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Eurovision Song Contest

Medienkolumne zum ESC 2011 Das trällernde Sommermärchen


Die ARD hat die Olympischen Spiele des populären Gesangs hinter sich. Können wir Deutschen eine Show für 120 Millionen Zuschauer? Ja, aber ...
Von Bernd Gäbler

Der Auftakt

Für die meisten Fernsehzuschauer war es eine Überraschung, aber aus den Proben war es längst durchgesickert: das Knallbonbon zum Auftakt. Normalerweise pflegt der Vorjahressieger den ESC in seinem Heimatland zu eröffnen, wie aber ist das im Falle einer "Titelverteidigung" zu regeln? Indem der Mentor himself zu Mikrofon, Gitarre und Schlagzeug greift. Stefan Raab fletschte sein Gebiss zu einer rockigen Version von "Satellite", die tatsächlich gut abging. Kurz wie in einem Flash tauchte zwischen 43 Lena-Doubles dann doch noch die echte auf: ein schöner Auftakt, besser als jedes bräsige Intro.

Und die

Show

selbst? Die verschiedenen Elemente griffen flott ineinander, hübsch waren die Postkartenfilmchen vor jedem Song, schön knapp die Moderationen - bis hin zur Abstimmerei lief alles ganz flüssig und stimmig. Aber gab es auch Höhepunkte, eine Dramaturgie, die mehr war als eine saubere Reihung; einen Stimmungswechsel? Mal ein Element der Überraschung im perfekten Durchlauf? Alles lief wie am Schnürchen, aber eventuell hätte etwas Tempowechsel der Stimmung nicht geschadet. Jan Delays Funk-Einlage wirkte vermutlich in der Halle mitreißender als am Bildschirm.

Gut wurde der Übergang zur Auszählerei bewältigt, als Stefan Raab Anke Engelke kurzerhand über die Schulter warf und auf die LED-Bühne trug, während diese weiter moderierte und so jedes Pathos unterlief.

Am Ende hätte es etwas schöner inszeniert werden können, dass Lena die Siegertrophäe an die Nachfolger aus Aserbeidschan übergab. Das geschah etwas zu beiläufig.

Die LED-Wand

Eine 60 mal 18 Meter große LED-Wand, die sich fließend über den Bühnenboden fortsetzt, macht optisch fast alles möglich. Mal wurde ein Song - der aus Serbien - mit den Lolli-Pop-Farben der bunten Sechziger hinterlegt; mal endete einer - das Siegerlied aus Aserbaidschan - mit einem gigantischen Licht-Wasserfall. Der französische Operntenor stand in einem Sonnenaufgangspanorama, Nadine Beiler, eine österreichische Whitney Houston, konzentrierte alles Licht und allen Bodennebel auf sich. Selten gab es eine größere technische Perfektion. Die Sänger und die auf sechs Personen limitierten Tänzer, Bläser oder Backgroundsänger bewegten sich inmitten großer Bilder. Optische Vielfalt war viel besser möglich als durch jede konventionelle Art des Bühnenbaus, und dennoch wurde die Show durch die gigantische Optikwand zwar keineswegs monoton, aber doch ein wenig uniform. Manchmal erschlugen die großen Bilder die kleinen Sänger, die dann wirkten wie ein Streichholz in der Bilderflut.

Die Musik

Auch der Sound war perfekt. Am Ende gewann dann doch wieder eine ziemliche Schnulze; aber immerhin gab es eine recht breite stilistische Vielfalt, vom fürchterlich x-beliebigen spanischen Urlaubsliedchen, über schmetternden Tenorgesang, verrückten moldawischen Rock bis zu Jazz aus Italien. Auch Lenas "Taken by a stranger" konnte sich sehen lassen, war für diese Art Show aber vermutlich etwas zu sperrig und zu wenig herzenswarm. Man muss schon Fan sein oder sehr engagiert oder sich zwingen, ab und an einmal ohne auf den Bildschirm zu gucken, zuzuhören, um sich hinterher noch an besondere Titel zu erinnern. Ein paar Ohrwürmer - etwa "Lipstick" von den hibbeligen irischen Zwillingen "Jedwards" - waren dabei, aber es gab auch Pseudo-Gothic oder Lieder, bei denen vor allem die fliegenden Fönwellen der Sängerinnnen überzeugten. Natürlich gab es unterschiedliche musikalische Qualität, aber die Musik allein reichte nicht aus, um eine große Show zu tragen.

Die Moderatoren

Auch das Finale bestätigte den Eindruck, der schon in den Halbfinals zu gewinnen war: Stefan Raab, wieder mit Krawatte, mag alles sein, treibende Kraft hinter Lena, ein getriebener Erfolgsunternehmer, ein engagierter Musiker und wichtiger Entertainer - ein guter Moderator ist er nicht. Das liegt nicht nur an seinem hausgemachten Englisch, es fehlt ihm auch das Gespür für Timing und die richtige Tonlage.

Einen glatten Gegenentwurf zum Unperfekten stellte

Judith Rakers

dar, die es vom Newsdesk in die Showarena verschlagen hat, weil es in der ARD einfach keine Förderung von Unterhaltungstalenten gibt. Sie war "Miss Tadellos", die darauf achtete, nur ja keine Fehler zu machen. Das gelang, aber Emotionen entstehen so nicht.

Da war man dankbar für

Anke Engelke

, die nicht nur perfekt in mehreren Sprachen parliert, Witzchen macht ohne aufgesetzte Albernheit, mal mitswingt, mal einfach strahlt und ein Format gewonnen hat, das der Dimension der Show entsprach.

Dann gab es als Kommentator noch

Peter Urban

, der für einen angenehm distanzierten Retrosound sorgte. "Die Mutter der beiden kann einem leid tun", sagte er zu den doppelten Küblböcks aus Irland; "dabei rieselte der Song so mit durch", sagte er zum ukrainischen Auftritt, in dem Sandmalereien das Lied in den Hintergrund rückten. Das war immer wieder schön. Leider hat er auch für dieses Jahr nicht mehr das Rechnen gelernt, so dass er - ähnlich wie beim Lena-Sieg in Oslo - wieder zu spät merkte, wann der Sieger feststand.

Vorher, von 20.15 bis 21 Uhr, gab in der ARD überraschend der Pro-Sieben-Mann

Matthias Opdenhövel

, der auch anders kann, von der Reeperbahn leider einmal wieder nur den Schreihals, tatkräftig unterstützt von Ina Müller, der Claudia Effenberg der ARD, der alles zur Tresenanimation gerät.

Punktwertung

Normalerweise ist die endlose Punktevergabe in etwa so spannend wie die Liveübertragung einer Sitzung der Ethik-Kommission oder ein Statement von CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zur geglückten Regierungspolitik. Hier beim Eurovison Song Contest ist es aber auch eine Zeit für Ironie, Spekulation oder ein wenig Schimpfen auf nachbarschaftliche Kumpaneien. Jan Feddersen, als allwissender Experte in den ARD-Vorabendsendungen allgegenwärtig, hatte in einem aufwändigen "taz"-Aufsatz Stefan Raab der "Entschwulung" des ESC geziehen. Hier zeigte sich, dass dem keineswegs so ist. Es gehört im Gegenteil zur coolen "Camp"-Kultur, gerade während dieser endlos gedehnten Punkteorgie keineswegs in Ironie zu verfallen oder alles für einen gleichgültigen Schmarrn zu erklären, sondern mit unverminderter Aufmerksamkeit und unbedingt mit heiligem Ernst bis weit nach Mitternacht dranzubleiben. Anke Engelke hat auch das erleichtert.

Alles in allem

Insgesamt also können die Veranstalter zufrieden sein - ein Schuss mehr Herzblut hätte die Technik nicht so überbordend wirken lassen. Auf jeden Fall ist diese Größe, dieser Aufwand beherrschbar. Die Ziele für den Abend waren:

  • ein freudig feierndes Deutschland zu zeigen. Bei einem noch etwas besseren Abschneiden von Lena, die am Ende in der Show keine Rolle mehr spielte, wäre es noch eindrucksvoller gelungen
  • allen Künstlern die Gelegenheit zu geben, sich zu profilieren. Sie sollten im Zentrum stehen. Nicht das Gigantische, sondern das menschliche Maß sollte überwiegen. Das gelang nicht immer.

Vorlust ist nicht unendlich

Ein Problem für die mediale Aufbereitung von Ereignissen solcher Größenordnung wird auch zunehmend das Verhältnis von Ankündigung und der Sache selbst. Tag für Tag wurde eine Woche lang weitgehend am Publikum vorbei gesendet. Es gibt eine Art Vorspielimplosion des Mediums. Das Vorgeplänkel steht in keinem gesunden Verhältnis mehr zum Ereignis selbst. Auch die Programmplaner müssen lernen: selbst wenn Aufwand und Kosten noch so groß ist - die Vorlust ist nicht unendlich.


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