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Oscar-Verleihung: Das Geheimnis der Damentoilette

Zusammen mit sechs anderen deutschen Frauen hat die Hamburger Filmemacherin Katja Esson einen für den Oscar nominierten Dokumentarfilm über New Yorkerinnen gemacht.

Für die Oscar-Nacht hat sich Katja Esson ein feuerfarbenes Kimono-Kleid schneidern lassen, mit einem leuchtend roten Spaghetti-Top. "Wir haben gewonnen", sagt die Hamburger Filmemacherin, die seit zehn Jahren in New York lebt. "Denn allein schon unsere Nominierung für einen Oscar war ein Sieg." Zusammen mit sechs anderen deutschen Frauen hat sie einen Dokumentarfilm über New Yorkerinnen gemacht, die sich allmorgendlich auf dem Weg zur Arbeit in der Damentoilette der Fähre von Staten Island nach Manhattan treffen und beim Schminken kleine Geheimnisse austauschen.

Deutsche Oscar-Hoffnung zunächst übersehen

Den deutschen Medien war Ende Januar die Oscar-Nominierung des deutschen Frauenfilms völlig entgangen. Neben zwei kurzen Dokumentarbeiträgen für deutsche Sender hatte Esson bislang vor allem Industriefilme gedreht. Dass Florian Baxmeyer mit seiner Diplomarbeit an der Universität Hamburg, dem 20-Minuten-Streifen "Die rote Jacke", in der Kategorie Kurzspielfilm auf einen Oscar hoffen kann, wurde weithin gewürdigt. Aber der Name Esson hinter dem Titel "Ferry Tales" in der Kategorie Kurzdokumentarfilm brachte zunächst kaum einen Berichterstatter auf den Gedanken, dass sich dahinter eine weitere deutsche Oscar-Hoffnung verbergen könnte.

"New York Times" begeistert

Die "New York Times" hingegen und auch der Kabel-TV-Sender HBO, der die Serie "Sex and the City" produzierte, schauten genauer hin. Beide waren von "Ferry Tales" begeistert. Der Sender kaufte den Film und erwägt gar, daraus eine Fernsehserie zu machen. "Dieser Stoff hat enormes Potenzial", sagt HBO-Produzent John Hoffman. Eines allerdings wundert ihn: "Wir haben viele kreative Talente in New York und dennoch müssen erst Frauen aus Deutschland kommen, um so ein originelles Thema zu entdecken."

"Cassis hatte die Idee", berichtet die 38-jährige Regisseurin Esson. Cassis ist der Künstlername der Stuttgarterin Birgit Staudt. Bislang ohne Hitparadenerfolg, aber immerhin so, dass dem US-Magazin "Rolling Stone" ihr "interessanter Europop" auffiel, macht sie in New York Musik. "Sie hat Valerie, Elizabeth und die anderen in der Damentoilette gesehen, als sie auf der Fähre ein Musikvideo drehte." Für "Ferry Tales" steuerte Cassis den Titelsong "Girltime" bei.

Sieben deutsche Frauen in New York

Die Kamera führte Martina Radwan, den Schnitt übernahm Sabine Hoffmann, beide aus Berlin. Zum Freundinnen-Team gehörten auch die Hamburger Tonmeisterin Nani Schumann sowie Corinna Sager (Hamburg) und Sabine Schenk (Erfurt), die als Produzentinnen Geld für das Projekt auftrieben. Kennengelernt hatten sich die sieben in New York lebenden deutschen Frauen durch Zufälle.

Vom Aschenputtel zum Working Girl

Bei den Hauptakteurinnen von "Ferry Tales" herrschte am Anfang Misstrauen. "Wir haben uns gefragt, was diese Weiße mit den Rasta-Locken hier zu suchen hat", erzählt Valerie Campbell, eine der porträtierten "Toiletten-Frauen", über Esson. "Sie kamen mit Lockenwicklern, malten ihre Fingernägel an und rasierten ihre Beine", berichtet die Regisseurin, die den Nachnamen aus einer geschiedenen Ehe mit dem kubanischen Maler Tomàs Esson behalten hat. "Es waren Verwandlungen von Aschenputteln zu New Yorker Working Girls, aber dahinter steckten ganz individuelle Geschichten."

Einmal an die Kamera gewöhnt, nahmen die Frauen kein Blatt mehr vor den Mund. Rassismus in der Arbeitswelt, Ehemänner, Freunde, Chefs, Sorgen mit den Kindern, alles kam zur Sprache. "Auf der Fähre sind wir ganz offen, anders als wenn du mit Nachbarn redest, die deinen Mann und deine Kinder kennen", sagt Elizabeth Ferris. "Und nun werden wir berühmt", fügt Valerie Campbell hinzu.

Gewinnchance beträgt 33,3 Prozent

"Unsere Gewinnchance beträgt 33,3 Prozent", sagt Esson. Zwei weitere Beiträge sind in der Kategorie Kurzdokumentarfilm im Rennen, beide ebenfalls von New Yorker Filmemacherinnen, amerikanischen allerdings. "Chernobyl Heart" zeigt die Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. "Asylum" berichtet über eine Afrikanerin, die vor dem Beschneidigungsritual in die USA floh. "Das sind Schwergewichte. Unser Film kommt eher leicht daher, man kann lachen, aber es ist auch ein ernster Film." Die Oscar-Entscheidungen werden in der Nacht zum 1. März in Hollywoods Kodak-Theater bekannt gegeben. Und vielleicht sehen wir ein feuerfarbenes Kleid auf den Bühne.

Thomas Burmeister/DPA