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Thomas D und Michi Beck "Da ist Gefühl, da ist Rausch": So hat das Nachtleben die Fantastischen Vier geprägt

Die Fantastischen Vier
Die Fantastischen Vier unterstützen die Aktion "Meister der Nacht: Trinkgeld gehört dazu"
© www.tggd.de
Corona hat der Gastronomie schwer zugesetzt. Dabei sind Clubs und Kneipen wichtig für die Kultur in diesem Land. Niemand wüsste das besser als die Fantastischen Vier. Im Interview erzählen Thomas D und Michi Beck, wie ihre Musik vom Nachtleben geprägt wurde.

Die Corona-Pandemie hat der Gastronomie und Veranstaltungsbranche schwer zugesetzt. Die Aktion "Trinkgeld gehört dazu", die in Partnerschaft mit Jägermeister stattfindet, ruft nun zur Förderung der in diesen Branchen arbeitenden Menschen auf. Auch die Fantastischen Vier unterstützen das Projekt. Im Gespräch mit dem stern erzählen Thomas D und Michi Beck, welche Bedeutung das Nachtleben für die Entwicklung ihrer eigenen Kunst gehabt hat - und verraten, wie sie es selbst mit dem Trinkgeld halten.

Herr Beck, Herr Dürr, in welchem Alter haben Sie angefangen auszugehen?  

Michi Beck: Ich bin mit 16 erstmals in die Stuttgarter Diskothek Boa gegangen. 

Thomas D: Bei mir war es später, weil Smudo und ich ja nicht in der Stadt groß geworden sind. Irgendwann sind wir mal nach Stuttgart gefahren, wo Michi uns dann in sein Nachtleben eingeführt hat. Das war sehr schmerzhaft. Wir waren noch jungfräulich. 

Michi: Bis auf die ersten zwei Auftritte, die im Jugendhaus stattfanden, haben wir alle unsere Konzerte in den ersten Jahren in Clubs gegeben. Unser ganzes Leben hat sich dort abgespielt: Smudo und Thomas haben zusammen im On-U hinter der Bar gearbeitet, ich habe Platten aufgelegt und Andy hat die Anlage eingestellt.  

Thomas: Die ganze Zeit war charakterbildend und stilprägend für uns. Die Nacht ist die Braut des Künstlers, sagt ein Spruch. Da passiert was, da begegnet man sich, da ist Gefühl, da ist auch Rausch. Da sind Sachen, die nimmst du mit nach Hause, die prägen dich auch, weil du das zum ersten Mal erlebst.  

Michi: Das ist ein wichtiger Safe Space und Sozialisierungsort für junge Menschen. Und wenn der fehlt, dann gibt es komische Stimmungen und Ausschreitungen in der Stadt, wie man zuletzt über Monate sehen konnte.  

Was war das stärkste Motiv fürs Ausgehen: Treffen mit Freunden, musikalische Inspiration – oder Hauptsache weg von zuhause? 

Michi: Es war ganz viel Musik. Wir sind Ende der 80er sehr früh über amerikanische GIs mit Hip-Hop in Berührung gekommen, als die meisten Leute mit dem Begriff noch gar nichts anfangen konnten. Es gab in Stuttgart mehrere Kasernen, dazu Plattenläden von und für die GIs. Und eben auch Clubs wie das Maddox, das spätere On-U, wo wir alle gearbeitet haben. Andy und Smudo haben im Maddox immer dem DJ beim Auflegen zugeguckt. Da standen die zwei dünnen Weißbrote neben DJ Rob, haben nicht getanzt, sondern sich Musik angehört. Unsere komplette Sozialisation basiert auf Nachtleben.  

Thomas: Durch den DJ haben wir viele Sachen erst kennengelernt, der hat für uns eine Vorauswahl getroffen. Das war der Wert eines Clubs.  

Welche Getränke haben Sie in der Anfangszeit konsumiert?  

Thomas: Smudo sagt ja in einem Reim, dass er Bananensaft mit Weizenbier getrunken hat – damit hänseln wir ihn noch heute, auch wenn er es nur ein oder zwei Mal getrunken hat. Ich habe erst mit 19 angefangen Alkohol zu trinken, und mochte es zunächst gar nicht. Aber als der Wodka in mein Leben trat, war es ein gutes Gefühl. 

Michi: Ich habe in der Boa meistens Long Island Ice Tea bestellt, weil der immer am dichtesten gemacht hat, wenn man wenig Geld hatte.  

Thomas: Heute schätze ich das Hochprozentige in kleinen Portionen.  

Rückblickend für die frühen Jahre: Wer waren für Sie die Meister der Nacht? 

Michi: Meister der Nacht ist ein Synonym für die Leute, die hinter den Kulissen der Amüsierbranche stehen. Da geht es nicht um den Star-DJ, sondern die ganzen Leute, ohne die das Nachtleben nicht funktioniert. Vom Türsteher über die Klofrau, Taxifahrer, Techniker, der dafür sorgt, dass der Sound gut ist. All diese Leute sind die Meister der Nacht.  

Sie sind zu einem recht frühen Zeitpunkt Ihres Lebens berühmt geworden. Das hat Ihr Ausgehverhalten vermutlich stark beeinflusst. Sie konnten ja nicht mehr ungestört am Tresen sitzen. Wie war das?  

Thomas: Stuttgart war überschaubar. Man kennt sich. Und man kannte sich auch schon vorher. Klar waren wir dann plötzlich die Fantas. Stuttgart war zum einen stolz, aber zum anderen waren wir ja vertraut, wie Familie. Da hat das Berühmtsein nichts ausgemacht – nur dass man jetzt für die Drinks zahlen konnte. So blieb es für uns normal, auszugehen.  

Michi: Im Club wirst du relativ schnell Teil des Ganzen. Da geht es nicht um Einzelne, gerade auf dem Dancefloor. Da geht es um die Community-Idee. 

Wie ist das heute? Gehen Sie immer noch in Clubs oder sind Sie mittlerweile zu alt? 

Thomas: Meine Zeiten sind vorbei. Es war aber auch einer der Gründe, in Clubs zu gehen, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten. Irgendwann ist man verheiratet und hat Kinder – das Interesse, eine Frau kennenzulernen, ist nicht mehr vorhanden bei mir. Deswegen brauche ich nicht mehr in einen Club. Und einen guten Jägermeister kann ich auch Zuhause genießen.  

Michi: Ich gehe ab und an noch in Clubs. Zwei, drei Mal im Jahr. Meistens merke ich, dass ich dann einer Fantasie hinterherjage. 

Thomas: Du wohnst ja auch in Berlin. Ich lebe in der Eifel.  

Treffen Sie Ihre Freunde mittlerweile öfter privat oder in Kneipen? 

Michi: Das ist ganz unterschiedlich bei Thomas und bei mir. Thomas freut sich, wenn der Brötchenmann vorbeikommt und der Postbote.  

Thomas: Ich geh selten aus. Wenn, dann mit den Fantas unterwegs. Wenn ich das mal mache, find ich‘s schön, und dann gebe ich auch viel Trinkgeld. 

Michi: Thomas ist wirklich der großzügigste Trinkgeldgeber, den ich kenne. 

Sehen Sie die Gastro-Branche durch die Pandemie gefährdet?  

Michi: Viele kleine Bars und Restaurants, die aus Idealismus geführt wurden, mussten aufgeben. Aber auch die anderen haben zu kämpfen. Es ist sehr viel Tapferkeit in der Szene zu beobachten. Viele haben sich durchgebissen. Denen bereitet der Mangel an Servicepersonal Probleme, dazu kommen die ganzen Corona-Auflagen. Auch wenn die Läden jetzt wieder aufhaben, ist schon zu befürchten, dass der ein oder andere das finanziell nicht schaffen wird.  

Hat die Politik die Gastronomie ausreichend unterstützt?  

Thomas: Das Problem ist vielschichtig. Zu sagen, die Politik hat versagt, wäre zu einfach. Wir bürokratisieren uns zu Tode, das ist ja bekannt, da kann nicht einfach einer die Tasche aufmachen. Ich weiß aber von vielen, die Hilfen bekommen haben. 

Haben Politik und Gesellschaft zeitweise die Kulturbranche vergessen? 

Thomas: Es herrschte am Anfang die Meinung, dass es ohne Kultur und Kunst schon geht. Dass die Gesellschaft auf diesen Bereich verzichten kann. Dabei macht Kultur eine Gesellschaft aus – denn da geht es ums Herz, um die Seele. Wenn das verloren geht, ist das keine Gesellschaft, auf die man stolz sein kann.  

Unterstützen Sie sich deswegen auch die Aktion "Meister der Nacht: Trinkgeld gehört dazu?" 

Thomas: Damit ein Fanta-4-Konzert stattfinden kann, braucht es nicht nur die vier Typen und ihre Band und ihre Crew. Es braucht alles – bis hin zum Parkplatzeinweiser, Taxifahrer oder Busfahrer. Wenn wir im Stadion spielen, braucht es an dem Tag mindestens 500 Mitarbeiter. Ohne die findet das Konzert nicht statt. Deswegen rufen wir auch auf zum Trinkgeldspenden auf. Für uns ist es normal gewesen, dass da ein Barkeeper steht, dass da jemand das Ticket abreißt, dass jemand für die Sicherheit sorgt. Aber das ist eben nicht normal. 

Sie haben erzählt, wie wichtig das Nachtleben für Sie war, um Ihre eigene Kunst zu schaffen. Jetzt gibt es aktuell viele Menschen zwischen 16 und 25, die seit fast 18 Monaten nicht mehr in Clubs gehen konnten. Wird das Auswirkungen auf die Kultur haben?  

Michi: Man muss zunächst mal sagen: Es war ja nicht alles unnötig, was da gemacht wurde. Es gab aus unserer Branche viel Rückhalt und Verständnis für die Corona-Politik der Regierung. Wir leben davon, dass die Gesellschaft gesund ist. Und was die Zukunft der Kultur angeht: Die Impulse werden auch weiterhin gesetzt. Die Kids treffen sich trotzdem in Kellern oder Parks. Das ist keine Boshaftigkeit oder Sorglosigkeit. Das ist ein ganz normaler menschlicher Antrieb. Wir müssen dafür sorgen, dass Clubs wieder funktionieren. Die Kids werden sich das nicht nehmen lassen. Die haben bislang sehr viel Solidarität gezeigt. Aber was willst du denn machen, wenn du jung bist? Du willst jemanden kennenlernen, willst dich verlieben, willst was erleben. Und automatisch die Sorge dafür tragen, dass die Kultur weiterlebt. Das passiert – egal, ob das zugelassen wird oder nicht. Wir würden auch appellieren an möglichst viele Leute, sich impfen zu lassen.  

Es gibt Situationen, wenn man unterwegs ist und dann zusehen muss, wie der Freund oder Bekannte beim Trinkgeld extrem knausrig ist. Wie damit umgehen: Sich seinen Teil denken – oder was sagen? 

Thomas: Ich find immer eine schöne Regelung: Einer zahlt, der andere gibt das Trinkgeld. Wenn der andere zu wenig Trinkgeld gibt, lege ich noch was dazu. Ich finde, es ist eine Wertschätzung des Service.  

Unter www.tggd.de gibt es weitere Informationen über die Aktion "Trinkgeld gehört dazu" sowie die Möglichkeit, zu spenden.


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