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"Bad Banks"-Darstellerin: Paula Beer spielt sich in den Olymp der Filmwelt

Ihr Regisseur nennt sie einen kommenden Weltstar, die Franzosen sehen in ihr die neue Romy Schneider. Ein Treffen mit der gefeierten Schauspielerin Paula Beer.

Von Christoph Farkas

Schauspielerin Paula Beer spielt sich in den Olymp der Filmwelt

Melancholie vom Allerfeinsten: Paula Beer, geboren 1995, gewann bereits den Nachwuchsdarsteller-Preis von Venedig

Paula Beer hat frei. Aber Urlaub machen ist nicht so ihr Ding, also streicht sie in diesen freien Tagen die Wände und Decken ihrer Wohnung. "Das geht erstaunlich einfach", sagt sie.

Im Moment scheint ihr alles so leichtzufallen; man wundert sich fast, dass ihre Schritte auf dem Dielenboden knarzen. An einem berlingrauen Morgen ist die Schauspielerin aus ihrer Wohnung mit dem Rennrad ins Fotostudio nach Friedrichshain gekommen. Beim letzten Treffen vor anderthalb Jahren saß Paula Beer noch schüchtern und wie hingesetzt in irgendeinem Hotelzimmersessel. Heute trägt sie löchrige Turnschuhe und einen weiten Wollpulli, schwingt während des Gesprächs munter im Drehstuhl und erzählt erst mal von der zurückliegenden Berlinale: "Ich bin da wie ein Glücksbärchen rumgesprungen." Die Serie "Bad Banks" feierte dort Premiere. Beer gibt darin die überragende Hauptrolle, eine gerissene Investmentbankerin mit Hosenanzug und Panikattacken. Außerdem lief im Wettbewerb ihr neuer Film "Transit". Der Regisseur Christian Petzold, bekannt für seine Werke "Barbara" und "Die innere Sicherheit", verkündete vorab: Da spielt ein kommender Weltstar.

Auf der Bühne wie verwandelt

Viel Trubel also für ihr erstes Mal auf dem Festival, anstrengend viel Trubel – aber Beer winkt nur ab, ach was, sagt sie, es sei sogar Zeit gewesen, selbst noch zehn Filme zu schauen, großartige Filme wie diese Satire über den depressiven iranischen Regisseur, den es noch fertiger macht, dass er von einem Serienkiller ignoriert wird, der es auf berühmte iranische Regisseure abgesehen hat und … Moment!

Grüne Augen, grüner Samt: Paula Beer im Fotostudio in Berlin-Friedrichshain

Grüne Augen, grüner Samt: Paula Beer im Fotostudio in Berlin-Friedrichshain

Es soll hier doch um eines der fantastischen Talente des deutschen, ja des europäischen Kinos gehen. Um diese schwermütige Leichtigkeit, diesen lässigen Zauber, diese beeindruckende Vielfalt einer gerade einmal 23 Jahre jungen Frau. Um eben sie: Paula Beer.

Ihre erste Hauptrolle spielte sie Anfang der 2000er Jahre im Theater ihrer Montessori-Schule, da war sie acht. Kein Kind traute sich sonst den "Feuervogel" zu. Vor der Premiere bereute sie ihren Mut. "Aber der Moment, in dem ich auf die Bühne kam, war magisch", sagt sie heute. Ihre Mutter, bildende Künstlerin wie der Vater, staunte im Publikum: Das ruhige Mädchen war auf der Bühne wie verwandelt, hatte eine ganz andere Stimme, eine andere Körperspannung. Später zog die Familie nach Berlin, und Paula spielte und tanzte im Jugendensemble des Friedrichstadtpalastes.

Mit 14 wurde Beer auf dem Schulhof für den Historienfilm "Poll" entdeckt. Britt Beyer, die Casterin, die sie damals ansprach, erinnert sich: "Das Gesicht, der Blick – da waren Geheimnis, Anmut, zeitlose Schönheit."

Eine Neuntklässlerin mit Zahnspange und Renaissancegesicht. Eigentlich hatte Beer an diesem Tag mit Bauchschmerzen zu Hause bleiben wollen. Stattdessen boxte sie sich in den Wochen danach durch vier Castingrunden, sprach noch ein wenig zu schnell und stand ein bisschen schief. Sie verbesserte sich aber rasant und wurde schließlich aus mehr als 1000 Mädchen ausgewählt. Ihre Rolle: Oda, eine junge Aristokratin, die sich tragisch in einen estnischen Anarchisten verliebt. Oda ist ein Mädchen, das zu früh erwachsen werden muss. Eine Halbwaise, in sich gekehrt, aus der im ergreifendsten Moment das Kind durchscheint. Paula Beer zeigte ihre strahlend grünen Augen zu einem Lachen, das an Pippi Langstrumpf denken lässt – eine schauspielerische Befreiung im Sujet der tragischen Romanze, in dem es oft wenig Anlass zur Freude gibt. Doch Paula Beers Gesicht machte spürbar, dass wir noch hoffen können.

Als die Adlige Oda in dem Film "Poll" von 2009 gewann Paula Beer den Bayerischen Filmpreis. Bei den Dreharbeiten war sie 14 Jahre alt

Als die Adlige Oda in dem Film "Poll" von 2009 gewann Paula Beer den Bayerischen Filmpreis. Bei den Dreharbeiten war sie 14 Jahre alt

Für "Poll" gewann sie ihren ersten Preis.

In der Figur der Oda steckt vieles, was Beer in den darauffolgenden Jahren verfeinerte. Das Ernsthafte und früh Erwachsene gründen in diesen ersten Schauspiel-Jahren. Früher als andere wusste Beer, was sie nach der Schule werden möchte: Schauspielerin.

Mit 16 belegte sie Kurse bei Frank Betzelt, der auch Schauspieler wie Daniel Brühl und Hannah Herzsprung anleitet. Bis heute arbeitet Betzelt mit Paula Beer.

Wille zur Perfektion

"Da kam ein ganz zartes, neugieriges Wesen", erinnert er sich an die ersten Stunden. "Ein Ausnahmetalent, das war nicht zu übersehen. Offen, sensibel, mutig. Sie hat sich total reingeschmissen, wahnsinnig schnell gelernt." In seinen Seminaren musste sich Beer damals behaupten; sie feilte an Sprache, Ausdruck, Emotionen mit Kollegen, die mindestens zehn Jahre älter waren. Klar, dass sie dann raus war, wenn in der Schule über weiße Miniröcke diskutiert wurde. Andererseits, so sagt sie heute, ein Bein über die Drehstuhllehne im Studio gehängt: "Ich fühle mich nicht wirklich erwachsen, nichternsthaft, solange ich nicht arbeite."

2016 trat Beer in dem Film "Frantz" von François Ozon auf – als junge Frau, die ihren Verlobten im Ersten Weltkrieg verlor. Die Kritiker, vor allem die französischen, waren begeistert

2016 trat Beer in dem Film "Frantz" von François Ozon auf – als junge Frau, die ihren Verlobten im Ersten Weltkrieg verlor. Die Kritiker, vor allem die französischen, waren begeistert

Nach dem Abitur ging Beer für ein Jahr nach Paris, drehte mit Volker Schlöndorff "Diplomatie", wieder einen Historienfilm. Und mit bitterem Ausgang: Sie war die Erzählerin der Rahmenhandlung, die im Schnitt gestrichen wurde. Eigentlich eine Geschichte vom Scheitern, doch letztlich wurde es ein entscheidendes Jahr für ihre Karriere, weil sie Französisch lernte. Das sollte ihr bald zum Durchbruch verhelfen. Der französische Regisseur François Ozon besetzte sie zwei Jahre später als Anna in seinem Melodram "Frantz".

Für die Rolle als Nachkriegswitwe gewann sie den Nachwuchspreis beim Festival in Venedig. Französische Magazine übertrafen sich in ihrer Begeisterung, magnifique, extraordinaire, la nouvelle Romy Schneider!

Eine Figur, wie dafür gemalt, in Frankreich geliebt zu werden: leicht und schwermütig zugleich, sehnsüchtig, sinnlich, schwebend. In "Frantz" brachte Beer ihr Spiel aus "Poll" fast zur Vollendung. In jedem Blick spürte man ihr zerbrochenes Herz; in jeder Geste steckte ein Weltuntergang. Und in jedem Lachen ein Frühlingsanfang. Und dann diese Chansonstimme, die auf so rätselhafte Weise verraucht und verschlafen klingen kann.

In der Rolle der Jana Liekam in der Serie "Bad Banks" wiederum zeigte Beer, dass sie weit mehr als nur die Elegie beherrscht. Da gab sie die bissige Investmentbankerin, eine Machtspielerin, ehrgeizig, kalt – und doch verletzlich.

Die Rolle bedeutet ihr viel. Den Historien-Stempel, den ihr manche verpassen wollten, hat sie lässig abgewischt.

Sie könne das alles spielen sagt Paula Beer, das Harte, das Zarte, weil sie sich stets akribisch vorbereite. "Ich bin da sehr systematisch, pingelig. Ich kann Janas Panikattacken nur spielen, wenn ich mich 20 Stunden damit beschäftigt habe. Das ist meine Verantwortung."

Durch den Fernseh-Mehrteiler "Bad Banks" wurde jüngst ein Millionenpublikum auf Beer aufmerksam, die hier eine junge Investmentbankerin mit wenig Moral spielt

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Frank Betzelt, ihr Mentor, sagt: "Sie hat einen Willen zur Perfektion, mit dem sie schon sehr weit gekommen ist." Beers große Kunst liege auch darin, sich so tiefgründig auf die Welt der Figur, auf jeden Moment vorzubereiten, dass sie am Set komplett loslassen und impulsiv spielen könne. "Sie verschwindet völlig in ihren Figuren und blüht in ihnen auf." So ringt Beer sogar der Figur einer kalten Investmentbankerin tiefe, menschliche Momente ab.

Paula Beer meidet soziale Netzwerke

Eine zweite "Bad Banks"-Staffel ist schon beschlossen. Über den Erfolg sagt Beer: "Ich habe das Gefühl, gesehen zu werden. Die Millionen Aufrufe in der Mediathek, die Briefe, die ich jeden Tag bekomme, das ist neu. Und toll."

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Paula Beer unterscheidet sich von den erfolgreichen Schauspielerinnen ihrer Generation, den Lea van Ackens bis Jella Haases, weil sie soziale Netzwerke total meidet. Weil sie keine Premierenfotos teilt, keine Frappuccinos, keine neuen Stühle. "Ich bin da ein bisschen reaktionär", sagt sie, "aber wenn eine halbe Million Menschen sehen, was du jeden Tag machst, verwischen Grenzen. Alle meinen einen zu kennen, so ist es aber gar nicht."

Sie bewahrt sich ein paar Geheimnisse und hat mehr Zeit zum Bouldern, zum Lesen und Stricken. Trotzdem wird sie immer öfter auf der Straße erkannt. Wenn sie nicht dreht, verschwindet sie manchmal für ein paar Wochen nach Paris oder London, um ihre Ruhe zu haben und Sprachkurse zu belegen. Gerade lernt sie Spanisch. Ein schlauer Zug bei einem immer europäischer werdenden Filmmarkt.

In Paula Beers neuem Film "Transit" spielt sie an der Seite eines anderen Shootingstars des deutschen Kinos, Franz Rogowski. Der Regisseur Christian Petzold war so überzeugt von beiden, dass er sie direkt besetzte, ohne Casting. "Transit" ist die lose Verfilmung eines Romans der Exilschriftstellerin Anna Seghers, eine Geschichte über flüchtende Deutsche in Frankreich um 1940. Petzold hat sie im Marseille der Gegenwart gedreht.

Im Film "Transit" verlegt der Regisseur Christian Petzold die Handlung eines Romans von Anna Seghers in die Gegenwart. An der Seite von Beer spielt Franz Rogowski. Kinostart: 5. April 2018

Im Film "Transit" verlegt der Regisseur Christian Petzold die Handlung eines Romans von Anna Seghers in die Gegenwart. An der Seite von Beer spielt Franz Rogowski. Kinostart: 5. April 2018

"Ich fand das faszinierend, eine Geschichte zu schaffen, die gleichzeitig gegenwärtig und vergangen ist, die politisch ist und eine Liebesstory", sagt Beer über den Film. "Ich mag sehr, dass man darin nichts sehen muss, aber alles sehen kann." Ihre Figur Marie ist eine verhuschte, mystische Frau, die zuerst elegant durch den Film schwebt und schließlich alles in den Abgrund reißt.

Erst mal die Wohnung streichen

Sie würde bald mal was Lustiges spielen wollen oder Theater, aber erst will sie noch an ihrer Stimme und Präsenz arbeiten, sagt Beer. Ihr Coach Frank Betzelt klingt dagegen fast ein bisschen ratlos, was er ihr noch beibringen soll. Im Herbst soll endlich der lange verschobene Film von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck ("Werk ohne Autor") starten; auch in Frankreich hat sie wieder gedreht. Und, und, und. Aber erst mal die Wohnung fertig streichen.

Paula Beer setzt ihren Helm auf, steigt auf ihr Rennrad und fährt davon. Sie ist vermutlich der erste Mensch, dem es gelingt, selbst mit Helm noch filigran auszusehen.

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo