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Michael Madsen: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Knast, Gelegenheitsjobs und jede Menge schlechte Filme: Das Leben war nicht nett zu Michael Madsen. Quentin Tarantino liebt solche Typen und besetzte ihn in "Kill Bill" - die Chance für Madsen, endlich groß rauszukommen.

Nach rund 100 Filmen ist davon auszugehen, dass der Mann weiß, was er vor einer Premiere zu tun hat. Great, great, great Stimmung verbreiten, super Film, große Herausforderung, tolle Kollegen, bald noch tollere Projekte, thank you, bye-bye. Aber all das sagt Michael Madsen nicht an diesem Nachmittag in Los Angeles.

Er sagt, dass er eine Menge Schrott gedreht hat in den vergangenen Jahren. Zeit verschwendet hat. Dass es fünf bis sechs Filme gibt, auf die er stolz ist. Dass er viele Rollen nur übernommen hat, weil er Geldsorgen hatte. Dass ihm immer häufiger Schrott angeboten wurde, je mehr er davon gedreht hatte. Und gleichzeitig andere Angebote ausblieben. Man könnte denken, er kokettiert. Aber dafür sieht er zu erschöpft aus. Und bemüht sich viel zu sehr, dass man versteht: "Es geht ganz schnell. Plötzlich kriegst du bei den guten Filmen keinen Fuß mehr in die Tür. Und der Schund frisst dich auf. Und irgendwann trocknet selbst dieser Markt aus. Dann bist du tot. Kannst dir nur noch die Kugel geben."

Madsen erzählt vom Sorgerechtsstreit um seine Kinder, von hohen Anwaltskosten, sagt, dass er sich fast kaputtgesoffen hatte. Dass er sich seiner Jungs wegen zusammengerissen hat. Nach Selbstmitleid klingt es nicht, das verhindert schon seine Reibeisenstimme, die selbst die aufgemotzte Hotelsuite, in die man ihn gesetzt hat, in einen Saloon verwandelt.

Er sagt, dass er drauf und dran war, den Beruf aufzugeben. Schreiner zu werden oder einen Bodyshop aufzumachen. "Irgendwas Simples." Alles, nur nicht länger Schauspieler ohne Hoffnung sein. Sagt, dass Quentin Tarantino ihn gerettet hat. Und dass "Kill Bill" zu den fünf Filmen zählt, auf die er stolz ist.

Tarantino hatte ihn

schon vor "Kill Bill" entdeckt. Hatte Mr Blonde aus ihm gemacht, den keiner vergisst, der "Reservoir Dogs" gesehen hat, auch wenn das mehr als zehn Jahre her ist. Mr Blonde, der dem gefesselten Polizisten das Ohr abschnitt. Nebenher, beim Tanzen, einfach, weil er Lust dazu hatte. Und sich dann eine Zigarette anzündete, wie es lässiger nur Humphrey Bogart konnte. Eigentlich sollte Michael Madsen danach in "Pulp Fiction" mitspielen. Aber er hing bei den Dreharbeiten für den Kevin-Costner-Western "Wyatt Earp" fest. Auch so ein Film, den er lieber vergessen würde.

Vor ein paar Jahren rief er Tarantino an. Nicht um eine Rolle zu erbetteln, sondern um zu fragen, ob er seinen 50 Jahre alten Chevy bei ihm unterstellen könnte. Kein Problem, sagte der. Madsen bekam einen Garagenschlüssel und verbrachte viele Tage unterm Wagen. Und mit Tarantino in der Küche. Tisch und Boden waren bedeckt mit stetig wachsenden Papierhaufen: "Kill Bill". Irgendwann fragte Tarantino, ob er Lust habe, Budd zu spielen, den Bruder von Bill. Madsen sagte sofort zu. "Ich hätte sogar als Statist mitgemacht." Weil Tarantino das Beste aus ihm herausholt? "Weil er mir ermöglicht, mein Bestes zu geben." Im ersten Teil tauchte er fast nicht auf, "Kill Bill Vol. 2" wird wohl dafür sorgen, dass bald niemand mehr fragt, wer noch mal Michael Madsen ist. Budd haust in einem Wohnwagen in der Wüste, um seinen Hals eine Rasierklinge, er arbeitet als Türsteher und Kloputzer in einer miesen Stripbar. Dann wird er auch da gefeuert. Er erwartet nichts mehr vom Leben, außer Bier im Kühlschrank. Aber er weiß, was richtig ist und was falsch. Als er hört, dass Bills Ex-Freundin (Uma Thurman) auf dem Weg ist, ihn zu töten, sagt er: "Sie verdient ihre Rache. Und wir verdienen es, zu sterben." Dann überlegt er es sich anders. Er beerdigt sie bei lebendigem Leib.

Michael Madsen sieht

auch privat aus wie eine Tarantino-Figur. Goldkettchen, gefärbte schwarze Haare, Kunstlederjacke überm lila-gelb gestreiften Hemd. Er ist 45, und rein optisch ist er seit "Reservoir Dogs" nicht viel älter geworden. Oder umgekehrt, er sah früh ziemlich alt aus.

Seine Eltern trennten sich, als er neun war, er wechselte häufig die Schule, hing viel rum, fing an zu klauen. Mit 13 hatte er zum ersten Mal Sex, sie war 28, und Madsen schaute nebenher fern. So erzählt er es. Er hat als Tankwart gearbeitet und als Gärtner, hat Häuser angestrichen, Autos repariert und auch Autos geklaut. Er war im Knast, immer wieder. Früher hat er damit geprahlt. Heute sagt er: "Ich will nicht, dass meine Söhne das lesen und mir nacheifern." Das wilde Leben sei vorbei. Wenn er heute trinkt, rechnet er in Gläsern, nicht mehr in Flaschen. Aber natürlich hat er eine Pistole zu Hause, und wenn er müsste, würde er sie benutzen.

Seit einigen Jahren schreibt er Gedichte. Bald kommt sein viertes Buch heraus. Es erzählt von Einsamkeit, von Liebe und Gewalt - in Schlafzimmern, in Bars, auf Parkplätzen und Hotels, mit und ohne Drogen, meistens mit.

Madsen entdeckte die Schauspielerei am Theater. Bekam erste Rollen in Chicago, zog nach Los Angeles. 1991 sein erster großer Erfolg als Jimmy in "Thelma und Louise." Einen Liebhaber würde er gern wieder spielen. "Aber so sieht man mich nicht. Dass du ein guter Schauspieler bist, heißt noch lange nicht, dass Hollywood dich will. Die haben Ben Affleck auf dem Radar. Wenn sie mich wollen, dann als Killer." Dann fällt ihm die Pressefrau vor der Tür ein: "Ich muss eine positive Einstellung haben."

Trotzdem, es regt ihn auf,

dass er nicht einmal einen Stern auf dem Hollywood Boulevard hat. "Das wär schön für meine Söhne, für meine Moral, für meine Karriere. Sogar Kermit, dem Frosch, haben sie einen gegeben, einer verfickten Puppe."

In der Stadt der Selbstvermarkter zeigt man sich nicht derartig schwach, jedenfalls nicht, wenn man endlich aus der zweiten in die erste Reihe will. Und man spricht auch nicht voll Verachtung über die "PR-Maschinerie", die "Hype-Fabrik". Aber so ist das mit enttäuschter Liebe. Viele seiner Rollen seien zusammengeschnitten worden, sagt er. "Vielleicht, weil ich den Hauptdarsteller gegen die Wand gespielt habe. Aber das darf ich auch wieder nicht sagen, weil ich sonst klinge wie ein arrogantes Arschloch." Er würde gern mal den Helden spielen, die Stadt retten, das Mädchen bekommen und in den Sonnenuntergang reiten. "Derjenige sein, dem die Leute dankbar sind, nicht der, den sie fürchten." Dabei werde "Kill Bill" wahrscheinlich nicht helfen, sagt er mit schiefem Grinsen. Viel Zeit bleibe nicht. "Wenn sich nicht bis Mitte Mai ein neuer Job ergibt, dann bin ich genau da, wo ich vorher war."

Steffi Kammerer

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