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Verfilmung von "Schoßgebete": Vögeln gegen das Nichts

Charlotte Roches Roman "Schoßgebete" ist eine verstörende Studie über Blut, Sex und Trauma. Die Kinoversion kommt dagegen klinisch und steril daher - und ist vielleicht gerade deshalb erträglich.

Von Carsten Heidböhmer

Lavinia Wilson in der Rolle der schwer traumatisierten Elizabeth Kiehl in der Verfilmung von Charlotte Roches Bestseller "Schoßgebete"

Lavinia Wilson in der Rolle der schwer traumatisierten Elizabeth Kiehl in der Verfilmung von Charlotte Roches Bestseller "Schoßgebete"

Der größte Schreck kommt zu Beginn des Films: Wir blicken aus dem Inneren einer akkuraten Villa durch die blankgeputzten Scheiben ins Freie und sehen Jürgen Vogel mit Vollbart, wie er von hinten Charlotte Roche nimmt. Doch halt: Es ist gar nicht Roche, sondern Lavinia Wilson. Sie spielt die Hauptrolle in "Schoßgebete" und heißt Elizabeth Kiehl, genau wie in der gleichnamigen Literaturvorlage. Dass Wilson in dieser Rolle aber aussieht wie Charlotte Roche, ist nicht ohne Grund: Denn die im Roman erzählte Geschichte ist in weiten Teilen autobiografisch und die Protagonistin der Autorin bis ins kleinste Detail nachgezeichnet.

Der Einstieg macht direkt klar, worin die Unterschiede zwischen der Vorlage und der filmischen Umsetzung liegen: Während das Buch viel dreckigen Sex enthält und dabei gleichzeitig realitätsnah erzählt, verpflanzt die Bearbeitung von Oliver Berben (Drehbuch und Produktion) und Sönke Wortmann (Regie) die Handlung in eine klinisch-sterile Umgebung. Die Stadtwohnung mitten in Köln wird eingetauscht gegen eine kühle Villa am Stadtrand, wo kein Leben zu herrschen scheint. Nicht einmal die Protagonisten wirken wie Menschen aus Fleisch und Blut, eher wie Figuren, die eine dürre Geschichte transportieren sollen. Das Ehepaar Kiehl muss sehr reich sein, man weiß allerdings nicht, ob und was sie arbeiten. Und was sie antreibt.

Die Geschichte könnte freudloser nicht sein: Elizabeth/Charlotte leidet bis heute schwer unter dem traumatischen Autounfall, bei dem ihre drei Brüder ums Leben kamen. Die waren auf dem Weg nach England zu Elizabeths Hochzeit, als sie mit einem Tanklaster kollidierten. Ihre Mutter überlebte mit schweren Verbrennungen. Als wäre das nicht schlimm genug, ist dieses Trauma mit einem Schluldkomplex verbunden: Elizabeths Familie wollte eigentlich mit der Bahn anreisen. Sie fuhren nur aus einem Grund mit dem Auto zur Hochzeit: um das Brautkleid zu transportieren.

Seit Jahren ist sie in psychologischer Behandlung, ihre Therapeutin (Julia Köhler) ist ihr mit ihrer mütterlichen Art Stütze und Ratgeberin. Nur beim Sex vergisst Elizabeth ihr Unglück und kann sich für wenige Momente frei fühlen. Das allerdings ist nicht ganz unkomliziert, denn ihr Ehemann Georg hat ziemlich klare Vorstellungen: Er steht auf Pornos, kauft regelmäßig in Sexshops ein und geht besonders gerne mit seiner Frau ins Bordell. Elizabeth macht alles mit - mehr oder weniger willig. Ihre eigenen Wünsche traut sie sich jedoch nicht zu artikulieren.

Es ist wahrlich kein schön anzuschauender Film. Das Schicksal von Elizabeth/Charlotte geht dem Zuschauer nahe, gerade weil er weiß, dass das alles so - oder ganz ähnlich - passiert ist. Immer wieder zeigt der Film Bilder dieses Unglücks, die die Protagonistin immer wieder heimsuchen. Und der einzige Ausweg aus der Misere, die einzigen Momente des Glücks, sollen im Gruppensex im Bordell liegen?

Warum?

Die Inszenierung ist vielfach als blutleer und aseptisch kritisiert worden, der Sex zu gezähmt. Unter anderem im "Spiegel". Doch vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Films: Sie macht ihn erträglich. Denn die Künstlichkeit mildert den Realitätsbezug ein wenig, dadurch lässt es sich im Leben der Elizabeth Kiehl zumindest für 90 Minuten als Zaungast aushalten. Und: Man will nicht jeden vollgewichsten Socken, den das Buch lustvoll beschreibt, auch im Bild sehen.

Das ist allerdings schon das Beste, was sich über "Schoßgebete" sagen lässt. Die Kernfrage beantwortet der Film nicht: Warum soll ich mir das ansehen?