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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Rush-Hour

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Unser Kolumnist suchte die Ruhe und fand die Kraft der Liebe: im ICE-Waggon, sehr laut.
Von Micky Beisenherz

Der ICE Richtung Hamburg. In Wagen 11 sitzt jemand, der wieder und wieder denselben Song hört: "The Power of Love", in einer Lautstärke, dass auch Menschen, die ein paar Sitzreihen weiter hinten hocken, problemlos mithören müssen.

Dummerweise handelt es sich nicht um das rockige "The Power of Love" von Huey Lewis and the News, das den Film "Zurück in die Zukunft" damals erst richtig veredelt hatte. Auch die von Frankie Goes to Hollywood erschaffene Weltballade gleichen Namens sollte es nicht sein.

Nein, stattdessen musste es natürlich "The Power of Love" von Jennifer Rush sein, dieser Falschparkeraufschreiber-Madonna, die in den Achtzigern dank ihrer "Röhre" und ihres "rassigen" Auftretens kurzzeitig so etwas wie eine Karriere hatte und heute noch in bayerischen Radioprogrammen gespielt wird. Oder eben sehr laut im ICE-Waggon.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Nach Durchgang Nummer vier bekommt das Ganze langsam den Charakter einer chinesischen Foltermethode. Fast fange ich an, diese Premiumarschlöcher zu vermissen, welche die Bahn zum telefonatintensiven Co-Working-Space umfunktionieren.

Nun dieses Lied. Ich kann mich nicht mehr davon wegkonzentrieren. Ein kurzes Innehalten. Noch eines. Dann sehe ich mich selbst aufstehen und auf Platz 77 zugehen.

In Zügen werde ich zusehends zu einem Mitreisenden, der in seinem Sitz kauert wie eine Muräne in ihrer Höhle, darauf lauernd, geräuschintensive Fahrgäste zu maßregeln. Seitdem die Kopfhörer über Noise Cancelling, sprich: Geräuschunterdrückung, verfügen, nimmt niemand mehr wahr, wie laut die eigene Musik ist beziehungsweise mit welch sagenhaftem Theaterbariton er seine Businesskaspereien vorträgt.

Warum nur ist es so schwer, die Zugkabine wie ein Restaurant oder eine Bibliothek zu begreifen, in der man tunlichst bemüht ist, andere nicht mit dem eigenen Lärm zu behelligen?

Viele Fahrgäste benehmen sich in der Bahn als wären sie zu Hause

Nicht so in der Bahn. Ein Unternehmen, das einem während der "Fahrt"zeit so viel Pein und Ärger beschert, dass man sich zum Ausgleich der Marter das Recht rausnimmt, sich so zu verhalten, als wäre man im Großraumbüro oder schlimmer noch: zu Hause.

So manchen nackten Fuß musste ich schon auf Armlehnen bestaunen. Füße sind zumindest stumm. Nicht so Jennifer Rush. Ich folge ihrem Sirenengesang. Platznummer 77 entspricht dem Alter von DJ Rushpower. Ein netter Herr, Typ Henning Voscherau, dem nach Dienstende alle Privilegien entzogen wurden. Er hält sich ein iPhone in einer ausgeklappten Lederhülle ans Ohr und schaut sich das Musikvideo der Sängerin an.

"Sagen Sie, geht das womöglich ein wenig leiser?", überrasche ich ihn, mich von hinten förmlich anschleichend. Der arme Kerl entschuldigt sich und bedeutet mir, die Lautstärkeregelung an seinem Smartphone nicht zu beherrschen.

Ich zeige ihm die beiden Tasten auf der linken Seite des Randes. Jetzt tut es mir schon leid, ihn überhaupt angesprochen zu haben, und ich animiere ihn, den Song weiter zu hören, vielleicht ein wenig leiser. Wir trennen uns freundlich.

Zurück an meinem Platz: Der Mann hört jetzt keine Musik mehr. Und ich Arschloch frage mich, ob der Song mich wirklich soooo gestört hat.

Drei Tage später jogge ich an der Elbe entlang. In den Ohren die Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung. Die funktioniert so gut, dass ich nicht das Rasseln der Haustürschlüssel höre, die mir durch das Loch in der Jogginghose auf den Asphalt fallen.

Die Stille. Da ist sie.

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