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Keine Ahnung von Auschwitz: So genial erklärt ein Lehrer seinen Schülern den Echo-Skandal

Wie erklärt man Jugendlichen, was an den Aussagen von Farid Bang und Kollegah so problematisch ist? Einem Lehrer ist das auf beeindruckende Art und Weise gelungen. Auf Facebook hat er seine Erfahrung geteilt.

Eine Schülerin meldet sich im Klassenzimmer

"Ja, Mann! Farid und Kollegah, die sind krass!" – wie erklärt man jugendlichen Rap-Fans den Echo-Skandal?

DPA

Noch immer schlägt die umstrittene Verleihung des Echo-Musikpreises an die deutschen Rapper Kollegah und hohe Wellen. Nach der anhaltenden Kritik hat sich der Veranstalter mittlerweile öffentlich entschuldigt. Doch trotzdem wollen zahlreiche Promis – darunter Marius Müller-Westernhagen – ihre Echos wegen der Auszeichnung der beiden Deutschrapper zurückgeben.

Was ist überhaupt passiert? Hintergrund der ganzen Debatte sind frauen- und menschenverachtende Textzeilen auf der gemeinsamen EP "Jung, brutal, gutaussehend 3" von Farid Bang und . Trotz massiver Kritik wurden die beiden Künstler in der Kategorie "Hip-Hop/Urban" ausgezeichnet. In dem Song "0815" rappt Farid Bang unter anderem: "... mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen." Über diese Textpassage wird seit der Echo-Nominierung heftig diskutiert.

"Frauenverachtender und antisemitischer Scheiß"

Wie reagieren Jugendliche, bei denen die Rapper besondere Beliebtheit genießen, auf den Skandal? Weil seine Schüler weder den Skandal noch die ganze Debatte danach verstehen konnten, hat sich der Lehrer Jörg Heeb nun zu einer so eindrücklichen wie effektiven Maßnahme entschieden – und seine Erfahrung auf Facebook geteilt.

„ICH KANN DAS NICHT ERKLÄREN, ICH FINDE ES EINFACH KRANK!“ Vergangene Woche hat mich der Chef-Homie aus einer meiner...

Gepostet von Jörg Heeb am Samstag, 14. April 2018

Der Lehrer erklärt, dass ein Schüler, den er selbst als "Chef-Homie" bezeichnet, ihn in der Pause nach seiner Meinung zu Farid Bang und Kollegah gefragt habe. Darauf hat Heeb geantwortet, dass das "fremden- und schwulenfeindlicher, frauenverachtender und antisemitischer Scheiß" sei. Doch der Schüler habe gar nicht gewusst, was "antisemitisch" überhaupt bedeutet. Das war für den engagierten Lehrer Grund genug, den Echo-Skandal zum Unterrichtsthema zu machen. Er schrieb die als antisemitisch eingestufte Textzeile an die Tafel und wartete ab, was passiert.

"Sollen wir das abschreiben?"

Statt Empörung oder Aufregung hat eine Schülerin lediglich gefragt, ob sie den Text abschreiben sollten. Als der Lehrer das verneint hat und wissen wollte, was seinen Schülern dazu einfällt, machte sich sogar Begeisterung über die Rapper breit: "Farid und Kollegah, die sind krass!" und "Voll die Maschinen". Auf die Frage, was Auschwitzinsassen überhaupt sind, gab es keine Antwort.

Um den Schülern das zu erklären, hat Heeb einige Stellen aus Primo Levis "Ist das ein Mensch?" vorgelesen und ihnen anschließend die Ausmaße des Holocausts  geschildert und zwei Bilder an die Leinwand projiziert. Auf dem einen Foto war ein durchtrainierter und von Muskeln bepackter Mann zu sehen – mit einem ähnlichen Körperbau wie dem von Farid Bang und Kollegah. Auf dem zweiten Foto ein völlig abgemagerter KZ-Häftling.

Betretenes Schweigen im Klassenzimmer

Plötzlich sei es für ein, zwei Minuten ganz ruhig im Klassenzimmer geworden. Heebs Schilderungen und die beiden Fotos hatten offenbar ihr Ziel erreicht. Dann bricht eine Schülerin das Schweigen und meint, dass die Textzeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen …" "geschmacklos" sei. Andere Mitschüler pflichten ihr bei.

Heebs Erlebnis zeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Unterricht ist – auch heute noch. Jugendlichen – insbesondere Fans von den umstrittenen Rappern – muss oft erklärt werden, worin das Problem mit der Zeile besteht und warum sich die halbe Bundesrepublik gerade über die beiden Gangsta-Rapper echauffiert. Heeb hat mit seiner Aufklärung im Klassenzimmer in jedem Fall einen Nerv getroffen. Über 8000 Mal wurde sein Post geteilt, mehr als 14.000 Personen gefällt der Post.

Warum wissen deutsche Schüler nicht, was Auschwitz ist?

Jörg Heeb hat den Medienrummel um seine Person längst über. Er lehnt mittlerweile alle Medienanfragen ab und hofft nur noch, dass der Hype um seine Unterrichtseinheit schnell abflaut. Doch es geht um viel mehr als seine erfolgreiche Arbeit im Klassenzimmer. Seine Geschichte offenbart eine erschreckende Schwachstelle des deutschen Bildungssystems: Vielleicht ist das größte Problem nämlich gar nicht die Textzeile von Farid Bang, sondern vielmehr, dass deutsche Schüler gar nicht mehr wissen, was vor wenigen Jahrzehnten in Auschwitz passiert ist.

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hh