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Hörbuch-Tipp

Peter Pranges "Eine Familie in Deutschland": Der VW-Käfer, eine Nazi-Familie und die Lesbe Riefenstahl

Interessiert an deutscher Geschichte von 1938 bis 1955, aber keine Lust auf ein Geschichtsbuch? Peter Pranges neuer Zweiteiler könnte die Lösung sein.

Der zweiteilige Roman "Eine Familiengeschichte" endet mit diesem Auto: dem eine millionsten VW-Käfer, der 1955 in Wolfsburg vom Band rollte. 

Der zweiteilige Roman "Eine Familiengeschichte" endet mit diesem Auto: dem eine millionsten VW-Käfer, der 1955 in Wolfsburg vom Band rollte. 

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Worum geht es?

Das Wolfsburger Land Anfang 1938. Das Leben ist beschaulich in der Provinz. Nach Altvätersitte werden Geschäfte mit Handschlag besiegelt, das Land ist seit Generationen untrennbar verbunden dem Adelsgeschlecht derer von Schulenburg und die Rübenernte im Herbst markiert den Höhepunkt des Jahres. Mit den Rüben kommt Leben in die Zuckerfabrik von Herman Ising. Ising ist NSDAP-Ortsgruppenleiter in Fallersleben, ein Job, den er eher aus unternehmerischem Kalkül übernommen hat, weniger aus Überzeugung. Er ist wertkonservativ, sein bester Freund ist Jude und Berlin mit seinen politischen Ränkespielen ohnehin weit weg.

Ising ist fest mit seiner Scholle verwachsen, und das neue Haus der Familie ist der steingewordene Ausdruck dieser Heimatverbundenheit. Entworfen von seinem jüdischen Schwiegersohn Benjamin soll der großzügig bemessene Bau Herman und seinen vier erwachsenen Kindern samt Enkeln Platz bieten. Herman Ising denkt in Generationen, ganz nach Altvätersitte. Doch dann zerschlägt die Politik aus dem fernen Berlin mit ungebremster Wucht das geordnete Leben der Isings. Mitten im Herzen ihres Wolfsburgerlandes soll auf Wunsch von Adolf Hitler eine Großstadt aus dem Boden gestampft werden: die KdF-Stadt. Hier soll der neue Volkswagen entstehen und Hunderttausende Arbeiter in einer auf dem Reißbrett entstandenen NS-Musterstadt Wohnung finden.

Peter Prange "Eine Familie in Deutschland" Teil 1 gibt es als Hörbuch zum Download. Gelesen werden die fast 23 Stunden von Frank Arnold.
Kurz reinhören

Die Welt der Isings zerbricht Stück für Stück, weil ihr kleiner Ort plötzlich in den Brennpunkt der Nazi-Politik rückt. Jüdische Freunde sind ein Risiko, der jüdische Schwiegersohn wird zu einer Belastung für die Parteikarriere, der älteste Sohn steigt zum Nazi-Funktionär auf, dessen Ehrgeiz Existenzen vernichtet.

Peter Prange dekliniert am Schicksal der Isings den kompletten Wahnsinn der Nazi-Herrschaft durch. Ihre verzweigten Familienbande verknüpft er mit den großen Namen und Ereignissen der Zeit von Herman Göring, Ferdinand Porsche, den Schulenburgs im deutschen Widerstand bis zu Leni Riefenstahl, Ausschwitz und der französischen Résistance. Und immer wieder blitzt als rote Faden durch die 17 Jahre deutscher Geschichte der VW Käfer durch.

Dem 64-jährigen Prange wird gelegentlich Geschichtsromantik vorgeworfen Er erzähle einfach die Zeitgeschichte nach und fülle die Lücken großzügig mit Fiktion. Das mag sein, dennoch leistet gerade dieses "Geschichte zum Anfassen"-Format mitunter Erstaunliches. Vor genau 40 Jahren gelang einer TV-Serie etwas über Nacht, an dem sich die politische Bildung in Deutschland zuvor die Zähne ausgebissen hatte: eine emotionale Diskussion in der breiten Öffentlichkeit über die NS-Verbrechen. "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" machte das Grauen der Vergangenheit erstmals nachfühlbar. Manchmal braucht es solche Kniffe.

Peter Prange "Eine Familie in Deutschland" Teil 2. Länge 29 Stunden, gelesen von Frank Arnold.

Peter Prange "Eine Familie in Deutschland" Teil 2. Länge 29 Stunden, gelesen von Frank Arnold.

Kurz reinhören

Wie durch ein Brennglas schaut “Eine Familie in Deutschland“ auf die NS-Zeit. Die "Nazifizierung" der Gesellschaft glich nicht dem Umlegen eines Lichtschalters, der die zertrümmerte Weimarer Republik plötzlich in braunes Licht tauchte. Die Menschen lebten ihr Leben weiter, sie zogen sich ins Private zurück, arrangierten sich mit den neuen Regeln, nutzen die schrumpfenden Nischen an Freiheit, die das System ließ. Und irgendwann nahm man es hin, dass die Justiz nicht mehr unabhängig Recht sprach, das Äußern der Meinung einen Straftatbestand erfüllte und Morden im großen Stil ein adäquates politisches Mittel wurde. Vertrauen gab es nur in kleinsten Zirkeln, oft nicht einmal in der Familie. Alle zusammen trugen das System, doch in der Volksgemeinschaft war sich jeder selbst der Nächste und am Ende wollte keiner dabei gewesen sein.

Wer hat’s geschrieben?

Peter Prange ist spezialisiert auf historische Romane, in denen er Weltgeschichte auf den Alltag der Menschen herunterbricht. Zu seinen bekannten Büchern gehören „Das Bernstein-Amulett“, dass 2004 verfilmt wurde und „Unsere wunderbaren Jahre“, die Geschichte von sechs Freunden zwischen 1948 und 2000. Die historischen Fakten sind stets gut recherchiert und auf Stand der Forschung. „Eine Familien in Deutschland“ erzählt das Schicksal der Familie Ising in zwei Bänden. Der erste Band endet mit dem Kriegsausbruch im September 1939, der Zweite 1955 mit dem einemillonsten VW Käfer in Wolfsburg.

Wer spricht?

Über 60 Stunden Länge, zehn Protagonisten, davon vier Frauen – eine Herausforderung , aber kein Problem für den Schauspieler, Dramaturg und Sprecher Frank Arnold. Ohne sein Können wäre es für den Hörer mühsam geworden.  

Für wen lohnt das Hörbuch?

Für alle, die sich für deutsche Geschichte interessieren, aber kein Geschichtsbuch in die Hand nehmen wollen. Prange betont zwar, dass die Personen und ihr Handeln reine Fiktion sind, doch die historischen Ereignisse stimmen. Prange lässt zwischen 1938 und 1955 kaum etwas aus: die Organisation der NSDAP, die Pogrome, den Reichstagsbrand, die Wannseekonferenz, Ausschwitz, die Irrfahrt der St. Louis, Stalingrad, den eigentlichen Erfinder des VW Käfer, Stella Goldschlag, die im Dienst der Gestapo andere Juden verriet bis zu den ewigen Nazis und ihren Ambitionen die junge Bundesrepublik zu unterwandern.

  • Henry Lübberstedt