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TV-Kritik

1. Halbfinale Eurovision Song Contest : Vollweib trifft auf Busenwunder - Showdown der ESC-Extreme

Die eine ist gertenschlank und tanzt verboten verführerisch. Die andere ist ein Vollweib, das mit guter Laune die Gleichberechtigung der Geschlechter einfordert. Beide liegen im Kampf um die ESC-Krone an der Spitze. Am Dienstagabend kam es zum ersten Showdown.

Von Lars Peters

ESC: Eleni Foureira (Mitte, l.) für Zypern und Netta  für Israel

Noch jubeln sie gemeinsam: Eleni Foureira (Mitte, l.) für Zypern und Netta für Israel nach der Bekanntgabe der Ergebnisse im ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest

DPA

Auch wenn Deutschland erst beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am Samstag in den Ring steigt, läuft der Wettbewerb in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon bereits auf Hochtouren. Am Dienstagabend fand dort das erste Halbfinale statt. Von 19 Teilnehmern konnten sich nur zehn für das Finale qualifizieren. Mehrere von ihren waren als Favoriten ins Rennen gestartet, nicht für alle nahm der Abend ein gutes Ende.

Besonderes Augenmerk lag auf zwei Künstlerinnen: der Griechin Eleni Foureira, die für Zypern antritt, und Netta aus Israel. Beide Frauen sind auf ihre Art Phänomene. Netta Barzilai ist 25 Jahre alt und fällt mit ihren schrillen Klamotten und ihrem poppig-innovativen Musikstil auf. Als ihr ESC-Beitrag "Toy", der die Metoo-Debatte aufgreift und sich für die volle Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt, Mitte März veröffentlicht wurde, stürmte er umgehend an die Spitze der Wettbüros. Alle gingen von einem unangefochtenen Sieg der Israelin aus.

Eleni Foureira beim ersten Halbfinale des ESC

Geizt nicht mit ihren Reizen: Eleni Foureira  startet beim ESC für Zypern

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Innovativer Spaß-Pop gegen sexy Ethno-Pop

Zumindest bis gestern, dem Tag des ersten Halbfinales. Da übernahm plötzlich die zyprische Vertreterin Eleni Foureira die Führung bei den Wettquoten. Bereits bei den ersten Proben hatte sie mit ihrem Auftritt beeindruckt, bei der Generalprobe überzeugte sie dann aber vollständig. Eleni Foureira ist wie die Israelin Netta eine starke, selbstbewusste Frau – ansonsten jedoch das totale Gegenteil: der Körper der 31-jährigen Griechin ist vollständig schönheitsoptimiert und sie setzt die klassischen, manche würden sagen: klischeeartig-billigen weiblichen Waffen ein, wo immer es ihr einen Vorteil bringt. Dem entsprechend sprüht ihre Ethno-Pop-Nummer "Fuego" nicht nur vor Feuer, sondern auch vor jeder Menge Erotik. Eine Augenweide, gewiss, aber ohne jegliche Distanz zu sich selbst. Ganz im Gegenteil zur Israelin, die zwar auch gerne ihre Kurven zur Geltung bringt, das jedoch immer mit einem Augenzwinkern macht.

ESC-Teilnehmerin Netta aus Israel

Mit ihrem ESC-Beitrag "Toy"greift Netta aus Israel die Metoo-Debatte auf und setzt sich für die volle Gleichberechtigung der Geschlechter ein

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Das erste Aufeinandertreffen dieser beiden Frauen, die verschiedener nicht sein könnten, endete am Abend im ersten Halbfinale mit einem Unentschieden – denn noch wissen wir nur, dass sich beide fürs Finale am Samstag qualifiziert haben, aber nicht, wer welchen Platz dabei erreichte. Die alles entscheidende zweite Runde folgt für Eleni Foureira und Netta dann in drei Tagen.

Österreich ist weiter, die Schweiz raus

Im Finale treffen sie neben den festgesetzten Big-5-Ländern Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien sowie Gastgeber Portugal auch auf den Österreicher Cesár Sampson, der sich mit seiner hymnischen Gospelnummer "Nobody But You" im Gegensatz zu dem Schweizer Geschwister-Duo Zibbz qualifizieren konnte. Erwartungsgemäß weiter sind auch die düstere, bulgarische Retorten-Formation Equinox, die estnische Pop-Arien-Sängerin mit dem buntbeleuchtbaren Kleid und der hippe, junge Tscheche mit seinem Rucksack und den coolen Dance-Moves.

Cesár Sampson aus Österreich

Konnte sich mit seinem Song "Nobody but you" ebenfalls qualifizieren: Cesár Sampson aus Österreich

AFP


Mit einem ziemlich überinszenierten Auftritt, den es so nur beim ESC gibt, und dem durchschnittlichen Dance-Titel "Monsters" rettete sich die Finnin Saara Aalto ins Finale. Dafür sang sie zeitweise über Kopf und ließ sich rücklings von einem Podest in die Arme ihrer Tänzer fallen. Ebenfalls mit einem Finalticket belohnt wurde die ehrliche Rocknummer des Albaners Eugent Bushpepa, der die wohl beste Stimme des ganzen Abends hatte.

Auch zwei sehr ruhige Balladen dürfen am Samstag um den ESC-Sieg mitsingen: Die Lettin Ieva Zasimauskaitė und der Ire Ryan O'Shaughnessy. Gerade seine Qualifikation kam für viele überraschend, weil das Lied eher abgestandene Boygroup-Ware aus den 1990ern ist. Außerdem wird die Aussage des Songs erstmalig beim ESC durch zwei männliche Tänzer als schwule Liebesgeschichte inszeniert. Das russische Fernsehen hatte deshalb angeblich bereits mit Hinweis auf das im Land geltende Verbot von "Homo-Propaganda" angekündigt, das erste ESC-Halbfinale nicht übertragen zu wollen (was sie auch nicht unbedingt müssen). Um im nächsten Jahr beim ESC aber wieder mitmachen zu dürfen, muss der russische Sender jedoch sehr wohl das Finale übertragen – und zwar mit der irischen Nummer. Allein dafür haben die Iren die Qualifikation verdient.

Nach rund zwei Stunden standen die ersten Sieger des ersten ESC-Halbfinales fest

Nach rund zwei Stunden standen die ersten Sieger des ersten ESC-Halbfinales fest

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Zu viele Balladen schmälern deutsche Chancen

Weniger positiv ist das Weiterkommen der beiden Balladen aus Irland und Litauen hingegen für den deutschen Vertreter Michael Schulte. Sein Song "You Let Me Walk Alone" hat zwar seit dem Beginn der Proben viel Zuspruch bei den Experten und Buchmachern gefunden. Ein Ergebnis zwischen dem 10. und 15. Platz scheint möglich. Da das Lied aber auch eher getragen ist und auf Emotionen setzt, bedeutet jeder weitere Beitrag in diesem Genre zusätzliche Konkurrenz. Bleibt zu hoffen, dass beim zweiten Halbfinale am Donnerstag, bei dem dann auch die deutschen Zuschauer mit abstimmen dürfen, nicht noch weitere Balladen ins Finale gewählt werden.

Zu wünschen ist bis dahin auch, dass die vier – tatsächlich V-I-E-R – Moderatorinnen der Veranstaltung ein besseres Manuskript und vor allem bessere Gags geschrieben bekommen. Denn das, was sie im ersten Halbfinale boten, war uninspiriert und häufig zum Fremdschämen. Viel hilft eben nicht immer viel – und die Musik allein ist selbst beim ESC nicht alles.

Sehen Sie im Video: "Mit diesen zehn Fakten können Sie beim diesjährigen ESC richtig angeben"

ESC 2018