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Das Pfefferminz-Experiment: Westernhagen: Guter Song hat nach Jahren noch Berechtigung

«Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz» ist für Fans von Marius Müller-Westernhagen ein Kult-Album. Nun hat der Musiker die Songs von 1978 völlig neu eingespielt. Warum macht er das?

Marius Müller-Westernhagen

Marius Müller-Westernhagen hat die Songs seines Albums «Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz» neu interpretiert. Foto: Christoph Soeder/dpa

Mehr als vier Jahrzehnte liegen zwischen dem legendären Album von Marius Müller-Westernhagen (70) «Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz» und der neuen Version «Das Pfefferminz-Experiment». Im Interview verrät der Musiker der Deutschen Presse-Agentur, was er sich bei der Neuauflage gedacht hat.

Frage: Wer hatte die Idee zur neuen Interpretation des Klassikers?

Antwort: Das war mein Freund und Manager Olaf Meinking. Er hat mir gesagt, welche Bedeutung dieses Album für viele Menschen hatte, was mir nicht bewusst war. Dann kam der Gedanke, wie beim Theater einen alten Stoff zu nehmen und neu zu inszenieren - nämlich total anders als zu der damaligen Zeit.

Frage: Sie haben dafür musikalische Ikonen umgeschrieben, deren Klang im Kopf Ihrer Fans eingebrannt ist.

Antwort: Komischerweise hat mich das nicht im Geringsten berührt. Für mich waren es einfach Songs, nachdem ich die so viele Jahre nicht gehört hatte. Erstaunlich gute Songs, das hätte ich nicht gedacht.

Frage: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Musiker und Produzenten Larry Campbell, der lange Jahre mit Bob Dylan gespielt hat?

Antwort: Wir haben seit ewigen Zeiten darüber geredet, dass wir unbedingt etwas machen möchten zusammen. Das sind Leute, die kannst du nicht einfach engagieren. Denen musst du Musik schicken und sagen, was du vorhast und was das ist. Larry hat mir das Gefühl gegeben, wir sind uralte Freunde. Er hat mir sofort jegliche Furcht genommen, mit diesen unglaublichen Musikern zu arbeiten.

Frage: Wie lief die Zusammenarbeit?

Antwort: Wir haben beide von Anfang an gesagt, dass wir in dem Album eine Wahrhaftigkeit erreichen müssen. Das soll ein total ehrliches Album ohne Maske werden. Wie ein Jazz-Album.

Frage: Wie klingt das jetzt in Ihren Ohren?

Antwort: Was mich überrascht hat ist, wie unglaublich man Stücke verändern kann durch Interpretation, nicht nur durch Tonhöhe und durch Rhythmen, sondern auch durch die Interpretation des Sängers kannst du ein Stück wahnsinnig verändern.

Frage: Sie haben am Text keine Zeile geändert.

Antwort: Nein, wollte ich auch nicht. Alle haben erzählt, das ist ein klassisches Album, das ist ein ikonisches Album. Also touchst du das nicht, machst du nicht. Das ist der Text, so wie du ihn geschrieben hast und diese Authentizität sollte es schon behalten.

Frage: Funktionieren die Texte heute noch?

Antwort: Erstaunlicherweise ja. Das hat mich überrascht und es hat mich auch gefreut, weil ich immer gesagt habe: Ein Song ist erst gut, wenn er nach zehn Jahren noch eine Berechtigung hat.

Frage: Im «Pfefferminz»-Song gibt es die Zeilen «Tanzen darf ein jeder Jud'» und «Neger, die sind dunkel. Im Dunkeln lässt sich's munkeln.» Wie können Sie das heute noch singen?

Antwort: Aus dem einfachen Grund, weil das klar als Provokation zu erkennen ist. Es ist aber nicht Provokation, um der Provokation Willen, sondern man füllt diese Provokation mit dem Inhalt.

Frage: Sie sind zum zweiten Mal mit einer Afroamerikanerin verheiratet. Sie benutzen in «Pfefferminz» das N-Wort.

Antwort: Ja, der Zeit geschuldet. Meine Frau flippt heute aus, wenn du sagst coloured, was für uns politisch über eine ganz lange Zeit korrekt war. Und auf einmal ist es das nicht mehr. Du musst heute sagen: schwarz oder black. So ändern sich die Zeiten. Ich glaube, dass man sich in jungem Alter auch nicht so viel Gedanken macht.

Frage: Der Song «Dicke» war ironisch gemeint, wurde aber auch als fat shaming interpretiert. Was ist das für ein Gefühl, als Künstler so missverstanden zu werden?

Antwort: Es gibt sicher viele Menschen, für die die Ironie nicht erkennbar war. Viele Dicke haben es als Kampfsong begriffen: «I'm fat, I'm proud!» Aber es gab sicher auch Menschen, die das verletzt hat und das tut mir schrecklich leid. Jetzt habe ich versucht, durch die Interpretation des Songs die Ironie sehr viel deutlicher zu machen.

Frage: Gibt es einen Lieblingssong auf altem und neuem Album?

Antwort: Ich habe die Alben immer insgesamt als Komposition gesehen. Es ist für mich schwer, da einen Song herauszunehmen. Der Text von «Giselher» hat mich immer sehr berührt und ich singe das auch wahnsinnig gerne.

Frage: Der einzige Text auf dem Album, der nicht von ihnen ist.

Antwort: Aber er ist großartig. Zur damaligen Zeit hatte ich das Bedürfnis, auch ein Liebeslied für einen Schwulen zu machen.

Frage: Zu «Johnny Walker» kreisten die Whiskey-Flaschen bei Jugend-Partys.

Antwort: «Johnny Walker» ist jahrelang auch von uns missbraucht worden. Man hat gesehen, die Leute singen da mit, und dann gibt man nochmal mehr Gas. Mir ist klar geworden, dass es ein sehr trauriger Song ist über Abhängigkeit vom Alkohol. Das hat jetzt in dieses Arrangement geführt und in diese Interpretation. Ich glaube, jetzt begreift man wirklich, was das für ein Song ist.

Frage: Im Albumnamen steckt «Vol 1». Gibt es eine Fortsetzung?

Antwort: Volume one ist eine Wunschvorstellung von mir. Es gibt noch etliche Alben, wo man sagt, die würdest du gerne noch einmal neu inszenieren. Zum Beispiel «Das Herz eines Boxers». Ich finde, das sind gute Songs. Ich hätte gerne die Gelegenheit, das auch noch mal aufzunehmen. Es ist einfach interessant und spannend.

Zur Person: Marius Müller-Westernhagen (70) ist mit zahlreichen Nummer-eins-Alben einer der erfolgreichsten deutschen Rockmusiker. Parallel zu seiner Karriere auf den Konzertbühnen wurde er auch als Schauspieler bekannt, etwa als Fernfahrer im Film «Theo gegen den Rest der Welt» (1980). Westernhagen hat einen Wohnsitz in Berlin und ist in zweiter Ehe mit der US-amerikanischen Sängerin Lindiwe Suttle verheiratet.

dpa