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Ein NSU-Ermittler klagt an: "Man kann fast alles aufklären - man muss nur dürfen"

Nur Pannen oder Sabotage? In einer ARD-Trilogie über den NSU-Terror geht es auch um ein paar aufrechte Polizisten, die immer wieder ausgebremst wurden. Manche leiden bis heute darunter - so wie Mario Melzer.

Von Holger Witzel

Ein Ermittler zeigt eine im Wohnhaus von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefundene Waffe

Uwe Böhnhardt (l.), Beate Zschäpe und Uwe Mundlos lebten fast 14 Jahre unbehelligt im Verborgenen. Nach dem Tod der beiden Männer wurden in ihrer Wohnung in Zwickau und in einem ausgebrannten Wohnmobil zahlreiche Waffen gefunden.

Mario Melzer hat in mehr als 20 Jahren beim Landeskriminalamt sicher einige Kriminelle verärgert. Drogendealer, Rechtsextremisten; zuletzt bekämpfte er Korruption in Thüringen. Doch die deutlichste Drohung, die er auch richtig persönlich nahm, weil sie genau so gemeint war, kam ausgerechnet aus den eigenen Reihen.

Es war Anfang 2012. Einige Wochen zuvor hatten die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach fast 14 Jahren im Untergrund tot in einem Wohnmobil bei Eisenach gelegen. Ihre Komplizin Beate Zschäpe hatte daraufhin offenbar den letzten gemeinsamen Unterschlupf in Zwickau angezündet und sich kurz darauf gestellt. Und weil Melzer zu den wenigen Polizisten gehörte, die dem Trio und ihrem Umfeld schon in den 90er-Jahren auf der Spur waren, bot er sofort seine Hilfe an. Immerhin kannte er Böhnhardt und Zschäpe sogar persönlich aus Vernehmungen von damals und hatte sie als bemerkenswert abgeklärt in Erinnerung.

Die Nerven lagen blank

In allen möglichen Behörden wurden in diesen Tagen alte Akten gesucht, sortiert oder geschreddert. Neue Ermittler fragten, wie drei junge Leute aus Jena 1998 scheinbar spurlos verschwinden und jahrelang unentdeckt morden, bomben und Banken überfallen konnten. Andere versuchten zuerst, eigene Versäumnisse zu vertuschen. Die Nerven lagen blank. Und so bekam auch Melzer erst mal eine barsche Standpauke – allerdings nicht wegen alter Pannen, sondern weil er unbedingt zu deren Aufklärung beitragen wollte.

Er sei als Beamter nicht tragbar, hieß es in der Erfurter LKA-Leitung, nachdem Melzer lediglich nach dem richtigen Formular für eine Aussagegenehmigung gegenüber den BKA-Kollegen gefragt hatte. Er bewege sich auf dünnem Eis, drohte sein Personalchef, man könne auch anders. Er werde schon sehen.

"Äußerst unflätig verbal bedroht"

Melzer muss das wie ein Déjà-vu vorgekommen sein. Schon vor 1998 hatte man ihn der "Hexenjagd" bezichtigt, als er immer wieder über den seltsamen Schutz klagte, den bestimmte Personen aus der Neonaziszene bei Ermittlungen und Gerichtsverfahren genossen. Etliche Ermittlungsverfahren gegen Tino Brandt, den Anführer des so genannten Thüringer Heimatschutzes, zu dessen engstem Umfeld auch die späteren Terroristen gehörten, führten damals zu keinem einzigen rechtskräftigen Urteil. Später stellte sich heraus, dass dieser Brandt der wohl bestbezahlte Spitzel des Thüringer Verfassungsschutzes war und mit Honoraren von insgesamt 200.000 Mark nicht nur das Netzwerk, sondern vermutlich auch das flüchtige Terrortrio unterstützte. Und weil es Mario Melzer satthatte, dass man kleinen Ermittlern wie ihm immer noch Mund und eigenes Denken verbieten wollte, war er kaum zu bremsen, als ihm doch endlich jemand zuhörte.

Der LKA-Beamte Mario Melzer. Er ermittelte bis 1998 gegen das Nazitrio und glaubt nicht allein an Pannen

Mario Melzer ermittelte bis 1998 gegen das Nazitrio und glaubt nicht allein an Pannen

In aller Ausführlichkeit schilderte er deshalb vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags auch die Einschüchterungsversuche seiner Vorgesetzten: wie er sich damals ausgebremst und heute immer noch "äußerst unflätig verbal bedroht" fühlte. Dass er schon vor Wochen Einsicht in Akten von damals beantragt hatte, um sich pflichtgemäß vorzubereiten, aber erst wenige Tage zuvor für ihn wertlose Auszüge erhalten habe. Und dass er wie viele Ermittler – damals und heute – immer noch vermutet, die späteren NSU-Mitglieder hätten zumindest auf dem Weg in den Untergrund eine Art passive, wenn nicht sogar aktive Strafvereitlung im Amt genossen.

"Wer an die offizielle Version glaubt, glaubt auch an die Zahnfee"

Genau um diese Hypothese und die unsichtbaren Wände, gegen die eine Handvoll aufrechter Polizisten aus Thüringen immer wieder liefen, geht es auch im dritten Teil der ARD-Trilogie über den NSU-Terror ("Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch", am 6. April, 20.15 Uhr). Melzer – im Herzen nach wie vor loyaler Beamter – lehnte einen Beratervertrag der Produzenten ab. "Die Grundaussage des Films stimmt trotzdem", sagt er, nachdem er den vorab einmal sehen durfte. Nur beim angeblichen Selbstmord der zwei Uwes lege sich der Film nach Melzers persönlichem Gefühl zu sehr fest: "Wer an die offizielle Version glaubt, glaubt auch an die Zahnfee", sagt er. Dafür erkannte er viele andere Szenen wieder.

Zum Beispiel den Polizisten, der wütend ausflippt, nachdem Kollegen in einer Jenaer Garage Rohrbomben finden, während der Hauptverdächtige Uwe Böhnhardt bei der Durchsuchung zuschaut und trotzdem noch mit seinen Komplizen abhauen kann. Melzer muss seinem Chef gegenüber damals so ausfällig geworden sein, dass für ihn danach nur noch eine Versetzung in die langweilige Zentralstelle für SED-Kriminalität übrig blieb. In Wahrheit ist bis heute nicht geklärt, ob an diesem 26. Januar 1998 wirklich nur Dilettanten am Werk waren oder alles darauf angelegt war, die Ermittlungen von Melzer und seinen Kollegen zu sabotieren.

Melzer platze der Kragen

Monatelang hatten sie Strukturen und Straftaten der im "Thüringer Heimatschutz" vereinten Kameradschaften ermittelt. Die Sonderkommission Rechtsextremismus, zu der Melzer seit 1995 gehörte, war zwar gerade zu einer Ermittlungsgruppe abgespeckt worden. Trotzdem hatten sie aus ihrer Sicht genug zusammengetragen, um den Verdacht einer kriminellen Vereinigung zu belegen. Vor allem ab 1996 waren mehrere Bombenattrappen und Briefbomben in Jena aufgetaucht, zuletzt eine funktionsfähige Bombe in einem Koffer auf dem Theatervorplatz. Einmal ist auch ein Fingerabdruck von Uwe Böhnhardt darauf. Und schon damals gab es immer wieder Hinweise aus der Szene, dass Tino Brandt als Anführer der ganzen Bande keinen Hehl aus seinem Nebenjob als staatlicher Spitzel machte.

Bei einem Treffen von LKA-Beamten und Verfassungsschützern platzte Melzer schließlich der Kragen: Für ihn als Polizist sei es ein unhaltbarer Zustand, dass spielende Kinder eine Bombe mit TNT finden und die mutmaßlichen Täter von einer Quelle des Landesamts für Verfassungsschutz angeführt würden. Doch die angegriffenen Beamten sollen alles empört abgestritten haben.

Wer sich beklagte, galt schnell als Querulant

Im Film wirkt die selbstherrliche Amtsführung von Westimporten wie dem damaligen Verfassungsschutz-Chef in Thüringen vielleicht übertrieben. Doch nicht einmal Ulrich Noethen kann die Realität so grotesk darstellen, wie es seinerzeit zugegangen sein muss.

Wer wie Melzer intern beklagte, dass alle Informationen der Polizei nur in eine Richtung fließen, aber vom Verfassungsschutz nie etwas zurückkomme, stand schnell als Querulant da. Solche Diskussionen, so sein Dezernatsleiter vom Staatsschutz damals, seien nicht erwünscht. Immerhin übernahmen Beamte des Verfassungsschutzes danach die Observation von Böhnhardt und gaben auch den ebenso entscheidenden wie mutmaßlich vergifteten Tipp auf die Garage der Bombenbastler.

Man brauchte einen schwarzen Peter

Nach der Theorie von Melzer und seinen Kollegen war das verhängnisvolle Abtauchen des Trios in den Untergrund und damit das Scheitern seiner Arbeit letztlich nur eine komplizierte Quellenschutzmaßnahme. Sie lässt sich anhand von Melzers Aussagen und Andeutungen vor den Untersuchungsausschüssen, mit denen auch der Film nach Kräften spielt, so zusammenfassen: Die Ermittler waren den Geheimdienstquellen im "Thüringer Heimatschutz" zu nahe gekommen. Man brauchte einen schwarzen Peter, auf den sich nun alles konzentrierte – und den man gleichzeitig elegant aus dem Spiel nehmen konnte, ohne dass es zu weiteren Aussagen zum Umfeld oder gar einer Gerichtsverhandlung kam. Mit Böhnhardt, dem aus anderen Verfahren ohnehin Haft drohte, hatte man die perfekte Figur gefunden. Schon vorher – aber davon erfuhr auch Melzer erst 2012 – hatte man das Ermittlungsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung in aller Stille eingestellt.

Passenderweise war der zuständige Staatsanwalt am Tag X krank, Melzers Chef bei einer Computerschulung und er selbst mit einer anderen Bombe in Stadtroda beschäftigt. Der Durchsuchungsbeschluss für die Garagen richtete sich lediglich gegen "Böhnhardt und andere". Den für Haftbefehle nötigen Zusammenhang zu dessen Komplizen sah der Stellvertreter bei der Staatsanwaltschaft Gera erst, als das TNT aus den Rohrbomben analysiert und der Verfassungsschutz seinen Tipp auf die verwertbare Geheimhaltungsstufe "Nur für den Dienstgebrauch" herabgestuft hatte. So bekamen die drei Bombenbastler mindestens zwei Tage Vorsprung.

Böhnhardt hatte Knasterfahrung und würde, so die Spekulation, jede Chance zur Flucht nutzen. Seine engsten Freunde Mundlos und Zschäpe wurden nach dieser Theorie nur mit ihm in die Illegalität getrieben – wenn nicht sogar einer der drei, auch diese Vermutung hält sich in alten Ermittlerkreisen bis heute, selbst im Dienst eines Dienstes stand. Die Legende vom isolierten Tätertrio, an die sich unter anderem die Generalbundesanwaltschaft mit ihrer NSU-Anklage in München bis heute klammert, wurde demnach schon mit diesem mehr oder weniger kontrollierten Ausstieg geboren. Womöglich lief später nur alles aus dem Ruder, als den Flüchtigen das Geld ausging und sie mit einer Serie von Raub- und Mordzügen begannen, wie sie in Deutschland bis dahin kaum vorstellbar schien.

Chef der Zielfahnder vermutete mächtige Beschützer

Im Film verzweifeln vor allem zwei Zielfahnder an dem undurchsichtigen Unterstützernetz und der Desinformation ihrer geheimen Gegenspieler aus dem gleichen Ministerium. In der Realität hatte das kleine Zielfahndungskommando nicht mal einen offiziellen Auftrag, sich auf die drei zu konzentrieren. Sie suchten gewissermaßen nur nebenbei nach ihnen, bis 2003 zumindest der Bombenbastelverdacht verjährt war.

Der Chef der Thüringer Zielfahnder war Mario Melzers Freund und Trauzeuge Jürgen Ihling. In der Naziszene kannte er sich kaum aus und hätte Melzer deshalb gern als Experten im Team gehabt. Aber entsprechende Anträge wurden von der LKA-Führung stets abgelehnt. Bis zu seinem Tod 2006 ließ Ihling das Trio dennoch keine Ruhe. Auch er äußerte wie sein Nachfolger Sven Wunderlich mehrfach, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe mächtige Beschützer haben mussten. Später legte man das den erfolgsverwöhnten Zielfahndern als verletzte Eitelkeit aus.

"Man kann fast alles aufklären - man muss nur dürfen"

"Wir haben alle versucht, unser Bestes zu geben", sagt Mario Melzer, "und doch liefen alle Bemühungen ins Leere." Vor den Untersuchungsausschüssen fiel er immerhin als einer der wenigen Beamten auf, die nicht an Amnesie oder Alzheimer litten. Oft sorgten seine Aussagen sogar für Heiterkeit. "Drei Ameisen wollten nach Amerika" , dichtete er etwa über das angebliche Fluchtziel des Trios, das Verfassungsschützer kurz nach der Flucht kolportiert hatten. "Doch schon auf der Chemnitzer Chaussee taten ihnen die Füße weh." Ihr spurloses Verschwinden verglich er mit "Pan Tau", der sich nur an die Melone fasst – "bupp, klein und weg". Warum er sich selbst nicht kleinmachen lässt, erklärt Melzer so: "Anders als andere habe ich nichts zu verlieren. Keine Familie, keine Schulden und spätestens seit meinen ersten Aussagen auch keine Karriere mehr."

Immer wieder bekommt er Anfragen von Kirchen, Gewerkschaften und Medien. Doch mit wem er über seine Erfahrungen sprechen darf, liege "allein im Ermessen der Pressestelle" des Innenministeriums, wie es dort heißt. Ab und zu gibt es auch mal eine Ausnahme – etwa für die Doku im Anschluss an den Spielfilm. Doch auch die werde laut Pressesprecher "nicht öffentlich diskutiert oder gerechtfertigt".

Als Polizist und ausdrücklich auch als Privatmann will es Mario Melzer deshalb mal allgemein so sagen: "Wenn man will, kann man fast alles aufklären – man muss nur dürfen."