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Echo-Eklat: Wie antisemitisch ist der Deutsch-Rap?

Seit dem Echo-Eklat um Kollegah und Farid Bang wird diskutiert, ob der Deutsch-Rap ein Antisemitismus-Problem hat. Nur auf die Texte zu schauen, greift dabei jedoch zu kurz.

Kollegah im Video "Apokalypse"

Bücherverbrennung anno 2016: Im Video zu "Apokalypse" wirft Kollegah Bücher in die Flammen.

"Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen": Seit die Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang vergangene Woche mit dem Echo ausgezeichnet wurden, wird diese Zeile aus ihrem Song "0815" immer wieder als Beispiel für den Antisemitismus herangezogen, der im deutschen Hip-Hop herrscht. Doch so geschmacklos der Text ist: antisemitisch ist er nicht.

Tatsächlich ist das Problem deutlich größer, als es der Wirbel um den Echo erahnen lässt. Die vom WDR produzierte TV-Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" hat sich mit dem Thema eingehend beschäftigt, und einige schockierende Erkenntnisse hervorgebracht.

P.A. Sports sieht keinen Antisemitismus

Da sitzt etwa der iranisch-stämmige Rapper P.A. Sports und behauptet ohne mit der Wimper zu zucken: "Dass Juden überall auf der Welt geschäftlich erfolgreich sind, ist etwas, was allgemein bekannt ist." Mit dem Begriff "Holocaust" hat er auch keine Berührungsängste. So nahm er zusammen mit Kollegah den Track "HS.HC" auf. Er ist an den jüdischen Rapper SpongeboZZ gerichtet und steht für "Hurensohn Holocaust". Das sei jedoch nicht antisemitisch, es bedeute nur, dass "alle Hurensöhne vernichtet werden", wie P.A. Sports erklärt, der im gleichen Atemzug beteuert, es gebe keinen Antisemitismus im deutschen Hip-Hop.

Doch nichts ist falscher. In der Doku analysiert der Politikwissenschaftler Jakob Baier Kollegahs 13-minütiges Video "Apokalypse", das voller antisemitischer Klischees und Vernichtungsfantasien steckt. Darin inszeniert sich Kollegah als eine Art Messias, der in den Kampf zwischen Gut und Böse eingreift und die Welt rettet.

Kollegah kämpft gegen das Böse

Das Böse wird hier gesteuert aus einem Finanzturm in London, der Diener des Teufels trägt einen Ring mit dem Davidstern am Finger. Die Entscheidungsschlacht findet auf dem Tempelberg in Jerusalem statt, und am Ende heißt es unter anderem: "Etliche Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, die Menschen auf der Erde leben friedfertig zusammen. Man sieht wie Buddhisten, Muslime und Christen gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten."

Frieden kann also in dieser Welt erst einkehren, wenn das Judentum nicht mehr existiert. Das ist ein eliminatorischer Antisemitismus in Reinform. Als Krönung verbrennt Kollegah am Ende Bücher.

Antisemitismus als "Israel-Kritik" verpackt

Bei anderen Rappern kommt der Antisemitismus harmloser daher und ist als "Israel-Kritik" getarnt. So prangt auf Bushidos Twitter-Profil anstelle seines Gesichts eine Landkarte, die die Umrisse des Staates Israel zeigt, allerdings überdeckt mit den Farben der palästinensischen Fahne. Daneben steht "Free Palestine".

Der 45-minütige Film von Viola Funk bringt viel Erschreckendes zutage und zeigt, wieso es zu kurz greift, nur auf die Texte der Rap-Songs zu schauen. Die problematischen Botschaften verbergen sich meist im Drumherum.

Doch die Dokumentation enthält auch eine hoffnungsvolle Botschaft: Die Fans können mit den Inhalten der Musik differenzierter umgehen, als man das vielleicht erwartet. Nur weil einige Rapper antisemitische Klischees transportieren, bedeutete das eben nicht, dass jeder Hörer auch so denkt.

Die Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" wurde erstmals im März ausgestrahlt. Sie ist in der ARD-Mediathek abrufbar.


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