben, in Ost wie West.

Ihr Sohn Robert ist auch Schauspieler geworden. Geben Sie Ihre Erfahrungen an ihn weiter?
Wir haben ein gutes Verhältnis, deswegen kriegt er viel von mir mit. Ich gebe das aber weder als Lehrer noch als Vater weiter, sondern als Diskussionspartner. Ich bin sehr geehrt, wenn er mich auf Augenhöhe akzeptiert und mir zuhört. Ich habe ihm aber nie gesagt, wo es langgeht. Das kann ich nicht. Ich bin selber noch in der Entwicklung. Dieser Beruf ist so aufregend, dass man keine festen Regeln lehren kann. Was die jungen Leute lernen müssen, ist Disziplin und Ethik.


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