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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Bitte nicht vom Beckenrand springen

15 Jahre lang war unser Kolumnist Micky Beisenherz nicht mehr im Freibad. Am Wochenende war es wieder soweit. Eine Grenzerfahrung zwischen aufgepumpten Muskelbergen, Gina-Lisa-Doubles, Specktitten und einer endlosen Pommesschlange.

Von Micky Beisenherz

Die kleine Meerjungfrau: Micky Beisenherz im Schwimmbad

Die kleine Meerjungfrau: Micky Beisenherz im Schwimmbad

Das Wichtigste ist es jetzt, sich in dem knöchelhohen Fußbadebecken zwischen Liegewiese und Badebereich nicht auf die Fresse zu legen. Jeder noch so coole Gang wird durch einen Ausrutscher auf den glatten Fliesen zunichte gemacht und die lässige Fassade kaputt gestrauchelt. Da hat sich auch heute nichts dran geändert.

Seit zirka 15 Jahren war ich nicht mehr in einem Freibad, und stehe jetzt mitten im Kaifu Bad in Hamburg-Eimsbüttel. Das Kaifu Bad ist eine Badeanstalt für das etwas bessere Klientel. Davon weiß das Publikum hier allerdings nichts. Zwischen Bahnenschwimmer- und Sprungturmbecken: ein Sammelsurium kurioser Gestalten. Vorgetanzte Tinder-Accounts, Gina-Lisa-Doubles, die überrascht scheinen, dass sie für die Sonne draußen kein Geld nachschmeißen müssen - und reichlich menschlicher Auswurf viertklassiger Tattoo-Messen.

Ein Enddreißiger in einer absurd engen, grellblau-gelben Badehose (nein, nicht ich) hat den Rücken großflächig mit etwas tätowiert, das wohl Rosenranken darstellen soll, optisch aber eher an Eierstöcke erinnert. Seine komplette Rückseite sieht aus wie etwas, das man besser beim Gynäkologen ins Wartezimmer hängt. Das Einhorn auf dem Oberschenkel macht es kaum besser. Ansonsten: jede Menge Carpe Diems, Hunziker-Tribals und mehr Sterne als in einem Planetarium.

Diskomuskeln und Specktitten an der Pommesschlange

Früher waren doch noch nicht so viele tätowiert, oder? Früher, das war Anfang der 90er, als ich meine Ruhrgebietssommer pubertierend im Parkbad Nord verbracht habe. Auf der verbrannten Liegewiese, vorbei an den Treppen aus Waschbeton, wo die damals nur wenigen Pumper ihre Diskomuskeln zuschauerfreundlich in die Sonne gehängt haben. Tyrannosaurus Flex und Co. waren damals noch Exoten. Hier im Kaifu Bad erkenne ich: Fitness ist mittlerweile in jedweder Hinsicht Breitensport geworden.

Dafür ist die Schlange am Kiosk immer noch genauso lang. Eine große Pommes mit Mayo. Gegen die Hitze gibt's nix Besseres. Vornehmlich bestellt von diesen Jungs, die schon mit Elf über erstaunliche Specktitten verfügen. Dieser Figurklassiker, bei dem die Brustwarzen und die Bauchfalte ein lustiges Gesicht bilden. Der gute, alte Freibadkiosk. Damals betrieben von einem Typen, der heute garantiert immer noch bei seiner Mutter lebt. Anstehen für die gemischte Tüte Weingummi, Esspapier, Brauner Bär, kihihihihi (Funktioniert heute auch nicht mehr, der Gag).

Der legendäre Castrop-Rauxeler Freibad-Triathlon

Mal ein Waldmeister Wassereis ausgeben, wenn man richtig verliebt war. Und natürlich Heiße Hexe. Diese entsetzlichen Mikrowellenburger, gegen die selbst ein Carazza so eine Art Filet Mignon ist. Von außen heißer als die Marsoberfläche, und sobald man reingebissen hat, brach man sich an dem gefrorenen Kern in der Mitte fast die Schneidezähne ab. Was immer noch besser war, als sich beim Spaziergang auf der Liegewiese eine herrenlose Pommesgabel in die Fußsohle zu rammen.

Oder der Freibad-Gang einen Hauch zu lange beim Karatetraining zuzugucken - woraufhin die das eben Erlernte umgehend an einem ausprobierten. Wenn dir einer von denen gesagt hat, dass ihm deine Nike Air Huaraches gefallen, ging es eigentlich nur noch darum, ob du die Dinger los bist - oder, ob du die Dinger los bist mit blutiger Fresse. Mit ein bisschen Pech bist du barfuß nach Hause gelatscht - obwohl du mit dem Rad gekommen bist. Der legendäre Castrop-Rauxeler Freibad-Triathlon: Mit dem Fahrrad hinfahren, schwimmen, heimlaufen. Daran dürfte sich nichts geändert haben.

Das Hamburger Kaifu Bad

Das Hamburger Kaifu Bad am Samstagmittag: Handtuch reiht sich an Handtuch.

2015: Ich liege auf meinem zu kleinen Handtuch. Im Ohr diese Kakophonie aus Kindergeschrei, Pubertätsbalz und Sprungturmgekreische. In der Nase, ein Odeur von Sonnenmilch, Chlor und … nun ja, Kleinkinderurin, vermutlich. Vor mir steht ein trainierter Stumpfling, der in Hollywoood-Filmen umgehend als Quaterback besetzt würde. Er steht wirklich die ganze Zeit. Der Verdacht liegt nahe, dass er gerade erst den aufrechten Gang gelernt hat und diesen Triumph lange auskostet. Während er pausenlos Bananen frisst und sich im Fünfminutentakt einölt. Daniel Aminatis Zielgruppe. Man findet sie genau hier.

Ohnehin: Diese neue Dominanz der Hardbodies mit Profifußballerfrisur. Und die Mädchen. Heilige Miley Cyrus! Gelobet seist Du, Rihanna! Wo waren die damals? Warum waren unsere Mädels so wurstig? Gut, Jennifer Friese von der Gesamtschule damals, die hatte 'ne Mega-Figur. Die konnte man aber auch nur genießen, wenn sie mit dem Gesicht unter Wasser blieb. Tragisch.

Für einen Moment bedaure ich den 16-jährigen Micky, dem der Zugang zu diesen herrlichen Mädchen verwehrt blieb. Vielmehr noch allerdings bedauere ich den 38-jährigen Micky, der gerade 16-jährigen Mädchen hinterher gafft und sich über so etwas Gedanken macht. Verschämt wende ich den Blick zum Bademeister, der majestätisch am Beckenrand entlang schreitet.

Der Chlor-Marshall, gemeinhin bekannt als Bademeister

Bademeister - eine der ersten ernst zu nehmenden Autoritätspersonen damals. Früher hatten die alle Schnäuzer, Oakley Brillen, diese knappen, weißen Trigema Hosen - und wirklich Macht. Der Sheriff vom Beckenrand konnte beim kleinsten Vergehen den Sprungturm dichtmachen. Oder schlimmer noch: Dir Freibadverbot erteilen und somit den ganzen Sommer versauen. Mein Kumpel Björn hat damals noch Schwimmen gelernt bei einem Hünen namens Ralf Möller, bevor dieser nach Hollywood ging und Arnold Schwarzeneggers Mentor wurde.

Der Chlor-Marshall hier im Bad scheint gut drauf zu sein. Das Fünfmeterbrett ist frei. Von jeher DIE Premium-Poserplattform. Ich will's nochmal wissen. Erst als ich oben stehe, fällt mir wieder ein, dass ich Höhen-, nun ja, -bedenken habe. Aber die Leiter wieder runter gehen ist keine Option. Zumal vor mir reihenweise kleine Mädchen springen. Wie sähe das aus? Ich bringe es hinter mich. Triumphiere heimlich. Niemand klatscht. Keiner guckt. Zum Baden. Deshalb bin ich hier. Das Chippendalen erledigen jetzt andere.

Beim Rausgehen esse ich ein Capri und sehe fünf kleine Jungs. Vier drahtige. Und den großen Dicken, der immer dabei ist. Sie besprechen einen Angriff. Auch heute wird wieder jemand barfuß nach Hause latschen. Es gibt sie noch, die guten Dinge.

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