VG-Wort Pixel

Legendäres Album 30 Jahre "Nevermind": Nirvanas größter Erfolg – und der Anfang vom Ende einer einzigartigen Band

Nirvana
Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain (v.l.n.r.) bei Promo-Aufnahmen zu "Nevermind" 1991
© Picture Alliance
Vor 30 Jahren veröffentlichten Nirvana ihr Album "Nevermind" – ein Meilenstein der Rockgeschichte. Für Sänger Kurt Cobain und seine Band war der Riesenerfolg Fluch und Segen zugleich.

Das Cover kennt jeder: ein nacktes Baby, das einem Geldschein hinterherschwimmt. Und auch die Songs sind immer noch Allgemeingut: "Lithium", "Come As You Are", natürlich "Smells Like Teen Spirit". Die Bedeutung des Nirvana-Albums "Nevermind", veröffentlicht am 24. September 1991, ist kaum zu überschätzen. Weltweit wurden rund 30 Millionen Exemplare verkauft – doch viel größer noch als der immense kommerzielle Erfolg ist der kulturelle Einfluss des Albums.

Weder das eine noch das andere hatte irgendjemand voraussehen können – damals, vor 30 Jahren. Nirvanas Label Geffen hatte ursprünglich mit etwa 50.000 verkauften Exemplaren gerechnet beim zweiten Album dieser Band aus Aberdeen im US-Bundesstaat Washington, die noch kaum jemand kannte. Die durchschlagende Wirkung der Platte machte Sänger Kurt Cobain und den Rest der Band nicht nur zu Stars, sondern zu Symbolfiguren einer ganzen Generation. Und sie hatte wohl auch ihren Anteil an dem tragischen Ende der Band.

"Nevermind" von Nirvana: Rebellion gegen die gesellschaftlichen Regeln

Nirvana entstammen mit ihrem rohen, ungeschliffenen, schnoddrigen Sound der damals populären Grunge-Schule, die sich den Trends in Kultur und Gesellschaft entgegenstellt. Auf die "raue Einfachheit" von "Nevermind" sei er am meisten stolz, sagt Schlagzeuger Dave Grohl, heute Sänger der Foo Fighters, 2005 über das Album. Viele junge Menschen haben sich Anfang der Neunziger von der Musik, der Politik und den gesellschaftlichen Vorstellungen entfremdet. Grunge-Bands nehmen dieses Unbehagen auf und verleihen ihm Ausdruck. Auch auf "Nevermind" geht es um Verbrechen, Missbrauch, Obdachlosigkeit und Rebellion gegen die Normen. Die ersten Demotapes sind so schlecht aufgenommen, erinnert sich Produzent Butch Vig später, dass man kaum etwas verstehen kann: "Aber ich konnte den Anfang von 'Smells Like Teen Spirit' hören und es war der Hammer."

Legendäres Album: 30 Jahre "Nevermind": Nirvanas größter Erfolg – und der Anfang vom Ende einer einzigartigen Band

Nirvana wissen genauso, wann sie Kompromisse einzugehen haben. Sie klingen melodischer als andere Bands aus ihrem Dunstkreis, sind teils auch besser eingespielt. Das macht ihre Musik für ein größeres Publikum zugänglich. Gleichzeitig sind die Songs von Nirvana aber immer noch wild genug, um der enttäuschten US-Jugend ein Zuhause zu bieten und den Rest des Landes zu verstören. Wie es das Musikmagazin "Rolling Stone" einmal ausdrückte: "Aus einer ganzen Nation von Teenagern wurden Punks."

Mit einigen Jahrzehnten Abstand wirkt es, als hätten Nirvana die Musikwelt damals von jetzt auf gleich eingenommen. So ganz stimmt das nicht: Das Album arbeitet sich in den Charts Stück für Stück nach oben, einige Kritiken sind zunächst wenig schmeichelhaft – vom "Rolling Stone" bekommt die Platte lediglich drei von fünf Sternen. Doch als der Aufstieg einmal begonnen hat, ist er nicht mehr zu stoppen. Und auch wenn Nirvana große Teile des Musikgeschäfts verabscheuen, dürfte es für sie doch eine heimliche Genugtuung sein, dass sie ausgerechnet Michael Jackson – den "King of Pop" und als Verkörperung des Mainstreams das ultimative Feindbild – mit seinem Album "Dangerous" von der Spitze der Charts verdrängen.

Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" wird zum Megahit

Unter den Songs auf dem Album entwickelt vor allem "Smells Like Teen Spirit" eine unglaubliche Durchschlagskraft. An dem bekanntesten Nirvana-Hit lässt sich viel über die Band ablesen. "Smells Like Teen Spirit" erreicht nie Platz eins in den Charts, wird aber dennoch zu einem der größten Rock-Hits überhaupt – nicht zuletzt durch den Musiksender MTV, mit dem Nirvana eine jahrelange Hassliebe verbinden wird. Zu einem Song, der das Lebensgefühl einer Generation in viereinhalb Minuten packt. Entstanden ist er beinahe zufällig, bei den Jamsessions, mit denen die Band immer ihre Proben begann. Heute kennt jeder Musikfan das Gitarrenriff, die charakteristischen Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen sowie das "Hello, hello" aus dem Refrain – auch wenn er sonst nichts über Nirvana und ihre Geschichte weiß.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Youtube integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.
DATENSCHUTZ-EINSTELLUNGEN
Hier können Sie die Einstellungen für die Anbieter ändern, deren Inhalte sie anzeigen möchten. Diese Anbieter setzen möglicherweise Cookies und sammeln Informationen zu Ihrem Browser und weiteren, vom jeweiligen Anbieter bestimmten Kriterien. Weitere Informationen finden Sie in den Datenschutzhinweisen.

Mit dem so gelangweilt-gesellschaftskritisch klingenden Satz "Here we are now, entertain us" soll Kurt Cobain mit seinen Freunden öfter auf Partys aufgekreuzt sein. Der Titel geht auf einen Spruch zurück, den eine Freundin von Kurt Cobains Ex-Freundin an seine Schlafzimmerwand schmierte: "Kurt smells like Teen Spirit." Teen Spirit ist eine bekannte Deo-Marke, was Cobain aber nicht bewusst ist. Dass er einen Produktnamen für seinen Song verwendet hatte, soll ihm später sehr peinlich sein – erst recht, nachdem der Hersteller den Titel zu Werbezwecken nutzte. Schon hier deutet sich ein Widerspruch an, mit dem Nirvana in ihrer gesamten Karriere zu kämpfen haben: die verzweifelte Abgrenzung von Konsum und Mainstream und gleichzeitig die kaum aufzulösende Abhängigkeit davon.

Aus den Außenseitern wird ein Massenphänomen

"Nevermind" begründet den Ruhm von Nirvana – und es ist gleichzeitig der Anfang vom Ende dieser einzigartigen Band. Sie wird zum Massenphänomen, jeder will ein Stück von ihr. Es ist schwer, dabei unangepasst und gesellschaftskritisch zu bleiben, auch wenn Nirvana ihr Bestes geben, die eigenen Ideale nicht zu verraten. Heute verkaufen Mode-Discounter T-Shirts mit Nirvana-Aufdruck an Teenager, die nie einen Song von "Nevermind" gehört haben.

Dennoch bleibt das Album ein Meilenstein, nicht nur in der Geschichte der Rockmusik, sondern auch für viele Fans – selbst für solche, die zu jung sind, um Kurt Cobain und seine Band noch selbst erlebt zu haben. Denn nur drei Jahre nach der Veröffentlichung von "Nevermind" verschwinden Nirvana schon für immer von der Bildfläche. Bereits bei den Aufnahmen zu dem Album nimmt Cobain Heroin, in den Jahren danach rutscht er immer tiefer in Drogen und Depressionen ab. "Niemand hat den Erfolg von 'Nevermind' weniger genossen als Kurt Cobain", schreibt der "Observer". Am 5. April 1994 nimmt er sich im Alter von 27 Jahren das Leben. Das bedeutet auch das Ende von Nirvana als Band. Der Mythos lebt weiter – und wird nach der Auflösung der Band eigentlich nur noch immer größer.

Quellen: "The Conversation" / "Rolling Stone" / "Observer"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker