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Viggo Mortensen über Schauspielerei: "Wenn es läuft, ist es der einfachste Job der Welt "

In Interview erzählt Viggo Mortensen, warum er sich vorstellen könnte, von heute auf morgen mit der Schauspielerei aufzuhören - und warum er trotzdem immer wieder einen Film dreht.

Von Matthias Schmidt

Viggo Mortensen beim Filmfest in München.

Viggo Mortensen beim Filmfest in München.

Schön, dass Sie mal wieder einen Film gedreht haben.

Wie meinen Sie das?

Na ja, man hat immer ein wenig Sorge, dass Sie der Filmwelt komplett den Rücken kehren. Und stattdessen lieber malen, fotografieren, Gedichte schreiben oder Klavier spielen.

Darüber denke ich in der Tat immer wieder mal nach. Und immer öfter.

Weil Sie der ganze Rummel um ihre Person nervt – Autogramme, Interviews, Paparazzi?

Nun, da kommt eben einiges zusammen, was einen normalen Alltag erschwert. Filme drehen kostet außerdem viel Zeit. Zeit, die dann fehlt für die Familie, meinen Sohn Henry. Das Leben ist so kurz, man sollte das Beste draus machen. Also ja: Ich könnte jederzeit aufhören.

Was reizt sie trotzdem noch am Filmemachen?

Wichtige Themen. Wenn ich ein Drehbuch lese, und mir gefällt die Idee, sage ich zu. Die Sprache, in der der Film gedreht wird, die Drehorte oder das Budget sind dann zweitrangig.

Ich dachte, gerade die Locations wären extrem wichtig für Sie. Weil Sie als Naturtyp gelten, der am liebsten im Freien übernachtet. Wie damals beim Dreh von "Herr der Ringe" in Neuseeland.

Das waren ja Fantasie-Landschaften. Aber stimmt schon. Ich bin gerne draußen und würde am liebsten immer draußen drehen. Aber wenn der Film in einer Zahnarztpraxis spielt, kann ich ja nicht einfach in Patagonien drehen, mitten im Nichts. Obwohl, das wäre wahrscheinlich hübsch absurd.

Es gibt sicher auch in Patagonien Zahnärzte.

Vor zehn Jahren gab es tatsächlich mal einen guten argentinischen Film über einen Zahnarzt, der auf einem Motorrad Hunderte von Kilometern herumfährt, um den Leuten die Zähne zu richten. Aber es ist nicht so, dass ich mir eine Drehbuch anschaue wie jetzt bei "Den Menschen so fern" und sage: Oh, das wird im Atlas-Gebirge gefilmt, ich bin dabei. Es geht um die Story. Wie sich am Anfang des Algerienkriegs zwei sehr verschiedene Männer näher kommen und verstehen lernen. Und um die Frage: Wie lässt sich Freiheit erreichen? Unabhängigkeit, Sozialismus: im Prinzip gute Ideen. Aber auf Kuba oder in Venezuela entstanden daraus totalitäre Diktaturen.

Selbst unsere Demokratien gelten heute als gefährdet: Durch die Totalüberwachung der NSA.

Ja, komplett irrwitzig. Obama ist ein intelligenter Mann, aber schon 2008 hat er für die Wirtschaftspolitik Leute eingestellt, die von der Wall Street kamen. Betrüger, die eigentlich hinter Gitter gehören. Und seine Außenpolitik mit all den Drohnen-Angriffen ist keinen Deut besser als unter Bush. Okay, er hält zumindest bessere Reden.

Und er hat den Friedennobelpreis.

Lächerlich, das war nur Marketing. Politiker wollen doch gar nicht, dass sich die Leute vertragen und miteinander reden. Weil sie dann schnell merken würden, dass sie von Clowns regiert werden.

Ist das auch der Grund, warum Sie ihr Heimatland USA verlassen haben und jetzt in Spanien leben?

Nein. Spanien ist genauso am Arsch wie andere Länder. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ich bin nach Spanien, weil ich dort eine Freundin habe.

Sie arbeiten seit genau 30 Jahren als Schauspieler.

Nun, ich hab schon 1982 angefangen, aber meine beiden ersten Auftritte in Woody Allens "Purple Rose of Cairo" und in "Swing Shift – Liebe auf Zeit" von Jonathan Demme wurden nachträglich rausgeschnitten.

Warum?

Das müssen sie die Regisseure fragen. Für mich waren das großartige Szenen, die beiden haben offensichtlich einen Fehler gemacht.

In seinem neuen Kinofilm "Den Menschen so fern" spielt Viggo Mortensen (l.)  Daru, einen Lehrer im algerischen Atlasgebirge.

In seinem neuen Kinofilm "Den Menschen so fern" spielt Viggo Mortensen (l.)  Daru, einen Lehrer im algerischen Atlasgebirge.

Wird Schauspielerei mit der Zeit leichter?

Wenn es läuft, ist es der einfachste Job der Welt. Lustvoll, inspirierend, eine wunderbare Teamarbeit. Wenn es nicht klappt, ist es total peinlich. Man macht sich sozusagen in aller Öffentlichkeit lächerlich.

Warum hat es nie so richtig geklappt mit Ihnen und Hollywood?

Das sehe ich anders. Ich habe an vielen Orten gearbeitet inklusive Hollywood und werde es weiterhin tun.

Nun, sie waren mal als Schurke in einem Superman-Film im Gespräch...

Da hatte ich zu tun.

Sie sollten in "Snow White & the Huntsman" mitspielen. Oder im neuen Western von Quentin Tarantino...

Ich war bereits mit einem anderen Film beschäftigt, sonst hätte ich Tarantino sofort zugesagt. Und ich stehe zu meinem Wort, von Anfang bis zum Ende der Produktion.

Also würden sie nicht sagen, dass sie einen kleinen, schlauen Film jederzeit einer großen Hollywoodproduktion vorziehen?

Nein, es geht nie ums Geld oder ums Genre. Nur um die Geschichte. Wenn ich die mag und ich das selber gerne im Kino sehen würde, sage ich zu. Ich verstehe ihre Sichtweise schon. Wenn man sich anschaut, was ich die letzten Jahre so gemacht habe, denkt man: Viggo mag diese großen Filme nicht. Aber so ist es nun mal gekommen. "Die zwei Gesichter des Januars", eine Patricia Highsmith-Verfilmung, war etwas mehr Mainstream. Aber all die anderen Projekte auf Spanisch, Französisch oder sogar Arabisch eher nicht. Es dauert ein paar Jahre bis solche Filme finanziert sind. Bis man anfangen kann, zu drehen oder sie zu vermarkten. Da muss ich mich voll reinknien, damit die Leute überhaupt mitbekommen, dass diese Filme existieren.

Schauen Sie sich selbst auf der Leinwand zu.

Klar.                                                

Es gibt Schauspieler, die das niemals tun. Weil sie nur die ganzen Fehler sehen und sich ärgern.

Die Fehler sehe ich auch, aber ich kann damit leben. Es gibt keine Perfektion. Nicht im Film, und auch nichts anderswo. So wie es einen Zustand des andauernden Glücks nicht gibt, sondern nur den Willen dazu, das Streben danach. Niemand hat jemals einen perfekten Film gedreht, man kann sich dem nur annähern.

"Lawrence von Arabien" ist schon ziemlich nah dran.

Ich bin mir sicher, dass David Lean auf jeden Fall was zu mäkeln gehabt hätte nach Drehschluss. Und Robert Bolt, der das Drehbuch geschrieben hat, hat sich manche Dialoge bestimmt anders vorgestellt. Aber darum geht es nicht. Man muss zumindest Perfektion anstreben. Sonst ist alles nichts wert. Sonst kannst du gleich im Bett bleiben oder dich umbringen.

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