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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Geben und Fresse halten: Mir ist völlig egal, was der Obdachlose mit dem Geld macht

Hier die Schlange vorm Designer-Store, ein paar Meter weiter Obdachlose, die die Luxus-Polonaise mit Bedauern mustern. In diesen Tagen wird die Diskrepanz zwischen den Lebenswirklichkeiten in Deutschland besonders deutlich. Zeit, mal inne zu halten, findet Micky Beisenherz.

Ein Obdachloser in Berlin

Ein Obdachloser in Berlin

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Dieser Text wird keine Spuren von Heldentaten enthalten, nur normales Miteinander. Es gibt diese Momente, in denen uns besonders bewusst wird, wie gut es uns geht.

Vor wenigen Tagen flanierte ich, mit etwas Tagesfreizeit gesegnet, durch die Hamburger Innenstadt, als mein Auge auf eine bald 50 Meter lange Menschenschlange fiel. Dicht an dicht gedrängt standen sie da, trugen nur das Nötigste am Leib. Frauen, Mütter, Kinder, junge Männer, alte Männer. Frierend, in ihren Augen die schwache Hoffnung, doch noch das zu bekommen, weswegen sie diesen beschwerlichen Gang auf sich genommen haben. Keine Ahnung, was es in diesem Louis-Vuitton-Store gab, vor dem sie Stunden warten sollten – es muss wohl was ganz Tolles gewesen sein, sich das anzutun.

Hier die Luxus-Shopper, ein paar Meter weiter die Obdachlosen

In diesen Tagen wird die Diskrepanz zwischen den Lebenswirklichkeiten unter dem Dach Deutschland besonders deutlich. Hier die Sehnsuchtslegion, wartend vorm Designer-Store, und ein paar Meter weiter zwei Obdachlose, die diese Luxus-Polonaise mit Bedauern mustern.

Vorweihnachtszeit. Wenn das ganze Land eine Gefühlsinfusion erhält und selbst das zynischste Kapitalistenschwein nach dem vierten "Last Christmas" den Pappbecher auf dem Gehsteig unter sich nicht WhatsApp tippend umtritt, sondern was reinwirft. Hier geht es unter die Gürtellinie. Der Blick, da sich das alles noch unterhalb der Smartphone-Peripherie abspielt. Aber auch die ganze Haltung dazu.

Unlängst stand ein Freund von mir an einer Berliner Currywurstbude. Was er wollte, war eine Currywurst. Was er bekam, war eine Bratwurst. Jetzt versuch mal, an einer Berliner Currywurstbude eine falsche Ware umzutauschen - da kannste einfacher eine feministische Bibliothek in Riad eröffnen. Was macht mein Freund? Er bestellt noch einmal und schaut, was er mit der noch warmen Bratwurst anfangen kann. Links neben ihm ein Obdachloser, am Boden kauernd. Natürlich reicht er, in seinem Kamelhaarmantel nur noch unwesentlich von St. Martin zu unterscheiden, die wärmende Wurst herab zu dem armen Mann. In weiter Ferne spielen Geiger, ein Hauch von Feenstaub liegt in der Luft, Adel Tawil tritt ins Bild, um den Spender mit einer Hymne zu ehern. Der Gospelchor. Die Kerzen.

Sekunden vergehen, mein Freund ist schon wieder oben an der Theke, um sich seinem Essen zu widmen. "Wat isn ditte für ne Scheiße! Ich kann dit nisch mehr sehn!" Statt Augen voll tränenschwangerer Dankbarkeit blitzt ihn von unten die pure Wut an. "Jetzt kiek dir dit an! Fünf scheiß Bratwürste liegen hier! Wer sollen ditte fressen! Kannste selber fressen! ICK WILL KOOOOHLE!" Das durchbricht natürlich die Merci-Reklame-Haftigkeit der Situation. Dabei war der Deal doch klar.

Du, Obdachloser hast mich gefälligst dankbar anzuschauen, weil ich dir in meiner unendlichen Güte Speisen gegönnt habe. Klar. Ein Danke hört man natürlich lieber. Wobei: Dann ist man in Berlin wirklich falsch. (Ich hätte übrigens wohl genauso wie mein Freund gehandelt.) Der Mann erlebt das scheinbar öfter. Diese nicht nur physische Herablassung und den moralischen Auftrag, ihm bloß Nahrung und nicht etwa Geld zu geben, weil: Das könnte er ja versaufen.

Ein beliebter Reflex. Der Gebende empfindet den Unterstützten als eine Art Projekt, an dessen Ende mit seiner Subvention gefälligst ein vollends resozialisierter Mensch zu stehen hat. Frei nach Kurt Beck: "Waschen Sie sich, rasieren Sie sich, dann finden Sie auch einen Job." Ach, Kurt Beck. Das war noch ein toller SPD-Parteivorsitzender.

Noch am Sonntag trat ich im Schanzenviertel aus meinem Stammkiosk, um mit den Zutaten fürs Rührei im dicken Auto zu verschwinden, als mein Blick auf einen Typen rechts neben mir fällt. Bomberjacke, Vollbart, um die Vierzig. Entweder Modeblogger - oder obdachlos. Er sitzt sonntagmorgens um zehn in der Kälte, also wird Letzteres wohl stimmen. Während die Schlüssel sich bereits im Schloss des Mercedes drehen, will ich ihn noch maßregeln, dass Pappbecher ja so nicht gut fürs Klima seien, da legt er schon los: "Ey, gerade kam einer vorbei und schmeißt mir zwanzig Cent hier rein! Wat sacht er! Aber gib das nicht für Drogen aus! Wat soll ich mir denn für Drogen kaufen?! Für zwanzig Cent!" Mussten wir beide herzlich lachen. Ich habe dann deutlich erhöht, mit den besten Wünschen, es möge jetzt doch bitte für Drogen reichen.

Es ist mir offen gestanden kackegal, was er mit dem Geld macht. Es ist kein pädagogischer Auftrag damit verknüpft. Ich würde mir keine Drogen kaufen. Ich würde auch niemandem sonst zu Drogen raten. Was ich aber noch weniger möchte, ist diesen Mann mit meinen Ratschlägen zu behelligen. Wer zuviel Meinung hat, soll ins Internet gehen - die Leute auf der Straße brauchen nur unsere Zuwendung. So wie alle anderen auch.

Ihr laufenden Wandtattoos in Balenciaga seid nicht Bob Geldof

Ich habe nicht das Recht darüber zu urteilen, ob ein Obdachloser sich von dem Geld Schnaps kauft. Zumal ein kalter Entzug auf der Straße lebensgefährlich sein kann und Alkohol speziell in den kalten Wintertagen mehr bringt als zum Beispiel eine Bratwurst. Wir haben keine Ahnung, wie es ist, da draußen zu sein. Warum jemand auf der Straße lebt, wie es dazu kam, oder ob jemand vielleicht auch nur deshalb so fertig aussieht, nicht, weil er säuft, sondern weil du als Obdachloser kaum mal drei Stunden am Stück pennen kannst. Wegen Kälte, Ordnungsamt oder irgendwelchen kaputten Arschlöchern, die dir nachts den Schlafsack anzünden.

Ich erkaufe mir mit meinen paar Euros nicht das Recht, jemandem mein Wertesystem aufzudrängen. Und schon gar nicht braucht die Welt irgendwelche Instastories, in denen ich mich zu dem armen Teufel hinunterbeuge, ihm ein paar Socken schenke und den Kalkutta-Filter darüber lege.

Ihr laufenden Wandtattoos in Balenciaga seid nicht Bob Geldof. Ja, noch nicht mal Chris Martin. Geben und Fresse halten. Wenn ich gebe, dann bedingungslos. Aus Dankbarkeit darüber, dass ich mit der ganzen Scheiße, die ich machen darf, so ein gutes Auskommen habe. Während jemand, der in etwa über die gleichen Fähigkeiten verfügt, da draußen in der Kälte hocken muss. Das Leben hat mir, ohne dass ich es verdient hätte, ein gutes Blatt in die Hand gegeben. Da kann man dann auch mal Danke sagen. Ich. Nicht der Typ auf der anderen Seite des Bechers.

In vielen deutschen Großstädten fahren Kältebusse durch die Straßen und suchen Obdachlose auf. Sie bekommen heiße Getränke und bei Bedarf Kleidung und einen warmen Schlafsack. Die Mitarbeiter der Kältebusse können auch gerufen werden. In Hamburg unter 040-42828-5000, in Berlin unter 0178-523 58-38.

In Hamburg gibt es zudem die Obdachlosentagesstätte "MAhL ZEIT". Dort bekommen Obdachlose ein warmes Essen, können duschen und und ihre Kleidung waschen.