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Preisgekröntes Entwicklungshelfer-Drama "Schlafkrankheit" startet in den Kinos


Der Berlinale-Bär für "Schlafkrankheit" war für viele eine Überraschung. Jetzt kommt das Entwicklungshelfer-Drama ins Kino. Es geht um eine alte Frage.

Was haben Europäer in Afrika verloren? Nichts, finden die Gegner der Entwicklungshilfe, die den Kontinent am liebsten sich selbst überlassen würden, weil das viele Geld dort eh' nichts bringe. Das finden Afrika-Kämpfer wie die Sänger Bono und Bob Geldof zynisch. Zwischen den beiden Fronten bewegt sich Filmemacher Ulrich Köhler (41). Für sein Entwicklungshelfer-Drama "Schlafkrankheit" bekam er bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie.

Das war eine Überraschung, weil der Film das Publikum gespalten hatte. Die einen fanden ihn zäh und klischeebeladen, die anderen mochten den nuancierten Blick auf Europäer in Afrika. Diese leben dort oft als privilegierte Außenseiter mit Personal, zwischen Dschungel und Club mit Pool. Die Rückkehr in die Heimat fällt ihnen schwer.

Köhler kennt die Welt der Expats, der internationalen Auswanderer-Szene, weil er als Kind von Entwicklungshelfern einige Jahre in Zaire lebte. Seine Eltern arbeiteten in dem Krankenhaus in Kamerun, in dem er später den Film drehte. Köhler wird den reduzierten Filmen der sogenannten Berliner Schule zugerechnet, die sich mehr für Kunst als für Kommerz interessiert. Nach der Beziehungsgeschichte "Montags kommen die Fenster" geht es in "Schlafkrankheit" politischer zu.

Ebbo Velten (überzeugend besetzt: Pierre Bokma) leitet ein Forschungsprojekt zur Schlafkrankheit. Als seine Frau (Jenny Schily) nach Deutschland zurückkehren will, hadert er damit. Ein schmieriger französischer Geschäftsmann will ihn in Kamerun halten und posiert vor ihm mit afrikanischen Frauen. Daheim ein Niemand, in Afrika ein kolonialer Gernegroß: Solche Typen gibt es wirklich, nicht nur in Köhlers Film.

Ebbo entschließt sich, zu bleiben. Im zweiten Filmteil wird er auf Alex (Jean-Christophe Folly) treffen, der sein Forschungsprojekt bewerten soll. Der französische Mediziner, dessen Familie aus dem Kongo kommt, sieht zwar aus wie ein Afrikaner, fühlt sich aber fremd.

Den Einheimischen misstraut er. Die Waldgeräusche sind ihm so umheimlich, dass er sich nachts nicht auf die Toilette traut und in eine Flasche pinkelt. Als Alex unter abenteuerlichen Umständen einen Kaiserschnitt machen muss, bricht er zusammen. Außerdem scheint Ebbos Forschungsstation ihren Sinn verloren zu haben, weil es keine Patienten mit der Schlafkrankheit mehr gibt. Über das Ende mit einem vorbeihuschenden Nilpferd wird der Kinozuschauer sicher noch länger nachdenken.

Von Joseph Conrads Reise ins "Herz der Finsternis" bis zu Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso: Das Thema Europäer in Afrika hat eine lange Tradition. Köhlers Kameramann Patrick Orth tappt nicht in die Romantik-Falle. Er setzt Kamerun flirrend und düster zugleich in Szene - eindrücklich die Dunkelheit auf den Landstraßen, die nur der Lichtkegel der Autos erhellt, oder die Schönheit des Flusses, in dem Ebbo und Vera baden.

Es geht um viele Fragen: Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, das so gar nichts gemein hat mit der Heimat? Entscheidet man sich für die Luxus-Blase oder sucht man das "echte Leben" mit Anschluss zu den Einheimischen? Kann ein Europäer, so wie Alex, überhaupt ein afrikanisches Projekt beurteilen? Welche Klischees haben wir im Kopf?

Köhler plädiert dafür, die "väterliche Haltung" aufzugeben und Afrika eine eigene Entwicklung zuzugestehen. "In Europa hat es auch Jahrhunderte gedauert, bis sich demokratische Strukturen herausgebildet haben", sagte der Regisseur bei der Berlinale im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Und wir wollen, dass sich in Afrika alles in 30, 40 Jahren verändert. Das ist nicht möglich."

Caroline Bock, DPA DPA

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