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Interview

Oliver Polak: "Zum ersten Mal denke ich ans Auswandern!"

Krass, depressiv und gerne Mal unter der Gürtellinie, so ist Oliver Polak. Im stern-Interview spricht er über den Erfolg der AfD, den deutschen Humor und das Komische am Tod seines Vaters.

Von David Baum

Comedian Oliver Polak: "Zum ersten Mal denke ich ans Auswandern!"

Oliver Polak: "Was mit Behinderten funktioniert, sollte auch mit AfD-Leuten klappen. Das Land ist seit der Wahl ein bisschen mehr so, wie Heino es sich vorstellt."

Herr Polak, auf dem Plakat für Ihr neues Comedy-Programm "Über Alles" knien Sie nackt auf einer Deutschlandfahne und halten zwischen den Beinen ein Würstchen … es ist doch hoffentlich nur ein Würstchen?

Das überlasse ich jetzt mal Ihrer Fantasie. Aber wenn Sie das provokant finden, dann warten sie mal auf das Bühnenbild! Ein Freund von mir, der Maler , und ich haben eine Fahne eingesaut: die schwarz-rot-goldene, aber so richtig dreckig. Beim Opening der Show hört man Heino die Nationalhymne singen, das wird dann von "Damage Case" unterbrochen, einem Song von Motörhead.

Ist die Bundesrepublik  ein "Damage Case", also ein Schadensfall?

Ist sie das nicht immer gewesen? (lacht) Meine Mutter hat gesagt: , vergiss nicht, man hat den Deutschen nach dem Weltkrieg beigebracht, dass sie zu den Juden nett sein müssen. Dabei aber leider vergessen, zu sagen, dass das auch für Ausländer und andere Minderheiten gilt. 

In ihrer WDR-Reihe "Das Lachen der Anderen" machen Sie sich über Minderheiten und Außenseiter lustig, allerdings vor diesen selbst als Publikum: Nonnen, Kleinwüchsige, Adelige, Multiple-Sklerose-Patienten. Würde das Konzept auch mit -Politikern funktionieren?

Was mit Behinderten funktioniert, sollte auch mit AfD-Leuten klappen. Das Land ist seit der Bundestagswahl ein bisschen mehr so, wie  es sich vorstellt. Die haben sich nie wirklich damit auseinandergesetzt, was sie sind, und nun schreiben sie auf Plakate: Hol dir dein Land zurück. Welches Land soll das sein, in dem Ali und Leila, die hier geboren sind, plötzlich nicht mehr dazu gehören sollen? Wissen die eigentlich, was die Konsequenz dieses Landes wäre?

Sie begegnen politischen Veränderungen mit schwarzem Humor, ab wann wird es ernst?

Das ist es natürlich längst. Ehrlich? Ich denke zum ersten Mal ernsthaft darüber nach auszuwandern. Zumindest für eine gewisse Zeit. Nicht weil ich Angst habe, sondern weil ich lebensmüde bin – zumindest was das Leben hier anbelangt.

Die AfD hat versucht, sich als Schutzmacht der deutschen Juden vor dem radikalen Islam zu stilisieren. Was macht Ihnen mehr Angst?

Das ist insgesamt keine gute Kombi. Ich gehe im Februar drei Monate nach New York. Das ist ganz gut, um Abstand zu gewinnen. Mich interessiert diese Diskussion, die jetzt wieder geführt wird, was Deutschland und deutsche Kultur ausmacht, nicht besonders. Es gibt für mich zwei Arten von Menschen auf der Welt: guter Mensch, schlechter Mensch, Assi oder cool. Mich interessiert, ob Du okay bist oder ein Arschloch.

"Ich glaube, ich war sein Traummodel"

"Ich glaube, ich war sein Traummodel"

Der österreichische Psychoanalytiker Zvi Rix hat gesagt: Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen. Woher kommt es, dass sich manche jüdische Persönlichkeiten lange Zeit so verhalten haben, als hätten sie etwas angestellt und nicht umgekehrt?

Meine Mutter, die mich immer etwas an Stalin erinnert, hat mir geraten, ich solle immer sofort klar machen, dass ich Jude bin, dann weiß ich wenigstens woran ich bin. Mein Vater war das Gegenteil davon, der riet zur Vorsicht. Daher kommt vermutlich das Zerrissene in mir. Für mich hat die Begegnung mit dem Fotografen Daniel Josefsohn viel verändert, der leider im vergangenen Jahr gestorben ist. Er war mein Mentor, wie ein großer Bruder und der einzige, der keine Hemmungen hatte, "Fuck you!" zu sagen und einen gesundes emanzipiertes Verhältnis zum deutschen Judentum hatte. Obwohl er war nicht der einzige: Meine Mutter sagt das auch jedem.

Josefsohn war einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der letzten Jahrzehnte. Er arbeitete trotz eines schweren Schlaganfalls weiter.

Sein Tod hat mich sehr getroffen. Als ich ihn zum ersten Mal wahrnahm, da lebte ich noch in Papenburg, habe die große weite Welt über Magazine wie Max oder Tempo wahrgenommen, für die er fotografierte. Ich dachte mir sofort: der ist ja ein wenig, wie ich: hat eine Bomberjacke an, Trasher Hoodie und eine bescheuerte Brille auf. Plötzlich war ich nicht der einzige, der so eine bescheuerte Brille aufhatte. Er kannte keine Angst, für ein Foto stieg er sogar auf das frühere Sylter Ferienhaus von Hermann Göring und hisst die Israel-Flagge. Das hat mich befreit, durch ihn verstand ich, dass jüdisch sein nicht uncool sein muss. Das hat bestimmt auf mich abgefärbt.

Josefsohn war es auch, der sie überredete, nackt zu posieren.

Ich glaube, ich war sein Traummodel. Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, sagte er: Polak, ab jetzt fotografiere ich Dich nur noch nackt. Leider ist er davor gestorben. Ich war ratlos, sollte ich für das neue Plakat bei Jürgen Teller anrufen, oder was? Schließlich fragte ich Josefsohns Freundin Karin, die Mutter seines Sohnes. Wir haben dann gemeinsam mit Daniels früherem Assistenten das neue Motiv inszeniert - in seinem alten Studio. Es ist unsere letzte Verbeugung.

Wie fühlt es sich für Sie an, nackt zu posieren? 

Ich weiß schon, es ist ja nicht so, dass ich mich in meinem Körper wohl fühlen würde. Vor allem durch die Antidepressiva, die ich einige Zeit schluckte, habe ich enorm zugenommen. Aber wenn man als Künstler, zumal als Komiker, komisch sein will, darf man sich keine Eitelkeit leisten. 

Man hat bei den meisten Vertretern der deutschen Kabarett- und Comedyszene nicht unbedingt den Eindruck, dass die frei von Eitelkeit wären.

Eben. Welches aktuelle Comedy-Programm ist es gleich wieder, das Sie unter keinen Umständen verpassen möchten? Sehen Sie! Der Höhepunkt für mich war, als sich Dieter Nuhr als Vorsitzender der Jury zum deutschen Comedypreis selbst als bester Preisträger auszeichnen ließ. 

Sie gelten als Comedian der Stunde, wurden in diesem Jahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Verstehen Sie sich eigentlich als Antithese zu Mario Barth?

Ich finde den völlig in Ordnung. In dem was er ist, ist er top. Dieses verschwörungstheoretische Zeug, das er manchmal postet, ist daneben, aber er ist ein sauguter Performer. Er füllt Stadien. Zur Job-Deskription eines Comedians gehört nicht, den Intellektuellen zu gefallen. Der redet über die Lebensrealität seiner Leute und macht das gut. Das hat meinen Respekt.

Haben Sie jemals ein Interview gegeben, in dem der Begriff "Holocaust" nicht gefallen ist?

Keine Ahnung. Manchmal nervt es, weil ich nicht benutzt werden will, um die unaufgearbeiteten Geschichten der Großeltern von Leuten zu therapieren. Ich bin Standup-Comedian, kein Therapeut. Obwohl... Es passiert oft, dass ich über meine neue Show reden will und die Journalisten wollen den Holocaust diskutieren. Und ich sage: hey, das hat aber nichts mit meinem aktuellen Programm zu tun! Und dann sagen sie, ja aber ihr Vater war doch... aber der ist tot, der tritt nicht in meiner Show auf!

Das macht jetzt die Gesprächsstruktur etwas kaputt: Ich wollte Sie als nächstes zu Ihrem Vater befragen ...  

Ich gebe es zu: er kommt natürlich auch in der neuen Show vor. Wenn er nicht gestorben wäre, hätte ich zehn Minuten weniger Programm. Okay, das war echt geschmacklos. Die Situation seiner Bestattung war allerdings reinste Comedy.

"Manche Leute glauben, wenn ich auf 'ne Bühne gehe, öffnet sich die Tür einer Kuckucksuhr und Woody Allen kommt heraus."

"Manche Leute glauben, wenn ich auf 'ne Bühne gehe, öffnet sich die Tür einer Kuckucksuhr und Woody Allen kommt heraus."

Schwer vorzustellen.

Er war 89, ist an Herzversagen im Badezimmer gestorben, hatte vorher seine Brille sorgfältig zusammengefaltet. Ich war irgendwie vorbereitet über die Jahre, zumal er schon alt war, hatte gewissermaßen vorgetrauert. Ich kam nach Hause und fragte meine Mutter, wann man ihn holen würde. Und meine Mutter: Oliver hier wird niemand abgeholt. Zu allem Unglück war gerade ein jüdischer Feiertag, Laubhüttenfest oder so ein Hokuspokus, also mussten wir warten, meine Mutter hat ihn eiskalt in einer Decke eingewickelt, das Fenster geöffnet, damit es kühl genug war. Ich ging dann mit einem Freund in Papenburg was trinken, als ich heimkam, sagte meine Schwester: Geh bitte keinesfalls ins Wohnzimmer. Habe ich natürlich trotzdem gemacht. Da saß dann meine Mutter in Papas Sessel, seine Leiche lag auf dem Sofa. Sie sagte: Oliver, störe uns nicht, wir schauen gerade "Wer wird Millionär".

Sie sind die einzige jüdische Familie in Papenburg. Wo haben Sie ihn schließlich bestattet?

Es gab früher viele Juden in Papenburg, also auch einen alten jüdischen Friedhof in Nenndorf bei Papenburg. Da liegt er jetzt.

Der wurde für Ihren Vater reaktiviert?

Und hier mit der Startnummer eins unser Neuzugang ...! Nein, das stimmt natürlich nicht. Die Mutter meiner Mutter aus Russland ist da vor einigen Jahren bereits bestattet worden. Und davor gab es noch einen Freund meines Vaters, einen Albert Hamburger, auch KZ-Überlebender. Der hatte im Bekleidungsladen meiner Eltern Schaufenster dekoriert und wohnte auch bei uns, saß mit uns zu Abend beim Essen. Der war der erste.

Wie war es, in Papenburg zurück zu sein? Sie sind ja inzwischen vermutlich der berühmteste Sohn der Stadt - nach Rudolf Seiters natürlich. 

Schön wär's. Ich wollte da in eine Disco gehen, da wies mich der Türsteher ab, weil ich eine Jogginghose an hatte. Der sagte zur mir: Alter, das ist hier kein Fitnessclub. Sagte ich: Ja Alter, sehe ich aus, als würde ich in einen Fitnessclub gehen?

Kann es sein, dass Sie gar kein großer Gagschreiber sind, sondern einfach nur sehr viel Absurdes erleben und gut beobachten?

Ich dachte das sei klar. 

Sie sind der einzige deutsche Comedian, der eine Manie zu Rohrkrepierern hat.

Es gibt Kollegen, die mich darauf ansprechen. Olli, nun hast Du den Witz zehnmal gebracht, keiner hat gelacht - willst du den nicht mal lassen? Das ist mir aber egal, solange ich den Gag lustig finde.

Ein Beispiel?

Ich mag deutschen Filme nicht, weil sie nicht so gut durchdacht sind wie die amerikanischen. Nehmen Sie "Schindlers Liste", da merkt man sofort: Da haben sich tolle Leute hingesetzt und sich was richtig Tolles erfunden. Der ist mehrmals untergegangen, gerade in Bremen war er der Knaller.

Laut Wikipedia sind jüdische Komödianten wie Gerhard Bronner und ...

Ja, das steht tatsächlich da, aber ich kenne die nicht mal. Manche Leute glauben, wenn ich auf 'ne Bühne gehe, öffnet sich die Tür einer Kuckucksuhr und Woody Allen kommt heraus.  

Gibt es eigentlich den sprichwörtlich deutschen Humor?

In einer Testshow erzählte ich, dass ich 24 Stunden Pause von Handy und Internet-Pause gemacht habe. Da stand ich in Surpremeshorts mit nacktem Oberkörper auf dem Crosstrainer in meiner Wohnung, gegenüber fing einer im Rollstuhl an, sich einen runterzuholen und Arthur, mein Hund, fickte sein Körbchen – und dann sag ich: die haben wohl auch ihren handyfreien Tag.

Was daran ist deutscher Humor?

Als ich das erzähle, fängt einer an zu lachen und hört nicht auf, lacht und lacht und schreit: Entschuldigung!, Entschuldigung! Er ist in einer Comedyshow, hat dafür bezahlt, geniert sich, dass er lacht. Ich befürchte: Das ist er, der deutsche Humor.

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