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Kreativ in der Corona-Pandemie: Kunst mit Bordmitteln aus dem Haushalt: So trotzt ein Künstler dem Virus

Manche Kreative blühen in der Corona-Pandemie geradezu auf. Max Siedentopf etwa genießt derzeit den Rückzug und hat diverse Ideen, um dem Virus zu begegnen: mit Bordmitteln aus seinem Haushalt. Wir haben ihm, ganz distanziert, ein paar Fragen gestellt.

Eine Frau trägt ein Salatblatt mit Augenlöchern vor dem Gesicht

Atemschutzmasken improvisieren: Solange es keine Vorschriften für Masken gibt, kann ein Griff in die Salatschüssel ausreichen, um sich und andere zu schützen

Die jüngsten Arbeiten, die der zurzeit in London lebende Künstler und Art Director Max Siedentopf auf seinem Instagram-Kanal publiziert hat, befassen sich alle mit dem Thema Corona-Pandemie. Unfreiwillig isoliert, nutzt Siedentopf Dinge, die in seiner Wohnung vorhanden sind, um das Leid im Lockdown sichtbar zu machen. Es entstanden und entstehen unterschiedliche Themenreihen, die sich mit den Fragen und Problemen beschäftigen, die uns alle derzeit umtreiben. Siedentopf allerdings findet extrem coole Lösungen.

Die Serien "So Far, Sofa" – so entsteht ein Sofa rund um die Welt, "Home Alone Survival Guide" – so lässt sich der Pandemie begegnen, "How-To Survive A Deadly Global Virus" – Atemschutzmasken für den Fall, dass gerade nichts anderes zur Hand ist, sowie die "Social Distance Sculptures" – Abstand ist das Wichtigste! – zeigen, dass "in jeder Krise eine Chance liegt". Etwa die, mal so richtig schön rumzuspinnen.

Lieber Max,
du bist Jahrgang 1991 und führst, wenn man in die Minibiografie auf deiner Website schaut, ein sehr erfolgreiches sowie kosmopolitisches Leben. Du bist in Namibia aufgewachsen, hast in Berlin, Los Angeles und Amsterdam gearbeitet und lebst nun in London. Kannst du uns etwas über deinen Werdegang erzählen?

Namibia gehört zu Deutschlands ehemaligen Kolonien und ich bin als vierte Generation dort aufgewachsen, der Großteil meiner Familie lebt noch dort. 2010 bin ich nach Berlin gezogen, um zu studieren, nach dem Studium nach Los Angeles. Dort habe ich als Art Director bei der Kreativ-Agentur KesselsKramer gearbeitet, die auch Büros in Amsterdam und London hat. So bin ich weitergezogen, um bis Anfang dieses Jahres als Creative Director und Partner bei den anderen Büros zu arbeiten. Dieses Jahr habe ich mich aber entschlossen, mich auf meine eigenen Projekte zu konzentrieren und arbeite zurzeit als Künstler, Regisseur, Fotograf und Verleger.

Das Coronavirus hat dich offenbar kreativ herausgefordert. Was inspiriert dich daran?
Oft sind Kreativität und Problemlösung miteinander verknüpft – es wird ein Hindernis vor einem aufgebaut und dann muss man mit wenig Mitteln eine kreative Lösung finden. In den letzten Wochen hat die Corona-Krise mehr als genug Hindernisse in den Alltag gestellt, die man auch kreativ lösen kann.

Cover des Buches "Home Alone" mit einem Turm aus Toastbrot

"Home Alone – A Survival Guide" von Max Siedentopf, Hatje Cantz, Englisch, 2020. 104 Seiten, 210 Abb., 12 Euro. Hier bestellbar.

Wie strukturierst du deinen Tag im Lockdown?
Ich denke, selbst wenn man zu Hause in seiner Wohnung feststeckt, gibt es immer noch unendlich viele Möglichkeiten, kreative Arbeiten zu schaffen. Hier habe ich zum Beispiel auf Instagram eine Serie gestartet, die “Home Alone – A Survival Guide” heißt. Dort habe ich jeden Tag fünf bis zehn Anweisungen veröffentlicht, wie man in seiner Wohnung verschiedene Sachen kreieren kann. Die Serie ist diesen Monat als Buch mit 100 verschiedenen Anweisungen veröffentlicht worden.  

Gibt es etwas, das du an der derzeitigen Situation, der Isolation, genießt?
Letztes Jahr musste ich fast jede Woche irgendwo hinfliegen, ich genieße es, endlich mal wieder Zeit zu Hause zu verbringen.

Welches Land geht deiner Meinung nach besonders gut mit Corona um?
Saint Pierre und Miquelon! Es gab nur einen Fall und der hat sich wieder erholt. Statistisch gesehen ist das eine 100-prozentige Erfolgsrate. [Anm. d. Red.: Das sagt Wikipedia zu dem Ort: Die kleine Inselgruppe östlich der kanadischen Küste, etwa 25 Kilometer südlich von Neufundland, stellt das letzte Überbleibsel der französischen Kolonie Neufrankreich dar. Saint-Pierre und Miquelon hat 5997 Einwohner (Stand 1. Januar 2017). Haupterwerbszweige der Französisch sprechenden Bevölkerung sind Fischerei und Tourismus. Die Hauptstadt heißt Saint-Pierre.] (Für die beeindruckende Corona-Grafik des einen Krankheitsverlaufs hat uns Max Siedentopf diesen Link geschickt.)

Wie gleichst du den Mangel an kultureller Inspiration (Theater, Museen, Konzerte etc.) aus? Oder hast du die ohnehin nie gebraucht?
Inspiration geht genau wie vorher weiter, sie hat sich einfach in die digitale Sphäre verlegt – mit Galerien, die online Ausstellungen anbieten und Musikern, die Performances über Insta-live geben. Generell denke ich aber, dass wir über die letzten Jahre so extrem mit unendlich vielen Inspirationen und Impulsen überladen wurden, dass eine kleine Pause auch ganz gut tut.

Woran arbeitest du derzeit?
An sehr unterschiedlichen Sachen: ein paar Musikvideos, einer neuen Ausstellung im NRW-FORUM Düsseldorf, einem Logo-Rebranding, einer Serie von Skulpturen, einem Buch und ein paar Fotoshoots. Ich mag die Vielfalt.

Viele Menschen nutzen die Zeit zu Hause, um ihren Haushalt in Schuss zu bringen: ausmisten, putzen, streichen. Verspürst du ähnliche "Anfälle" von Frühjahrsputz?
Auf jeden Fall! Ich denke, es hat in vielen Hinsichten sehr viele positive Seiten, dass wir diese gezwungene Pause haben und uns um Sachen kümmern können, die wir normalerweise vernachlässigen. Das gibt dem ganzen auch eine neue Wertschätzung.

Wenn du einen Wunsch an eine gute Fee frei hättest, wie würde er lauten?
Liebe gute Fee: Ich wünsche mir unendlich viele Wünsche.

Max Siedentopf bei Instagram: instagram.com/maxsiedentopf

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