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Yvonne Catterfeld: Porträt einer Sauberfrau

Trotz ihrer Vielseitigkeit als Schauspielerin und Musikerin haftet der 25jährigen Thüringerin hartnäckig ein Sauberfrau-Image an - durch ihre neue Rolle als Sophie in "Braut wider Willen" widerlegt sie das bestimmt nicht.

Die Rolle ist der erwachsengewordene Klein-Mädchen-Prinzessinnen-Traum: Elf Kleider wurden aus Seide maßgeschneidert, damit Yvonne Catterfeld in der Rolle der Gräfin Sophie authentisch wirkt - so wie ein edles Fräulein eben aussieht, Ende des 19. Jahrhunderts. Historische Mäntel, Schuhe und Schmuck mussten extra angefertigt werden. Wegen der breiten Unterröcke kam sie kaum durch die Türen des Studios in Berlin-Adlershof. Die perfekte Rolle also für Yvonne Catterfeld, Seifenopfer-Darstellerin und Sängerin, die schauspielerisch bisher mehr als "ferngesteuertes Soap-Sternchen" wie Kritiker sie bezeichnen, aufgefallen ist?

Dass die gebürtige Thüringerin mit Dave Stewart von den Eurythmics zusammen gearbeitet hat, würde man nie vermuten. Ebensowenig wie man ihr zutraut, dass sie ihr Abitur mit 1,0 absolvierte und bei den Deutschland-Champions ihr Team Thüringen bis ins Finale geführt hat. Vielleicht liegt es an ihren blonden Haaren und dem unschuldigen Gesichtsausdruck, ganz sicher aber ist es auf ihre jahrelange Tätigkeit als Seriensternchen bei der RTL-Dauersoap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zurückführen, dass Yvonne Catterfeld tendenziell durch Sauberfrau-Image glänzt.

Sicher, wer Lieder mit Titeln wie "Für Dich" oder "Glaub an mich" singt, muss damit rechnen als "Jade-Perle des Ostens" (taz) und "Schlagersternchen" bezeichnet zu werden. Man muss schon etwas genauer hinhören, um die Qualität, die in der Musik steckt, zu begreifen. Schließlich singt die am 2. Dezember 1979 in Erfurt geborene Thüringerin seit ihrem 15. Lebensjahr. Bis zum Abitur besuchte sie die Musikschule, hatte ambitioniere Privatlehrer für Klavier, Gitarre und studierte an der Musikhochschule in Leipzig. Sie arbeitete mit Udo Lindenberg und Xavier Naidoo zusammen.

Echo, Bambi und die goldene Stimmgabel - für ihre Musik hat Catterfeld fast jede Auszeichnung gewonnen

Ende Januar des vergangenen Jahres sang sie im schwarzen Abendkleid mit Spaghetti-Trägern beim "Deutschen Medienpreis 2003" "An Angel has no Memories" für Kofi Annan – die Komposition stammt übrigens aus der Feder von Dave Stewart. Inzwischen hat sie mehr als eine Million Alben verkauft, diverse Auszeichnungen eingeheimst, wie die "Goldene Stimmgabel" für ihr Album "Meine Welt", einen Bambi als "Shooting Star des Jahres 2003" und 2004 den Echo in der Kategorie "Künstlerin National Rock/Pop". Ihr drittes Album "Unterwegs" landete auf Platz Eins der Charts, ihr von Dieter Bohlen produzierter Hit "Für dich" verkaufte sich innerhalb von drei Tagen 250.000mal.

Trotz Erfolg bleibt sie das nette Mädchen von nebenan

Keine Höhenflüge, keine Diven-Attitüden, trotz ihres Erfolges ist Yvonne Catterfeld auf dem Boden geblieben. Das nette Mädchen von nebenan. Vielleicht ist es diese Unschuld, die sie vor Starallüren schützt. Oder ihre Intelligenz. Die weiß sie geschickt zu nutzen. Mittlerweile verarbeitet Yvonne Catterfeld die Alltagsprobleme ihrer Altersgenossen nicht nur in ihren Songs, sondern betätigt sich auch als Sprachrohr für die Jugend: Bei Günther Jauch in stern.tv erzählt sie von ihrem Engagement für bulimiekranke Jugendliche, in einem Bildungsmagazin fordert sie kürzlich mehr Mitbestimmung der Schüler im Musikunterricht, den sie "zu konservativ und klassisch ausgerichtet" findet. Denn seit sie im Februar bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ausgestiegen ist, hat die 25jährige Zeit, sich um neue Projekte zu kümmern. Zum Beispiel erweist sich das Multitalent als schlagfertige und wortgewandte Moderatorin: Im Januar 2003 gab sie in der Talent-Show "Lucky Star 2003" Newcomern die Chance, es ihr gleichzutun, bei der Musiksendung "The Dome" übernahm sie die Co-Moderation, ebenso wie bei der Comet-Gala. Dann sprang sie auch noch für Michelle Hunziker bei "Deutschland sucht den Superstar" ein.

Mit Wayne Carpendale bildet sie das perfekte Ken-und-Barbie-Paar

Auch über ihr Privatleben hat sie sich kürzlich geoutet: Sie gab zu, ihre Fans jahrelang im Unklaren gelassen zu haben. Als sie mit 20 ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hat, musste sie ihren damaligen Freund in der Öffentlichkeit verleugnen. "Die Beziehung bestand auch noch, als ich bei ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten’ anfing. Wir trafen uns heimlich", sagte Catterfeld. Die Beziehung zerbrach an der Heimlichkeit. Seit neun Monaten ist sie wieder glücklich mit Wayne Carpendale, Sohn des Schlagersängers Howard Carpendale – nicht nur optisch das perfekte Ken-und-Barbie-Paar. Und jetzt ist Schluss mit Versteckspielen. "Eine Liebe kann nicht atmen, wenn man sie verstecken muss" sagt sie. Und es klingt, als ob es eine Zeile aus einem ihrer Songs wäre.

Es mag sich vielleicht kitschig anhören. Aber bei Yvonne Catterfeld ist es überzeugend. Und gerade deswegen gewinnt die Musterschülerin langsam Konturen, eben als jemand, der hart arbeitet und die Masse mit dem unterhält, an was sie selbst glaubt: das romantische Happy End. Sicher, die richtige Charakterrolle fehlt ihr noch. Aber das Potential steckt in ihr. Wir werden noch viel hören von Fräulein Sauberfrau. Und vielleicht schafft sie es, irgendwann von der Prinzessin zur Königin aufzusteigen. Zu gönnen wäre es ihr.

Kathrin Buchner