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Zum Filmstart von "Der Diktator" Lach' dich tot


Sacha Baron Cohen ist zurück. Auf "Borat" und "Brüno" folgt mit "Der Diktator" der neueste Angriff auf alle Geschmacksgrenzen. Das ist ein bisschen genial, aber auch ein bisschen tragisch.
Von Sophie Albers

Die Deutschen haben in der Beurteilung des Lachens über Diktatoren definitiv Übung. Schließlich vergeht kein Jahr, in dem nicht irgendein Witz über Hitler die altbekannte Diskussion lostritt, ob man über die selbstgemachte ultimative Ikone des Bösen lachen darf oder nicht. Da helfen weder Mel Brooks ("Die Komödie kann Hitler seine posthume Macht nehmen"), noch Aristoteles ("Die Komödie imitiert den schlechten Menschen"). Und allein deshalb wird Sacha Baron Cohens vierter Streich (nach Ali G, Borat und Brüno) hierzulande für Verwirrung sorgen - im Guten wie im Schlechten. Dabei ist der Film über einen nordafrikanischen Tyrannen und Hitler-Fan, der im Kampf gegen die um sich greifende Demokratisierung bis zum Äußersten gehen muss, nicht mal besonders gut.

Cohen tut in "Der Diktator", was er am besten kann: mit Haut, Herz, Hirn und Extra-Haaren in eine unerträgliche Rolle schlüpfen, die er, solange der Film beworben wird, auch nicht verlässt. So wie der Borat-Anzug nach wochenlangem Tragen so heftig gestunken haben soll wie die Exkremente, die der kasachische Amerika-Reisende verbal und ganz real in Amerika verteilt hat, braucht nach Ende der "Diktator"-Tournee die Haut unter Cohens falschem Bin-Laden-Bart wahrscheinlich ärztlichen Beistand.

Die Story

Gemäß Pressemitteilung ist "Der Diktator" die "heroische Geschichte eines Diktators, der sein Leben riskiert, um sein liebevoll unterdrücktes Land vor der Demokratie zu schützen". Anders als die Mockumentarys "Borat" und "Brüno" ist "Der Diktator" komplett inszeniert. Nach der Einführung in den täglichen Terror, die Todesurteile und den fröhlichen Frauen-, Juden-, Amerika-, Andersdenkenden-Hass des "geliebten Unterdrückers der Volksrepublik Wadiya", wird der Tyrann namens Aladeen vor die UN zitiert, um sich zu den Menschenrechten in seinem Land zu äußern. Was er nicht weiß: Sein machtlüsterner Onkel (Ben Kingsley) will den Ausflug nutzen, um den echten Aladeen durch eine tumbe Marionette zu ersetzen, selbst die Macht zu übernehmen und Wadiyas Öl meistbietend zu verschachern. Einen Großteil des Films ist Aladeen deshalb dabei, wieder Diktator zu werden. Auf dem Weg dorthin muss er unter anderem in einem Bioladen jobben und mit einer westlichen Frau sprechen.

Der Erfolg von Cohen liegt seit jeher im Respekt für seinen Mut, die Farce jedes Mal so weit aufzudrehen, wie niemand sonst es wagen würde. Der mittlerweile 40-jährige Brite nimmt die bösen, die miesen, die kruden, die befremdlichen Eigenschaften der großen wie der kleinen Welt, von Prominenten wie Normalsterblichen, und bläst sie auf Heißluftballongröße auf. Dabei ist es ihm egal, ob er platzt.

So ist dieser Aladeen ein Starschnitt aus den Accessoires ganz realen Despotentums: Osama Bin Ladens Bart und Zeigefinger, Kim Jong-Ils Sonnenbrille und Vorliebe fürs Kino, Saddam Husseins Kitschlyrik, Muammar al Gaddafis weibliche, jungfräuliche Leibwächter und Idi Amins Märchen-Orden. Zu diesen Zeichen der lächerlichen Megalomanie kommt die dazu im krassen Gegensatz stehende, sie alle einende Menschenverachtung und der Hass auf den Westen im Allgemeinen und Amerika und Israel im Besonderen. Alles schon mal gesehen, gehört und verurteilt. Deshalb ist Aladeen auch gar nicht lustig. Lachen tun wir aber trotzdem und auch gern, wenn der General auf der Film-Pressekonferenz in New York der UN dafür dankt, dass sie in Syrien nichts unternimmt, den Holocaust leugnet, Hitler inspirierend findet und einen jüdischen Reporter mit vorgehaltener Pistole zwingen will, die Hosen runterzulassen, um zu beweisen, dass er beschnitten ist. Präsentation und Film nehmen sich nichts, sogar die "Witze" sind die gleichen.

Die Frage

Aber was ist denn nun dran an Cohens Witzverständnis? Warum unterstützt sogar Hollywood-Kultregisseur Martin Scorsese diesen Film, indem er sich gefesselt in eine Fernsehshow schleppen lässt? Warum macht sich US-TV-Übertalker Larry King freiwillig in einem reichlich öden Interview mit General Aladeen zum Affen?

Offensichtlich weil sie alle hoffen, dass Mel Brooks Recht hat: dass das Lachen den Mächtigen die Macht beschneidet, dass das Lachen die kleinste anarchische Einheit ist. Und weil die Diktatoren dieser Welt das wissen. Auch heute. Dieses Lachen gibt vor allem uns im sicheren Westen das Gefühl, dass die Despotenmacht kontrollierbar ist. Aber wer lacht denn in Syrien oder in Nordkorea?

Bleibt die Frage, was Sacha Baron Cohen antreibt. Zugegeben, in Zeiten des zunehmenden Aussterbens der klassischen Diktatoren hat es etwas Geniales, ausgerechnet einen Diktatoren-Verschnitt zum Helden zu machen. Während einer Rede vor der UN hat Aladeen-Cohen sogar einen kleinen Chaplin-Moment. Aber immerhin ist Cohen schlau genug, nicht in die "Alles wird gut-Falle" zu gehen.

Vielleicht ist ja genau das die letzte Weisheit, die so viel grausamer ist, als alle Diktatoren zusammen: Nichts wird sich ändern. Die Diktatoren werden morden, bis andere Diktatoren ihren Job übernehmen und so lange ihnen demokratische Mächte dabei helfen. Da hört sich das Lachen plötzlich ganz anders an: ziemlich hysterisch.

Mitarbeit: Ulrike von Bülow


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