HOME

Die Geschichte von Felix und Debbie Harry: "Sie malte einen Kringel um meinen Nippel"

Bei einem Interview treffe ich mein Idol Debbie Harry. Nicht zum ersten Mal. Uns beide verbinden diverse Begegnungen über zwei Jahrzehnte und die persönliche Geschichte einer tiefen "Fanschaft".

Von Felix Bringmann

Debbie Harry und ich 1996 backstage in Kaiserslautern

Debbie Harry und ich 1996 backstage in Kaiserslautern

Dezember 1989. Deutschland, Europa. Die Welt ist im Wandel. Ich auch. Ich bin 16, sehe aus wie 13 und stehe nachts draußen vorm Batschkapp-Club in Frankfurt, eine S-Bahn rattert vorbei. Drinnen im Club hat gerade Debbie Harry ein Solo-Konzert gegeben, über das sich die "FAZ" zwei Tage später beschweren wird: Sie und ihre Band hätten so hart und schnell gespielt, als wollten sie zeigen, wie die Sex Pistols mit ihrem Werk umgegangen wären.

Jetzt warte ich vor dem Tour-Bus, in der Hoffnung, Madame Harry zu treffen, vielleicht sogar ein Autogramm zu bekommen. Die Vorhänge der Busfenster sind halb zugezogen, ich kann einen Fernseher sehen, der an der Decke angebracht ist - auf dem Bildschirm sind nackte Leiber zu sehen. Nicht zu fassen: Im Club hat grad der schönste Mensch des Universums ein höllenlautes Konzert gegeben, und im Bus hat ihre Mannschaft einen Hardcore-Porno laufen.

Ich treffe Debbie heute nicht. Mein ältester Bruder holt mich mit dem Auto ab und verfrachtet mich wieder in die südhessische Kleinstadt, in mein Jugendzimmer. Aber etwas hat sich geändert - als sei eine Mauer eingerissen worden. Ich bin jetzt Hardcore-Fan.

Und meine Mutter wird dafür noch zahlen müssen.

Januar 2014.

"Felix, wir können Debbie Harry in Berlin zum Interview treffen!" Viele Wandlungen habe ich durchlaufen. Inzwischen bin ich 40, seit ein paar Jahren Grafiker beim stern in Hamburg, und unser Kulturredakteur Hannes Ross eröffnet mir die ultimative Chance - ich fasse es nicht. Die Band ist jetzt genauso alt wie ich, 1973 gegründet. 40 Jahre Blondie, ein neues Album soll im Frühjahr kommen, zwei Pressetage in Berlin sind Ende Februar angesetzt für Vorab-Promotion. "Du kommst mit", sagt Hannes. Ich darf mit zum Interview? Sehe sie von Angesicht zu Angesicht? Ich werde bestimmt kein Wort rauskriegen, schwitzig sein, nur Unsinn reden.

Sie wird mich hassen.

400 Mark für den Notfall

September 1994.

Meine Eltern bereiten sich auf sechs Monate USA vor, mein Vater wird in der Nähe von New York arbeiten. Mein Abi habe ich hinter mir und leiste jetzt meinen Zivildienst. Ich soll auf Haus und Hund aufpassen.

"Wenn irgendwas sein sollte und du dringend Geld brauchst - hier sind mein Sparbuch und das Kennwort." Mühsam hat sich meine Mutter 400 DM zusammengespart und vertraut sie mir an. Für den Notfall. Und der tritt ein.

Meine Eltern sind grade abgeflogen, als englische Zeitungen verkünden, dass Debbie Harry auf UK-Tournee kommt. Was soll ich jetzt machen? Ticket und Flug müssen her, wo ich schlafen kann, ist mir egal. Ich plündere Mutters Konto. Flüge sind damals teuer, auch die langwierige Besorgung des Konzerttickets über eine deutsche Mittler-Agentur. Auf nach London, in den Bus nach Cambridge, ich komme bei einer pakistanischen Familie unter, Bed & Breakfast, in einem vollrosa Zimmer mit Rüschenvorhängen.

Werde ich sie diesmal treffen? Vielleicht vor dem Konzert, wenn sie zum Soundcheck geht? Ich weiß inzwischen, wie das läuft, viele Konzerte habe ich besucht seit jener Nacht in Frankfurt - Suicidal Tendencies, The Cult, Cyndi Lauper, Peter Gabriel, Iggy Pop, The Pogues, Metallica. Aber nun verlaufe ich mich in der unbekannten Stadt und komme zu spät zur Halle. Du hast sie verpasst, sie ist gerade reingegangen, sagen mir andere Fans.

Die Sache mit den 400 Mark habe ich meiner Mutter später gestanden - war ja ein Notfall. Sie schaute mich kurz an und sagte: "Weißt du, Felix, ich habe mich als junger Mensch so was nie getraut - ich finde gut, dass du dich traust."

Sie beugt sich runter und küsst mich auf den Mund

Juli 1995, Kassel.

Debbie Harry geht mittlerweile ganz andere Wege - und kommt mit den New Yorker Jazz Passengers nach Deutschland. Ein kleines, avantgardistisches Bandprojekt, jenseits des Rockstar-Krams. Heute ist ihr 50. Geburtstag. Sie tritt in Nordhessen auf, auf einem kleinen alternativen Jazzfestival. Das Beste daran: Die Musiker müssen dieselben aufgestellten Klos benutzen wie die Gäste. Geil. Ich muss einfach in der Nähe der Klos warten. Ich sehe inzwischen sehr anders aus: zwei Nasenringe, Kopftuch mit Schädeln drauf, die Stoppelhaare darunter sind lila, Unterhemd und Schlafanzughose. Und immer einen kleinen Block dabei. Zeichnen ist meine andere große Liebe, ich kritzle immer irgendwas. So lungere ich auf einer Bank vor den Festivalklos rum.

Und dann kommt auf diesem banalen Kieselweg an der Kasseler Orangerie das personifizierte New York: Im hautengem Leopardenkleid und mit Sonnenbrille schreitet die Göttin zielsicher Richtung Klo. "Äh ... Debbie ...", kriege ich raus. "I gotta pee!", sagt sie und läuft gutgelaunt an mir vorbei. Ok, mir bleibt also eine kurze Pinkelpause. Ich zeichne sie schnell aus dem Gedächtnis in diesem Wahnsinnskleid.

Vor mir Gänseblümchen auf der Wiese, ich pflücke ein paar. "Yepp?", raunt es neben mir. Sie steht vor mir, sie ist tatsächlich wieder zu mir gekommen! Ich schaue auf in das damals meistfotografierte Gesicht der Welt und sage "Happy Birthday, Debbie" und reiche ihr die Zeichnung und die Blumen. Ich bin in Schockstarre. Sie sagt nichts weiter. Sie beugt sich runter - und küsst mich auf den Mund. Wow. Sie bedankt sich und geht zurück in den abgezäunten Bereich für die Bands.

Gott ist gut zu mir.

Sechs Monate später treffe ich sie in Kaiserslautern. Die Jazzband kennt mich inzwischen, sie nehmen mich tatsächlich mit backstage. Debbie erkennt mich! Sie fragt, ob ich nicht mal gepierct gewesen sei. Stimmt, aber die Nase hatte sich entzündet, die Ringe mussten raus. "Ich habe deine Zeichnung noch", sagt sie. Mein Gekritzel. Die Frau war mit Andy Warhol befreundet, er hat sie porträtiert! Und sie hebt meine Zeichnung auf.

Debbie, can you sign my titt?

22. November 2003, Hamburg.

Blondie lösten sich 1982 auf. Chris Stein, ihr damaliger Lebensgefährte und Gitarrist, erkrankte schwer auf Tour. Bis dahin hatte die Band aus der New Yorker Punkkaschemme einen Ritt durch alle Hitlisten und Musikgenres hingelegt. Dann gab es nur noch die Drogen. Debbie Harry selbst hat zwei Heroinentzüge hinter sich. Chris Stein bekennt, 20 Jahre lang auf Dope gewesen zu sein. Blondie ist vorbei. Aber die Musik bleibt.

Debbie macht solo weiter, Chris Stein immer an ihrer Seite. Bis sich die Band 1998 reformiert und mit "Maria" schlagartig wieder Nr. 1 ist. Sie touren wieder regelmäßig. Heute Nacht in Hamburg, wo ich inzwischen lebe. Das Konzert ist natürlich ein Traum, aber ich habe immer noch kein Autogramm - und das nach all den Jahren. Also wieder warten, wieder vor dem Tour-Bus. Sie kommt. Und ist sofort umlagert, viele wollen ein Autogramm. Ich ziehe meine Jacke und T-Shirt aus, rufe "Debbie, can you sign my titt?" Sie schaut auf. Und kommt mit ihrem Edding auf mich zu, signiert meine linke Brust, zeichnet um meinen Nippel noch einen Kringel. Ein vergängliches Autogramm. Thank you, Madam.

Hamburg, 2014

Hannes hat für uns eine Stunde Audienz plus Shooting herausgeschlagen. Das Interview wird im Mandalay-Hotel am Potsdamer Platz stattfinden. Er bereitet sich für das Interview vor, liest alles, was es über Blondie gibt. Und dann hat er noch mich und meine Erinnerungen. Debbie Harry ist jetzt 68. Sie ist immer noch die Allergrößte. Sogar bei meinem Beruf, also auch, warum ich hier beim stern sitze, hat sie mir geholfen: Ich besuchte damals meine Eltern in Amerika. Und war zum Glück schon alt genug, New York alleine zu erkunden. Ich bin in die Clubs, die ich aus ihrer Historie kannte, CBGB's, Jackie60 im Meatpacking District, ins Café Roma in Little Italy, wo sie einmal Andy Warhol traf, wie ich aus einem seiner Tagebuch-Einträge wusste. Sie ist übrigens die einzige, die darin gut wegkommt. "Wenn ich mal ein Facelift habe, möchte ich aussehen wie Debbie Harry", schrieb er.

Ich buche eine Suite und zahle sie selber

Berlin, 2014.

Einen Tag vor dem Interview fahre ich hin, der Fotograf Florian holt mich ab. Wir fahren in das Mandalay-Hotel am Potsdamer Platz und schauen uns den Raum an, wo das Gespräch und das Shooting stattfinden sollen: weiß, kalt, funktional. Keine gute Atmosphäre. Kurzerhand buche ich selber die nächstbessere Suite - und zahle sie selber.

Die Nacht ist unruhig, am nächsten Tag sind Hannes und ich um 10.30 Uhr dran. Es geht los, Fahrstuhl, den Hotelgang entlang. Und da kommt sie uns entgegen, Debbie Harry persönlich. Mein Herz bummert. Sie wirkt distanziert - und sieht wunderschön aus. Wir gehen in die Suite, Debbie sitzt sehr aufrecht, konzentriert, lakonisch im Blick, Chris lungert bequem neben ihr. Zunächst führt Hannes das Interview, Debbie ist etwas kühl, Chris redet die meiste Zeit. Nach 15 Minuten traue ich mich mitzureden. Ich habe Bilder mitgebracht, Debbie als kleines Kind, Adolf Hitler mit seinem Schäferhund Blondi (Blondie haben auch schon mal unter dem Pseudonym "Adolph's Dog" veröffentlicht), Debbie in Hochzeitskleid auf der Bühne (lange vor Madonna zerriss sie es auf Konzerten).

"Wo habt ihr all diese Bilder her?", fragt Debbie und wird nun etwas weicher. Ich frage sie nach ihrer Adoption, was es für ein Gefühl war, als der Detektiv, den sie in den 1990er Jahren mit der Suche ihrer leiblichen Mutter beauftragte, ihr mitteilte, die Frau lehne jeden Kontakt ab. "Ich bin Sängerin und auch eine Schauspielerin, gehe zu Auditions. Ich bin es gewohnt, im Leben auch abgewiesen zu werden", sagt sie.

Fühle sie, die Ex-Heroinabhängige, immer noch eine Gefahr, die von Drogen aus für sie ausgehen? "Nein. Gestern Abend ging ich hier in Berlin auf der Friedrichstraße lang, da kam mir dieser Mann entgegen: Schlurfender Gang und während er sich eine Zigarette anzündete, schien er gleichzeitig beim Gehen einzuschlafen - die typische Junkie-Erscheinung."

Dann erzählt sie, wie sie ein paar Tage vorher mit Bill Gates in einer schwedischen Talkshow tuschelte: "Er hat dieses interessante Projekt, ich finde das super und unterstützenswert." Chris fügt hinzu: "Er sah aus wie ein Nerd."

"Übrigens, ich kann Deutsch lesen", sagt Debbie, "dann verstehe ich auch was. Aber wenn es gesprochen wird, keine Chance."

Aber sie hat doch Deutsch gesungen, bei ihren ersten Punkkonzerten hat die Band manchmal mit Brechts "Bilbao-Song" aus der Dreigroschenoper angefangen. "Ja, das stimmt", sinniert sie, "aber ich erinnere die Zeilen nicht mehr wirklich." Da stelle ich mich auf, vor Chris und Debbie, und singe ihnen die letzte Zeile des Songs vor: "... er war der schönste auf der Welt!" Beide lachen. Ich habe grade vor Rock-Ikonen gesungen.

Abends treffe ich beide dann zum Shooting im Hotel wieder. Während Debbie für die Kamera posiert, zeigt mir Chris Stein auf seinem iPhone sein Haus. Er ist ein verdammt netter Kerl. Debbie kommt noch mal auf mich zu. "Vielen Dank für deine Geduld heute morgen mit mir." Stimmt, sie war anfangs etwas schroff - aber meine Heldin entschuldigt sich gerade bei mir. Sehr surreal. Ich bitte sie um ein Autogramm auf dem ersten Blondie-Album. Sie signiert, gibt es mir wieder - und sagt dann: "Nie hätte ich es zu träumen gewagt, dass wir es bis heute mal schaffen."

Warum denkt sie so etwas? Göttinnen schaffen doch alles.

Vom Interview mit Debbie Harry und Chris Stein und was die beiden über Drogen denken, lesen Sie ab Donnerstag im neuen stern

.

print