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Tragikomödie "Submarine": Mit Nietzsche gegen den Rest der Welt

Britisch-skurril hat Regisseur und Drehbuchautor Richard Ayoade seinen Film "Submarine" angelegt. Bislang war der Spielfilmdebütant in England vor allem als Stand-Up-Comedian im Fernsehen aufgefallen.

Kinotrailer: "Submarine"

Er trägt eine Frisur, die man früher Pilzkopf nannte, außerdem Schuluniform und Dufflecoat. Oliver Tate, ein bleicher 15-Jähriger, ist Nerd durch und durch: intelligent, überheblich, extrem verpeilt. Er liest Nietzsche, quält ein dickes Mädchen und überwacht das Sexualleben seiner verklemmten Mittelstandseltern. Vollends in Konfusion gerät Olivers kleine Welt im Wales der 80er Jahre, als er deren Ehe retten will und sich selbst in die dominante Jordana mit dem Prinz-Eisenherz-Schnitt verknallt. Die fackelt gern Haare von Männerbeinen ab. Aus diesem bizarr anmutendem Stoff hat Richard Ayoade, 34, seine kleine, betont skurrile Tragikomödie "Submarine" gemacht.

Das Kinodebüt des im Inselreich populären TV-Comedian und Musikvideo-Regisseurs mit nigerianisch-norwegischem Hintergrund fußt auf Joe Dunthornes Roman "Ich, Oliver Tate" von 2008. Mit Erfolg lief Ayoades Film auf wichtigen Festivals wie der Berlinale. Auch bei Kritikern in Großbritannien und den USA fand er Anklang - der große Publikumszuspruch blieb dort allerdings aus. Das verwundert nicht, denn trotz viel Gespürs für die Anpassungsprobleme Heranwachsender und stimmungsvoller Umsetzung hat "Submarine" eine Schwäche: Man hat derart Schwarzhumoriges über einsame Teenager längst gesehen - "Die Reifeprüfung" (1969) etwa, "Harold und Maude" (1971) oder "Rushmore" (1998).

So wirkt es zumindest auf einen Teil der Zuschauer wie eine Masche, wenn Sonderling Oliver (Craig Roberts) mit unbewegter Miene und quasi autistisch immer wieder seine trüben Lebensrealitäten missversteht - und hochgeschraubte, schönfärberische (Off-) Kommentare dazu abgibt. Unbeliebt, wie er in Wirklichkeit ist, malt er sich dabei schon mal tränenreiche, vom Fernsehen übertragene Trauerkundgebungen im ganzen Land im Falle seines frühen Todes aus ("Alle Mädchen liebten ihn, alle Jungs respektierten und bewunderten ihn"). Allzu aufgesetzt wirkt es außerdem, dass Ayoade ständig Witz aus dem 80er-Jahre-Styling seines Films herauszuholen versucht: mit altbackenen Frisuren, Klamotten und Wohnungseinrichtungen, die zum Beispiel Olivers Eltern eigentlich zu Comic-Figuren degradieren.

Doch zum Glück ringen die hervorragenden Darsteller Sally Hawkins ("Happy-Go-Lucky", 2008) als brave Mutter, die mit einem New-Age-Guru mit anbändelt, und Noah Taylor ("Shine", 1996) als depressiver Vater diesem Paar wahrhaftige Facetten ab. Vor allem sind es jedoch die eigenwilligen Nachwuchstalente Roberts sowie Yasmin Paige als Jordana, die "Submarine" Charme verleihen. Wenn beide mürrisch und verquer, doch im Kern verletzlich und liebenswert durch die walisische Herbstlandschaft stromern und dazu melancholische Balladen Alex Turners ertönen, wird auch bei skeptischen Kinobesuchern die Erinnerung an Schmerz und Glück des Erwachsenwerdens wach.

Ulrike Cordes, DPA / DPA
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