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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Je suis ... moi - über die Ehrlichkeit der Anteilnahme

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschläge von Paris fingen die ersten an, das Unfassbare auszuschlachten und für ihr Anliegen umzumünzen. Micky Beisenherz macht sich Gedanken über die Gedenkkultur im Netz.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über Paris

Ich bin der eitelste Mensch, den ich kenne. Immer vorn dabei, wenn es etwas zu bemerken gibt oder eine Gelegenheit zu posieren. Ich beginne sogar diese Kolumne mit einem ich. Zufall? Vermutlich nicht, nein.

Dieser Freitag, der 13. - vermutlich die Mutter aller 13. Freitage - hat mich geschüttelt. Auf allen Ebenen. Es ist normal geworden, dass wir das Internet nicht nur nutzen, um uns - vor allem in diesen Stunden der kollektiven Erschütterung - zu informieren, sondern auch mitzuteilen.

Das geschah in den letzten 48 Stunden höchst unterschiedlich. Es gibt sie nicht mehr, die kurze Zeit des Luftanhaltens, ja, Schnauzehaltens. Noch in das kollektive Entsetzen hinein fangen die ersten an, das Unfassbare auszuschlachten, für ihre umzumünzen, Stimmung zu machen. Sie werfen Hashtags aus wie Schleppnetze für ihre zersetzenden Gedanken.

Eiskalt twittern sie ihr Gift ins Netz

Noch während sich in der Konzerthalle Menschen auf dem blutigen Boden liegend tot stellen, nutzen die AfD, die CSU, angeführt von ihrem Premiumhetzer dieses schreckliche Ereignis für ihre Stimmungsmache. Eiskalt twittern sie ihr Gift ins Netz. Und leisten ihren Beitrag, die innere Sicherheit zu gefährden.

Markus Söder - schon lange ein Ärgernis. Ein Bierzelt-Propagandist, der wirkt, als hätte Michael sich eine Auszeit von Marianne gegönnt und Nachwuchs mit Erika gezeugt.
Man muss schon ein reichlich gefühlskalter Wahlomat sein - wenn einem zu #ParisAttacks spontan nichts besseres einfällt, als es den Zuwanderern noch schwerer zu machen, als sie es ohnehin schon haben.
#Likenfleddern
Schöne Grüße auch an Matthias Matussek, der die Nerven hatte, ähnliche Thesen noch mit einem Smiley zu garnieren. Dafür gab es sogar von seinem "Welt"-Chefredakteur öffentlich auf die Fresse - und der klerikale Kollabierer gibt jetzt weinerlich den Pirincci.
Wie sagte mein Kumpel Christian unlängst so schön:  "Die einen gehen in einen Darkroom und warten auf die Goldene Dusche. Matussek und Steinbach gehen ins Internet und warten auf den Shitstorm. Wer sich gerne anpissen lässt, findet immer einen Weg." Nicht sehr fein formuliert. Aber wir befinden uns gerade eh in emotionalen Zeiten.

Das offizielle Logo zum Terroranschlag

Die öffentliche Anteilnahme ist gewaltig. Balsam auf die verwundete Seele der Franzosen. Aber braucht es wirklich Menschen, die ihr Mitgefühl mit einem extra dafür geschossenen Selfie bekunden? Fotos, denen du ansiehst, dass sie ca. 17 Versuche gebraucht haben, um sich, ihre Kleidung, ihre Wohnungseinrichtung möglichst vorteilhaft zu präsentieren? Gespickt mit allen erdenklichen, marktschreierischen Hashtags, dass auch ja alle vorbeikommen mögen. Ist es falsch, das als selbstsüchtig und eitel zu empfinden?

Dem eigenen Impuls widerstrebend hatte ich erst einmal gar nichts gepostet. Funkstille. Zu berechenbar und automatisiert schien mir das Ganze - außerdem wollte ich nicht wirken, als wolle ich unbedingt auch etwas von diesem Klickkuchen abhaben. Ich war offen gestanden sogar irritiert, wie schnell das Eiffelturm-Peacezeichen als Brand der internationalen Solidaritätsbekundung "auf dem Markt" war. Das offizielle Logo zum Terroranschlag.
Ungeachtet der Tatsache, dass ich ein wenig neidisch auf die simple Genialität des Entwurfs war. Ist es nötig, dass alle sofort reflexartig ihre Profilbilder ändern und publikumswirksam ihre Anteilnahme bekunden?
Hat das nicht auch immer etwas von "Jaja, alles ganz schlimm, aber: Huhu, ich bin auch noch hier!"? 

Es muss irgendwie raus

Moment. Lasst mich eben noch ausreden. Nein. Nötig ist es vermutlich nicht, aber es ist geläufig und völlig okay. Und wer hat schon das Recht, die Art und Weise der Trauerbewältigung, der emotionalen Verarbeitung der anderen zu bewerten oder herabzuwürdigen?
Die Mechanik ist sattsam bekannt: Leute ändern ihr Profilbild. Leute regen sich über Leute auf, die ihr Profilbild ändern. Leute erregen sich über Leute, die sich über Leute aufregen, die ihr Profilbild ändern. Leute echauffieren sich darüber, dass den Menschen das eine Drama näher geht als das andere. Wieso die französische Fahne? Warum nicht die libanesische? Was ist mit Kenia? Nigeria?

Gestern noch fordern wir alle Frieden. Heute hauen wir uns schon allein wegen unserer Profilbilder die Köppe ein und wollen uns gegenseitig die Augenbrauen anzünden. Die letzten zwei Sätze habe ich nach meinem 24- stündigen Schweigegelübde dann natürlich bei Facebook gepostet. Inklusive einem zum catchy Logo aufgeblasenen Gedanken zum Zeitgeist. Allzu lange habe ich es also wohl auch nicht geschafft, mich von dem Klickkuchen fernzuhalten.
Und ob es diesen Artikel brauchte, kann man auch diskutieren. Aber es muss irgendwie raus. Oder?

Kommentare (4)

  • stern-Moderation
    Wir verabschieden uns für heute und schließen die Kommentare unter diesem Artikel. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an sterncommunity@stern.de /cs
  • schokuspokus
    schokuspokus
    Warum werden Menschen so gnadenlos von den Medien gemobbt, weil sie ihre Meinung sagen.

    Isalm = Terror

    Wer will Terror?
  • Ceres
    Ceres
    Hallo Herr Beisenherz. Ja, nötig oder unnötig lässt sich schlussendlich nicht beantworten. Jeder geht mit seiner Trauer anders um.
    Wobei ich nicht verstehen kann , daß so viele derart erstaunt sind. Wer mit wachen Verstand und einem gewissen Hintergrundwissen gewappnet ist, der fragte sich sowieso warum erst jetzt. Es scheint tatsächlich noch der größte Teil der Bevölkerung der Meinung zu sein es handele sich um durchgedreht Spinner die Säbelschwingend durch die Wüste laufen.

    Was lachhaft. Während wir nach einem Wohnungswechsel eine Ummeldung beim Einwohnermeldeamt innerhalb von 14 Tagen leisten müssen gurken ein paar 100.000 in Europa herum ohne wirklich erfasst oder gemeldet zu sein.

    Das Herr Beisenherz ist der große Skandal und nicht das es Leute gibt, die diesen feigen Anschlag als Wasser auf ihre Mühlen benutzen.

    Der Skandal ist, dass diese Leute recht haben.

    Und der Skandal ist dass all die Menschen die bei weiteren Attentaten sterben nicht sterben müssten wenn auf die ach so rechten ein wenig mehr gehört würde.

    Ein Skandal ist es, was bei den nächsten Wahlen geschehen wird. Denn da sind wir uns einig auch ich möchte keine Rechte Partei im Bundestag haben.

    Aber dieser Skandal wird kommen, wenn es so weiter geht.
    Und dann ist ihr und mein geringstes Problem irgendwelche Hardliner aus den etablierten Parteien.

    Also, weiter so mit ihrer Art/Hilfe der Trauerbewältigung.
    Aber bitte auch ein wenig mehr kritisches Nachdenken.


  • meihan
    meihan
    Sie haben recht: Ihren Artikel hätte es nicht gebraucht. Auch ich habe mein Profilbild bei Facebook mit der französischen Flagge überdeckt, zum Zeichen meiner ehrlichen Anteilnahme. Und: Frankreich ist unser Nachbar, aber deswegen habe ich auch Mitleid mit den Opfer im Libanon und denen an andern Schauplätzen. Also warten sie das nächste mal (hoffentlich nicht so schnell) lieber 48 h, bevor Sie schreiben.

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