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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: For the Greta good - die junge Frau und das Meer

Erwachsene Männer im dicken SUV mit "Fuck you, Greta"-Aufkleber am Heck: Greta Thunberg polarisiert. Ihre Segelreise zum UN-Klimagipfel noch mehr. Ihre Kritiker aus der Generation Heizpilz verweigern die notwendige Veränderung.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Greta Thunberg

Greta Thunberg bei ihrer Abreise in Plymouth

Getty Images

Greta Thunberg überquert mit einem Boot den Atlantik. Das irritiert viele. Musste man doch annehmen, sie könne bereits übers Wasser laufen. Einen derart messianischen Status hat sie mittlerweile inne. Zumindest in einem Teil der Bevölkerung. Während der andere Teil selbst bei solchen Fähigkeiten ätzen würde, dass sie nicht mal schwimmen könne (um das alte Berti Vogts-Zitat mal wieder aufzuwärmen).

Dass Greta Thunberg polarisiert, werden selbst solche zugeben, die sich sonst nicht so sehr für Pole oder deren Kappen interessieren. Dabei erstaunt (tut es das wirklich? Eigentlich nicht mehr, oder?) das Ausmaß der Emotion, mit der ihr Trip von Großbritannien nach New York begleitet wird. Da wird dann erwartungsfroh-gehässig gefrotzelt, dass die Titanic ja einen ähnlichen Weg genommen habe oder von Aluhütern der Vernunft konspirativ darüber spekuliert, dass ein Filmteam (es ist ein Kameramann) an Bord sei und "über ein Dutzend militärischer Überwachungsflugzeuge mit weit mehr als hundert Einsatzflügen" den Trip begleiten würde. Was natürlich absoluter Unsinn ist.

Aber klar, da, wo die Überhöhung einer Person ins Absurde abzudriften droht, ist der Entlarvungseifer nicht weit. Da wird jede Plastikverpackung, in der sich das Toastbrot der 16-Jährigen befindet, zum großen Fahndungserfolg. Zum Beweisstück A für die ganz große Heuchelei.

Weniger Unsinn ist übrigens die Rechnung, dass, bezieht man alle handelnden Akteure, deren und den Rücktransport der Segelyacht mit ein, ein Flug nach New York Greta am Ende eine bessere Klima-Bilanz beschert hätte. Aber Mathematik ist an dieser Stelle so wenig gefragt wie Schule an einem Freitag.

Greta will es besser machen als die Generation Heizpilz 

Man muss den Törn weniger als echtes Bestreben begreifen, möglichst umweltfreundlich zum UN-Gipfel zu gelangen, sondern als beispielhaften Akt, jetzt und in Zukunft Bequemlichkeit und Umweltbewusstsein in Relation zu setzen. Es geht darum, unseren Einfluss auf das Ökosystem ernster zu nehmen, als die Generation Heizpilz es bislang getan hat. Ein Symbol in unserer an Symbolik nun wahrlich nicht armen Zeit. Eine Pose? Gewiss. Aber sicher keine komfortable.

Dabei ist es absolut berechtigt, dann und wann mit den Augen zu rollen. Wenn die schwedische Lisa Simpson die Goldene Kamera für Klimaschutz bekommt, nur um mit ansehen zu dürfen, wie am Ende der Preisverleihung ein SUV verlost wird oder selbst der konsumerotische Hedonistenkoran GQ sich nicht entblödet, die kindliche Kaiserin der Kapitalismuskritik auf das Cover zu hieven. Das kann man edgy finden. Komplett verlogen. Oder zumindest wohlfeil.

Greta Thunberg (links) auf der "Malizia II"

Und da zeigt sich auch ein wenig das Problem. Wenn Themen wie Feminismus oder Klimawandel, weil zu sehr auf eine (womöglich auch noch wenig nahbare) Person oder überschaubare Gruppe fokussiert zum Pop-Phänomen verkommen, droht die Gefahr, das solch wichtige Anliegen im nächsten Jahr kaum mehr Bedeutung haben als die Kelly-Bag der Vorsaison. Frei nach Jarvis Cocker: Revolution ist eine Party, bei der man wissen muss, wann man zu gehen hat.

Bono brauchte länger als Greta Thunberg

Man kann die Heilandisierung der jungen Frau in ihrer Vehemenz durchaus lächerlich finden. Bono brauchte deutlich länger, um ein solch vehementes Augenrollen zu provozieren. Beschämend allerdings ist die Aggression, mit der ihrem Trip und ihrem Wirken allgemein begegnet wird. Die einen wünschen ihr wörtlich und bildlich das Kentern (man stelle sich vor, es nahte auch noch Carola Rackete zu ihrer Rettung!). Wieder andere sind sich nicht zu blöd, als erwachsene Männer einen "Fuck you, Greta"-Aufkleber als postpubertären Ausweis ihrer Klimawandelskepsis über den Auspuff ihres SUV zu kleben - und das ist genauso jämmerlich wie es sich liest.

Ja, sie ist eine Projektionsfläche. Im Positiven wie im Negativen. Sollte es womöglich wahr sein, dass dunkle, klimakapitalistische Mächte hinter dem Projekt Greta stehen, die ihre eigenen Ziele verfolgen? Sind ihre Eltern nicht einfach nur geltungssüchtige Ökoschauspieler mit Showbiz-Vergangenheit? Kann sie den Hambacher Forst durch Handauflegen heilen? Ist sie die Malala des Klimawandels? Vermutlich nicht.

Sie ist weder eine "Jeanne D'Arche" noch "Carrie - des Salats jüngste Tochter". Und wer die verhaltensauffällige Schwedin zu einer fremdgesteuerten Marionette eines narzisstisch gestörten Umfelds degradiert, lässt sich bei dem Versuch erwischen, das Thema Naturschutz so klein zu reden, dass es in eine Illustrierte im Wartezimmer passt.

Mit dem SUV zur Klimademo

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Mensch erst dann beginnt, sich für so etwa wie Klimaschutz zu interessieren, wenn der Keller in einem Sommer zum achten Mal vollgelaufen ist, es ihm also buchstäblich an den eigenen nassen Arsch geht. Das ist nicht sehr edel. Aber menschlich.

Die Person Greta und die Fridays for Future kratzen unentwegt an unseren Selbstverständlichkeiten. Das ist oft unbequem und nicht selten sogar etwas nervig. Und vor allem: fremd. Und fremd kommt in Deutschland generell nur bedingt gut an.

Hatten wir nicht eben noch beklagt, von der nächsten Generation sei kaum mehr zu erwarten als Instagram und Fortnite. Jetzt wünschen sich viele, man würde sich mehr für Gerda und weniger für Greta begeistern.

Es ist das Privileg der Jugend, in ihrem Eifer für die Sache mitunter kräftig zu überziehen und unreflektiert loszuschießen. "Mit iPhone und Eltern, die sie im SUV zur Demo fahren!", jaja, schon klar. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Alten das alles völlig beschissen finden und einfach alles so lassen wollen, wie es ist. Und irgendwo dazwischen liegt: Veränderung.

Und diese verfluchten Papiertüten im Supermarkt. Gott, wie ich die stabilen Plastiktüten vermisse. Aber immer noch besser als auf einem Boot auf dem Atlantik. Ohne Klo.