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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Danke, Armin! Warum wir uns bei Laschet erkenntlich zeigen sollten

CDU-Vorsitzender Armin Laschet
CDU-Vorsitzender Armin Laschet
© Jens Krick / Picture Alliance
Armin Laschet hat einen CDU-Chef Friedrich Merz verhindert und es geschafft, Markus Söder als Kanzlerkandidaten aus dem Weg zu räumen. Dafür kann man auch mal danke sagen, findet Micky Beisenherz.

Domino Day im Herzen Europas. Alle legen die Ämter nieder, nur einer hat sich entschieden, lieber langsam auszubleichen. Der Aachener mit der eingebauten Rücktrittsbremse. Langsam aber kommt ein wenig mehr Milde in die Betrachtung des tapferen Kandidaten. Binnen weniger Stunden mutierte der Mann vom reaktionären Kohleabbau-Satan zur Jeanne D'Arc des gnadenlosen Politbetriebes. Spoiler: Er ist beides nicht.

Dass Teile derjenigen, die den Mann über Wochen und Monate hinweg öffentlich unterhalb der Sockenbundlinie beleidigt haben, ihn nun als "Menschen und anständigen Wahlkämpfer" ehren, zeugt nur von der völligen Scheißegaligkeit sämtlicher Positionen oder vermeintlicher Haltungen in der Zeit davor. Womöglich liegt's auch am guppyartigen Gedächtnis der Beobachtenden, wer weiß das schon.

Es ist an der Zeit, Danke zu sagen. Danke, Armin Laschet. Es ist noch gar nicht so lange her, da schien der Ausgang der Wahl völlig klar. Die Regierung würde eine schwarz-grüne werden. Sicher, da war zwar Annalena Baerbock und ihre tollen Umfragewerte, der stern und andere jauchzten und frohlockten ob des revolutionären Geistes und dem sagenhaften Veränderungswillen der Bevölkerung, allein: Die Deutschen schätzen Revolutionen so sehr wie experimentelle "Tatort"-Drehbücher.

Überdies würde so manchem noch bis zur Wahlurne auffallen, dass dieser grüne Umbau dann doch etwas kostspieliger werden würde, und soooo viel Flut war dann auch wieder nicht. Das wusste natürlich auch die CDU. Die hatten lediglich das Problem, dass der Authentizitätsdarsteller Söder von der stets unangenehm betrunkenen Schwester CSU die deutlich besseren Umfragewerte hatte. Nur kann man schlecht den Vorsitzenden der kleinen Schwesterpartei mit so viel Macht ausstatten. Am Ende würde der einen Raum einnehmen, als würde im Führerhaus des Golf 3 auf der Fahrt zum Lago Maggiore sich plötzlich das Gummiboot von selbst aufblasen.

Am Ende gewinnt immer die CDU – oder doch nicht?

Man war sich einig: Bei der Union hätte man auch einen Badezimmermülleimer zum Kandidaten küren können – am Ende gewinnt doch immer die CDU. So drückten Bouffier und Schäuble nach einer langen Nacht Armin Laschet durch und retteten so die Partei. Das sehen viele heute vermutlich anders. So ein Eimer allerdings steht für gewöhnlich recht fest auf dem Boden und neigt nicht zum spontanen Umfallen. Es sollte sich im Wahlkampf das fortsetzen, was im Grunde genommen schon im Frühjahr 2020 begonnen hatte.

Dieser Kandidat, der so kantig daher kam wie ein Toastbrot für einen Dreijährigen stolperte durch eine Kampagne, die als Pfahlsitzen begonnen hatte und in einer Slapstick-Parade mündete. Am Ende war für den jovialen Aachener jeder Tag Aschermittwoch – und er immer der Nubbel.

In dieser unseligen Melange aus völliger Beratungsimprägnierung, rheinischer Kamelligkeit und anschließender Vollverkrampfung geriet das Werben um die Gunst der Bevölkerung zur Groteske. Bedurfte es zu Beginn noch eines Markus Lanz, reichte am Ende sogar die perfide Fragetechnik von neunjährigen Kindern, um den taumelnden Laschet journalistisch niederzustrecken. Ja, sicher, man kann es als traurig bezeichnen, dass all diese Lapsi von Laschet (und in deutlicher Abstufung auch Baerbock) eine ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Sachfragen verhindert haben.

Da sind wir alle tief betrübt, weil wir so gerne mehr über Emissionshandel, Cum-Ex oder Rentenreformen geredet hätten, schon klar. Andererseits: Sind wir nicht auch die Nation, die lüstern, ja, fast geifernd "Schwiegertochter gesucht" schaut, das "Sommerhaus" binged und auch noch die privatesten Dinge zur digitalen Verhandlung in die Öffentlichkeit zerrt?

Wir lieben das Drama und wärmen unsere Hände dran. Das Lagerfeuer der Eitelkeiten. Wir halten uns für so unglaublich zivilisiert, aber befriedigte diese Orgie der Banalitäten, diese Fehlleistungsschau nicht exakt unsere niederen Instinkte? Ist es nicht auch tragikomisch, dass der finale Gegenschlag gegen die Klimakatastrophe am Ende an einem lieblos zusammengeschusterten Buch über eben dieses Ansinnen zu scheitern droht?

Es ist doch eine groteske Pointe, dass mit dem Vulkanier Olaf Scholz ausgerechnet die Person zum Erlöser wird, die in jedem anderen Wahlkampf wegen seiner Androidenhaftigkeit kaum auf einen Sieg hätte hoffen dürfen. Und das, was da zwischen dem verlässlich bertivogtsendem Kanzlerkandidaten und seinem Nürnberger Schatten geschehen ist, daraus hätte Markus Feldenkirchen vermutlich mindestens eine Trilogie machen können.

Erst hatte Laschet kein Glück, und dann kam Söder dazu

Erst hatte er kein Glück, und dann kam auch noch Söder dazu. Allein für die Knüppel, die der CSU-Chef Laschet zwischen die Beine geworden hat müssten zwölf Fußballfelder Regenwald gerodet werden. Eine Egoshow von der Größe Bayerns. Mit dieser toxischen Beziehung könnte man drei Sommerhäuser alleine füllen. Es ist längst mehr "GZSZ" als CDU/CSU. Was ist Jo Gerner gegen den eingebildeten Franken?

Wäre es nicht so tragisch, man müsste die "Tagesschau"-Beiträge mit dem Thema von "curb your enthusiasm" unterlegen. Während der nunmehr mitleiderregende Aachener noch öffentlich auf Jamaika hofft, um sich so an der Rente vorbei zu kanzlern, sagt der bayerische Amtskollege das offiziell schon ab. Der zugeworfene Rettungsring, es ist ein alter Autoreifen. Man könnte es besser nicht schreiben.

CDU-Vorsitzender Armin Laschet kündigt Rücktritt auf Raten an

Selbst die Trash-erfahrensten könnten sich an dieser Reality-Show performativ überfressen. Der Machtmensch, förmlich angezogen vom Schmerz. Power sucht Au. Und doch gebührt dem Unionsvorsitzenden ehrlicher Dank. Durch seine beherzten Auftritte und Papas magische Bergmannsmarke hatte er zunächst einen CDU-Chef Friedrich Merz verhindert (zumindest den letzten von den noch folgenden vier Versuchen) und uns davor bewahrt, ins Jahr 1994 zurück gebeamt zu werden.

Er hatte es geschafft, mit Markus Söder einen Kanzlerkandidaten aus dem Weg zu räumen, der sich mit seinem Gebrauchtwagenhändlercharme in weite Teile der Bevölkerung hineincharmiert hatte. Vor allem aber ist uns jemand erspart geblieben, der in diesen Tagen des Restezusammenfegens noch einmal deutlich unterschreibt, was für einen rückgratlosen, hinterhältigen und – wichtig! – null teamfähigen Regierungschef wir bekommen hätten.

Schlussendlich hat der kritisch Konturlose durch seine Art, jeden mitnehmen zu wollen und am Ende alle zu verlieren, die Ampel erst möglich gemacht. Insofern kann er mit Fug und Recht behaupten, der Initiator einer Zukunftskoalition zu sein. Und da kann man sich auch mal aufrichtig erkenntlich zeigen. Danke, Armin.


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